Freitag, 09. Januar 2009, 22:10:26 Uhr, NZZ Online
tox./cn. Eine so deutliche Abfuhr für das Zürcher Kongresshausprojekt hat wohl niemand erwartet. Hochbauvorsteherin Kathrin Martelli stand die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, als am Sonntagnachmittag die Resultate aus den Wahlkreisen eintrafen. In keinem einzigen überwogen die Ja-Stimmen. Am deutlichsten Nein sagten mit 63,6 Prozent die Schwamendinger. Am glimpflichsten fiel das Verdikt mit 54,8 Prozent Nein-Stimmen am Zürichberg und im Seefeld aus. Nachdem der Landkauf für den Bau des Kongresshotels gescheitert ist, muss das gesamte Projekt begraben werden. Ein Kongresszentrum ohne Hotel lasse sich nicht wirtschaftlich betreiben, sagen Experten. Gemäss dem Projekt der Stadt sollte am Ort des bestehenden Kongresshauses nach den Plänen des Spaniers Rafael Moneo ein Zentrum für rund 2500 Kongressteilnehmer erstellt werden. Der Glaskristall hätte laut Stadtrat zu einem neuen «Merkpunkt» am Zürichsee werden sollen.
Martelli sagte, das Resultat sei kein grundsätzliches Nein zu einem neuen Kongresszentrum. Ein Teil der Bevölkerung habe Schwierigkeiten mit der baulichen Veränderung Zürichs. Finanzvorstand Martin Vollenwyder sprach von einem «hoch emotionalen Standort». Viele Zürcher verbänden wichtige Erinnerungen mit dem Kongresshaus. Dazu sei das geschlossene Nein der Architekten gekommen. Da es Zürich heute gutgehe, sei es schwierig, der Bevölkerung zu vermitteln, dass man Investitionen für die Zukunft tätigen müsse. Vollenwyder und Martelli versprachen, sich jetzt nicht ins Schneckenhaus zurückzuziehen. Man werde eine Auslegeordnung machen und neue Standorte evaluieren. Der finanzielle Schaden für die Stadt betrage dank der Public-Private-Partnership (PPP) höchstens 1,9 Millionen Franken. Vollenwyder sagte warnend, die Stadt komme nach dem Nein nicht günstiger weg. «Wir müssen uns bei einem neuen Kongresszentrum engagieren und zusätzlich die Infrastrukturen von Tonhalle und Kongresshaus sanieren.» SP-Gemeinderat Peter Stähli, der sich als Co-Präsident des befürwortenden Komitees stark für die Vorlage eingesetzt hatte, war von der Abfuhr an der Urne überrascht. Er habe mit mindesten 55 Prozent Ja-Stimmen gerechnet. Das klare Nein zeige, dass es Zürich im Moment sehr gutgehe.
Die Gegner freuten sich unverhohlen über das deutliche Resultat. Der Präsident des Zürcher Heimatschutzes, Marcel Knörr, zeigte sich überzeugt, dass die Zürcherinnen und Zürcher die Silhouette der Stadt an diesem heiklen Punkt bewahren möchten. Er sei sehr froh, dass das alte Kongresshaus erhalten werden könne. Es gebe bessere Standorte für ein zugegebenermassen notwendiges Kongresszentrum. Der Architekt und grüne Gemeinderat Pierino Cerliani, der sich im gegnerischen Komitee stark engagiert hatte, sicherte zu, sich für ein neues Projekt an einem anderen Ort einzusetzen. Auch der Architekturkritiker Benedikt Loderer sprach von einem «Auftakt für einen Neuanfang». Im Namen des gegnerischen Komitees forderte er, nun solle eine neue gemeinsame Trägerschaft für Kongresshaus und Tonhalle geprüft werden.
Die SP äusserte sich in einer Medienmitteilung skeptisch gegenüber einer PPP und forderte, der Gemeinderat müsse künftig besser in die Planung einbezogen werden. Angesichts der Wichtigkeit eines Kongresszentrums sei die Neuprojektierung umgehend aufzunehmen. Die FDP befürchtet, Zürich könne künftig im internationalen Standortwettbewerb nicht mithalten, da keine bedeutenden Kongresse stattfinden würden. Für die Neuplanung will sie am Modell der PPP festhalten. Die CVP schlägt einen runden Tisch vor.
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