Freitag, 09. Januar 2009, 22:25:17 Uhr, NZZ Online
tox.
Dass Zürich eine bessere Kongressinfrastruktur benötigt, bestreitet fast niemand. Aber soll es der markante Glaskristall am See sein, den der spanische Architekt Rafael Moneo entworfen hat? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Was für die einen Spitzenarchitektur ist, sehen die andern als «Koloss», der die Dimensionen der Stadt sprengt und das Seeufer verschandelt. Am 1. Juni werden an der Urne die ersten Weichen für den Neubau gestellt. Man kann Argumente dafür und dagegen vorbringen, beides mit einer gewissen Berechtigung. Aber letztlich ist ein Ja oder ein Nein vor allem eine Frage des Selbstverständnisses der Stadt Zürich. Will sie im internationalen Vergleich eher Mauerblümchen sein, kleinstädtisch, unterschätzt, mit Qualitäten, die nur ihre Einwohner kennen? Oder soll sich Zürich ein bisschen in Pose werfen dürfen? Soll die Stadt ihre Reize – durchaus mit der üblichen Zurückhaltung – in Szene setzen?
Moneo spricht von seinem Bau als einem Merkpunkt am See. Das neue Kongresszentrum will weder ein Eiffelturm sein noch ein Monument wie The Gherkin, das jüngste Architekturspektakel Londons. Der Spanier Moneo ist bekannt für seine Sensibilität fürs städtebauliche Ganze. Sein Entwurf ist keine Selbstinszenierung, sondern nimmt Rücksicht auf die Struktur der Stadt. Von einem Koloss zu sprechen, ist übertrieben. Das neue Kongresszentrum soll nirgends höher werden als das benachbarte Rote Schloss.
Aber der gezackte Glaskristall will und soll die Blicke auf sich ziehen. Moneo hat sein Können wiederholt unter Beweis gestellt. Dass sein Bauwerk die Skyline Zürichs am See verändern wird, ist nicht a priori schlecht. Für ein Kongresshaus ist der Standort fast perfekt. Zürich wird sich seinen Gästen von der besten Seite zeigen: mit Blick auf den See und die Alpen, mit der Bahnhofstrasse und den wichtigsten Kulturhäusern in Gehdistanz. Einzig die Verkehrserschliessung könnte besser sein.
Auch die Gegner wissen, dass Zürich eine bessere Kongressinfrastruktur braucht und ein Kongresszentrum der Tourismusbranche einen neuen Markt eröffnen würde. Besonders die Architekten unter ihnen wehren sich aber gegen den Abbruch des alten Kongresshauses aus der Landizeit. Niemand bestreitet, dass das ursprüngliche Kongresshaus von Häfeli Moser Steiger ein Denkmal der modernen Schweizer Architektur ist. Nur hat der fein komponierte Bau stark gelitten unter der unglücklichen Erweiterung in den 1980er Jahren. Für die Anforderungen heutiger Kongresse kann er nicht mehr hergerichtet werden. In Zürich müssen Anfragen für Kongresse mittlerer Grösse regelmässig abgewiesen werden. Der privilegierte Standort am See wird heute eindeutig zu wenig genutzt.
Ob das alte Kongresshaus erhalten oder ersetzt werden soll, ist nicht nur eine Frage seines architektonischen Werts. Es gilt, eine Güterabwägung vorzunehmen. Dabei spielen auch die Qualität des Neubaus und dessen Nutzen für die Öffentlichkeit eine Rolle. Die kantonale Baudirektion ist zum Schluss gekommen, das Moneo-Projekt rechtfertige es, das alte Kongresshaus aus dem Denkmalschutz zu entlassen. Weil ein überzeugendes Nutzungskonzept für die Zukunft des 70-jährigen Gebäudes fehlt, droht es zur Denkmalruine zu werden.
Wer hofft, man würde bei einem Scheitern des Moneo-Projekts in Kürze einen neuen Standort finden, der träumt. Es gibt in Zürich keine unbebaute, gut erschlossene Fläche, bei der nicht ebenfalls mit Widerstand gegen ein solches Vorhaben gerechnet werden müsste. Und vor allem gäbe Zürich mit dem Standort am See seinen besten Trumpf aus der Hand. Kongresszentren an Bahnhöfen, Flughäfen oder in der Peripherie gibt es in Europa zur Genüge. Will man ein Kongresshaus wirtschaftlich betreiben, muss es sich auf einem internationalen Markt behaupten, beispielsweise durch eine besonders attraktive Lage.
Die Kritiker bemängeln auch die Bedingungen, die ausgehandelt wurden mit der Familie der Besitzer des Grundstücks, auf dem das Kongresshotel erstellt werden soll. Diese will am Betrieb massgeblich beteiligt werden. Diese Bedingung musste die Stadt aber in Kauf nehmen, um das Land kaufen zu können. Über den Tisch ziehen liess sie sich nicht; der Quadratmeterpreis von 7000 Franken ist für die Toplage zwischen Bahnhofstrasse und See mehr als fair. Man mag sich an manchen Details des Vorhabens stossen, etwa dem engen Zeitkorsett, das eine Realisierung bis zum Jahr 2013 nötig macht. Einen Grund, dem Moneo-Projekt den Todesstoss zu versetzen, geben diese aber nicht. Bei einem Nein würde die Kongresshaus-Planung um 15 Jahre zurückgeworfen. In einer Branche, die in einem derart raschen Wachstum begriffen ist, ist das viel – zu viel.
In anderen Stadtteilen, etwa in den ehemaligen Industriegebieten, wächst Zürich rasch in die Höhe. Private Bauherren kennen das Potenzial der Stadt und investieren in Wohnungen und Büros an der Limmat. Auch der Bildungsstandort ist im Ausbau begriffen, man denke nur an Science City. Hochschulen, Verbände und Unternehmen haben ihren Bedarf an passenden Kongressräumen seit langem angemeldet. Diese bereitzustellen, ist kein Luxus, sondern eine Aufgabe der öffentlichen Hand im Standortwettbewerb der Städte. Dafür den besten Standort zu wählen, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Auch Einwohner, die keine Kongresse besuchen, werden profitieren: von den neugeschaffenen Arbeitsplätzen, vom Panoramarestaurant, von dem neuen öffentlichen Park bei der Villa Rosau und nicht zuletzt von einer Tonhalle, deren Backstage-Bereich endlich an die heutigen Anforderungen angepasst wird. Den Wermutstropfen, dass das alte Kongresshaus dem Neubau weichen muss, kann man dafür schlucken.
Leser-Kommentare: 0 Beiträge