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  • 19. Mai 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Soll das Kongresshaus dem Neubau von Moneo weichen?

    Soll das Kongresshaus dem Neubau von Moneo weichen?

    Heimatschutzpräsident Knörr im Gespräch mit Gemeinderat Stähli-Barth

    Modell des neuen Kongresshauses in Zürich Modell des neuen Kongresshauses in Zürich (Bild: NZZ/E. Matthys)
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    Braucht Zürich ein neues Kongresszentrum am See? Oder sollte man das Gebäude von 1937 erhalten und für den Neubau einen anderen Standort suchen? Der Präsident des Zürcher Heimatschutzes und ehemalige Gemeinderat Marcel Knörr (fdp.) debattiert mit Peter Stähli-Barth (sp.), Mitglied der vorberatenden Parlamentskommission.

    Interview: tox./rib.

     

    Zürich brauche ein neues Kongresszentrum, hört man immer wieder. Ist dies wirklich nötig? Und was darf sich die Stadt davon erhoffen?

    Peter Stähli: Zürich als Wissens-, Bildungs- und Wirtschaftsstandort benötigt ein neues Kongresszentrum. Marcel Knörr und ich haben uns beide im Gemeinderat dafür eingesetzt, dass Science City auf dem Hönggerberg gebaut werden kann. Auch die Universität und die Fachhochschulen werden ausgebaut. Da braucht es eine entsprechende Kongressinfrastruktur. Vor etwa einem Jahr fand an der ETH ein Mathematikerkongress statt. Die Organisatoren wussten nicht, wo sie die Besucher unterbringen und wie sie sie verköstigen sollten. Für die Stadt generiert ein Kongresszentrum zusätzliche Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Zürich hat ein Problem mit dem Klumpenrisiko der Finanzbranche. Ein Kongresshaus wäre ein weiteres Standbein in der städtischen Wirtschaft. Da auf dem europäischen Kongressmarkt ein Wettbewerb herrscht, müssen wir unser Kongresszentrum jetzt bauen und können nicht 15 oder 20 Jahre warten.

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    Stimmen Sie dieser Analyse zu, Herr Knörr?

    Marcel Knörr: Ich bin auch der Ansicht, dass Zürich ein mittelgrosses Kongresshaus braucht. Allerdings bin ich überzeugt, dass es nicht schadet, wenn wir jetzt einen Marschhalt einlegen und Alternativstandorte nochmals ernsthaft prüfen.

    Welches ist der beste Standort?

    Könnten Science City, das Toni-Areal und der Flughafen diese Infrastruktur nicht auch anbieten?

    Stähli: Wir haben das abgeklärt: Es besteht ein Bedürfnis nach einem Kongresszentrum an bester, zentraler Lage. Wir wollen nicht irgendein Zentrum in der Peripherie. Zürich möchte ein Standort für hochwertige Kongresse sein. Das passt zu unserer Stadt, aber das bedingt auch, dass die Lage attraktiv ist.

    Herr Knörr, Sie sagen, es gebe bessere Standorte. Welche?

    Knörr: Der Standort am See ist gar nicht so gut. Es liegt eine vierspurige Strasse zwischen Kongresshaus und See. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Kongresshaus schlecht erreichbar, und Taxis haben vom Flughafen her einen langen Anfahrtsweg. Mögliche Standorte sind für mich der Stadtraum HB, die Geroldstrasse in Zürich-West, die Papierwerdinsel, der Flughafen oder – wenn es am See sein soll – das Kibag-Areal in Wollishofen. Dieses ist deutlich grösser als das Grundstück des Kongresshauses, hat eine eigene Schiffsstation und eine S-Bahn-Haltestelle in 300 Metern Entfernung.

    Stähli: Da muss ich widersprechen. Die Verkehrserschliessung ist gut am Standort, der jetzt zur Diskussion steht. Vom Hauptbahnhof aus geht man zu Fuss gut 10 Minuten; vom Bahnhof Stadelhofen ist es ein wunderbarer Spaziergang. Mit dem Tram ist das Kongresshaus problemlos erreichbar. Es liesse sich auch eine zusätzliche Haltestelle einrichten. Wir haben die Standortdiskussion in der vorberatenden Kommission des Gemeinderates sehr intensiv geführt. Die Geroldstrasse ist nicht verfügbar, ganz abgesehen davon, dass der Standort zu weit vom Stadtzentrum entfernt wäre. Das Gleiche gilt für das Kibag-Areal. Ein Kongresszentrum ausserhalb der Stadt wollen wir unter keinen Umständen.

    Knörr: Der Stadtrat hatte aufgrund einer Motion den Auftrag, andere Standorte zu prüfen. Er hat es aber nicht wirklich getan. Die Familie Wassmer, die im Besitz des Kibag-Areals ist, bekam kein einziges Telefonat. Ich weiss aus zuverlässiger Quelle, dass das Areal verfügbar ist. Der Stadtrat hat seinen Auftrag nicht erfüllt.

    Stähli: Wenn die Familie Wassmer jetzt über Dritte informell verlauten lässt, das Areal werde mittelfristig frei, so ändert das nicht viel. Abgesehen von der Lage am See ist das kein guter Standort, weil er abgelegen ist und es weder Hotels noch Restaurants in der Umgebung hat.

    Das alte Kongresshaus gilt als Baudenkmal erster Güte. Darf man es abbrechen?

    Knörr: Nein. Die Architekten Haefeli Moser Steiger haben die Moderne in der Schweiz eingeführt. Das Gebäude ist nicht nur architektonisch ein Meilenstein, es ist auch ein wichtiger Zeitzeuge. Es war das Hauptgebäude der Landi 1939, ein Symbol gegen den Nationalsozialismus. Damals war die Schweiz geeint wie später nie mehr. Das Haus hat hohe architektonische Qualitäten: die Eleganz, die lichtdurchfluteten Räume, die bequemen Treppen und die gartenartigen Freiräume. Einen solchen Zeitzeugen von europäischem Ruf darf man nicht ohne Not abbrechen.

    Stähli: Ich bin einverstanden, dass das Kongresshaus im Jahr 1939 ein Meisterwerk war. Allerdings muss man auch erwähnen, dass dafür damals das Trocadéro geschleift wurde, ein Bauwerk, das heute schwerlich abgerissen werden könnte. Bei der Renovation und Erweiterung in den 1980er Jahren wurde das Kongresshaus von Haefeli Moser Steiger weitestgehend kaputt gemacht. Heute ist es in die Jahre gekommen und ziemlich muffig. Ich habe zudem Mühe, wenn man sagt, das Kongresshaus sei die Inkarnation des Landi-Geistes. Erinnern Sie sich an die politische Situation von damals: Man verhinderte den Einzug der SP in den Bundesrat, es gab eine eigentliche Kommunistenhatz. Auf dem rechten Auge war die offizielle Schweiz damals noch etwas blind. Die Herren, die sich im Kongresshaus versammelten, waren nicht unbedingt jene, die den Landi-Geist kreierten. Wenn schon, entstand der Landigeist an der Landesausstellung im Volk, zum Beispiel auf dem Schifflibach.

    Knörr: Wir haben die Landi-Zeit beide nicht erlebt, aber ich kann sagen: Was sonst in den dreissiger Jahren gebaut wurde, ist sogenannte Monumentalbau-Architektur, beeinflusst von den Diktaturen der Zeit. Die Rentenanstalt ist ein Beispiel dafür.

    Stähli: Ja. Aber das Kongresshaus war keine wirkliche Avantgarde-Architektur. An der Weltausstellung in Paris wurden 1937 wichtigere Bauten gezeigt, etwa der Spanische Pavillon.

    Knörr: Das Kongresshaus war avantgardistisch. Das neue Bauen war damals sehr nüchtern, ohne Ornamente. Haefeli Moser Steiger haben zum ersten Mal etwas Verspieltes hineingebracht.

    Stähli: Das ist heute weitgehend kaputt.

    Knörr: Aber es ist reparabel. Der Aufbau von 1980 gegen die Claridenstrasse ist sicher nichts Schönes. Aber es stimmt überhaupt nicht, dass der Bau weitgehend zerstört ist.

    Stähli: Ein Rückbau würde mindestens 50 Millionen Franken kosten, ohne Renovation der Tonhalle. Wer soll das bezahlen?

    Knörr: Und wer zahlt den Abbruch bei einer Neuüberbauung? Die Bausubstanz des alten Kongresshauses ist über 100 Millionen Franken wert. Da wird auch Volksvermögen vernichtet.

    Klotz oder städtebauliches Signal?

    An einem der schönsten Orte der Stadt steht heute etwas, das kaum wahrgenommen wird. Der Moneo-Bau wäre doch ein willkommenes städtebauliches Signal.

    Knörr: Als Stadtingenieur Bürkli vor 120 Jahren das Seeufer aufschüttete, hielten sich alle, die bauten, an eine gewisse Höhe. Man hatte Respekt vor der Silhouette der Stadt. Laut dem städtischen Hochhausplan ist es nicht möglich, dort ein Hochhaus zu erstellen. Dennoch will die Stadt dies tun. Gebäude mit mehr als 25 Metern Höhe gelten laut Baugesetz als Hochhäuser. Wir müssen Sorge tragen, dass die Stadt ihre Charakteristik bewahrt.

    Stähli: Heute ist der Ort beim Kongresshaus ein «No-Place». Man geht in die Tonhalle oder ins Kongresshaus, aber als Ort nimmt man das Ensemble nicht wahr. Das Moneo-Projekt hat die grosse Qualität, dass es sich in die Struktur des Quartiers einfügt. Es respektiert die Strassenfluchten und schafft einen neuen öffentlichen Ort. Die Dachkonstruktion ist ein gescheites, witziges Spiel mit den Dächern, die in der Umgebung anzutreffen sind. Es ist kein Klotz, sondern ein schöner Blickpunkt in der Skyline von Zürich.

    Knörr: Da muss ich vehement widersprechen. Es gibt in der Stadt keinen Ort, der eine so hohe Ausnützungsziffer hat wie das geplante Kongresszentrum. Das Rote Schloss wird dagegen wie ein Zwerg wirken. Es ist nicht die Spitzenarchitektur, für die Rafael Moneo bekannt ist. Der Glaspalast könnte irgendetwas sein, ein Shoppingcenter oder der Sitz einer Versicherung.

    Stähli: Moneo ist ein hervorragender Architekt. Er hat es zum Beispiel beim Rathaus von Murcia und bei der Erweiterung des Prado in Madrid geschafft, etwas Herausragendes in eine bestehende sensible Baustruktur einzufügen.

    Wie könnte man das alte Kongresshaus nutzen, wenn es erhalten bliebe?

    Knörr: Heute finden dort jährlich rund tausend Veranstaltungen statt. Das kann man problemlos so weiterführen.

    Stähli: Diese Veranstaltungen sind auch im neuen Kongresszentrum willkommen.

    Kämpft der Heimatschutz weiter gegen das Kongresszentrum, wenn die Bevölkerung am 1. Juni dem Landkauf zustimmt?

    Knörr: Ja, das kann ich jetzt schon sagen. Ich traue Herrn Moneo zu, dass er an einem anderen Standort etwas Geniales machen könnte, wenn er einen Direktauftrag bekäme.

    Stähli: Wenn wir nochmals von vorne anfangen müssen, ist die Chance gross, dass Zürich den Zug verpasst und irgendwo in der Agglomeration ein 08/15-Kongresszentrum hingestellt wird. Genau das wollen wir nicht, denn ein schönes Kongresshaus am See ist Gratiswerbung für Zürich in der ganzen Welt.

    Die Position der NZZ

    Die Position der NZZ

    zz. Die Redaktion der NZZ befürwortet die beiden Vorlagen zum Erwerb eines Landstücks für das geplante Kongresshotel nach den Plänen von Rafael Moneo. Zwar ist das Projekt für ein neues Kongresszentrum am See noch nicht spruchreif. Mit dem vereinbarten Landkauf sichert sich die Stadt aber rechtzeitig die zusätzliche Fläche, die benötigt wird, um das Vorhaben erfolgreich zu realisieren.


    . Lesen Sie mehr zum Thema Dossier: Neues Kongresshaus für Zürich
    Link: http://www.nzz.ch/nachrichten/zuerich/zurich_kongresshaus/kongresshaus/zurich_kongresshaus_2.44700

    Lesen Sie mehr zum Thema Debatte: NZZ Votum
    Link: http://www.nzz.ch/nachrichten/zuerich/zurich_kongresshaus/kongresshaus/nzz_votum_1.705632.html

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