Donnerstag, 21. August 2008, 21:26:22 Uhr, NZZ Online
rib. 2012 tritt Andreas Homoki sein Amt als Intendant des Zürcher Opernhauses an. Mit Blick auf das Ende von Alexander Pereiras Tätigkeit stellt sich seit längerem die Frage, ob der Spielbetrieb der Zürcher Oper unter dem neuen Intendanten in der heutigen Form beibehalten werden kann oder ob sich Änderungen aufdrängen. Der heutige Spielbetrieb ist gekennzeichnet durch eine hohe Zahl von Neuproduktionen – zurzeit sind es 16 pro Saison –, eine Konzentration auf international bekannte Sänger und Dirigenten und eine stark auf Sponsoring abgestützte Finanzierung; rund 10 Prozent des Betriebsertrags, mehr als 12 Millionen Franken, sind Sponsorengelder. Auf ein SP-Postulat hin, das der Kantonsrat letztes Jahr überwiesen hatte, gab der Regierungsrat ein Gutachten in Auftrag, das den Spielbetrieb des Opernhauses untersuchen und strategische Szenarien für die Zukunft skizzieren sollte.
Am Dienstag ist das Gutachten vorgestellt worden. Die Firma Actori, ein auf Kulturinstitute spezialisiertes Münchner Beratungsunternehmen, skizziert darin drei Szenarien:
Das Fazit fällt aus Sicht der Gutachter klar aus: Eine Neuausrichtung der Zürcher Oper ist nicht nötig. Ein Ensemble-Betrieb ohne Gastsolisten wäre laut Lausberg für Zürich genauso riskant wie ein Stagione-Betrieb. In beiden Fällen wären zwar Einsparungen möglich, aber nur vergleichsweise geringe. Der Betriebsaufwand des Opernhauses von jährlich 122 Millionen Franken würde beispielsweise bei der Umstellung auf einen Stagione-Betrieb um höchstens 12 Millionen Franken sinken. Dagegen wäre laut Lausberg allerdings mit deutlichen Ertragseinbrüchen zu rechnen – einerseits weil es weniger Aufführungen gäbe, anderseits weil das Fehlen der Spitzenkünstler weniger Publikum anziehen würde.
Der sinnvollste Weg liegt für Lausberg darin, das bisherige Konzept beizubehalten. In Interviews mit Besuchern habe sich allerdings gezeigt, dass das Publikum die grosse Zahl von Neuproduktionen gar nicht nutzen könne. Eine Reduktion um 3 Premieren pro Saison wäre deshalb laut dem Gutachten wirtschaftlich und aus Sicht der Besucher sinnvoll. Die gestrichenen 24 Vorstellungen könnten durch 3 Wiederaufnahmen und Zusatzvorstellungen bei anderen Produktionen ersetzt werden. Zwar wäre bei diesem Szenario ein Einnahmenausfall zu erwarten, aber auch die Produktionskosten würden sinken – auch weil rund 6 Stellen eingespart werden könnten. Insgesamt würde sich die Bilanz also leicht verbessern. Es würden rund 2,3 Millionen Franken eingespart, die Auslastung, die zurzeit bei 81 Prozent liegt, und der Eigenfinanzierungsgrad – er beträgt rund 44 Prozent – könnten sich dabei sogar leicht verbessern.
Unabhängig von den Betriebsvarianten ortet die Studie in zwei Bereichen Handlungsbedarf: bei der Jugendarbeit und beim Sponsoring. Das Opernhaus biete zwar ein gutes Programm für Kinder und Jugendliche, stosse aber an Kapazitätsgrenzen. Als Investition ins Opernhaus-Publikum der Zukunft empfiehlt das Gutachten deshalb, einen Teil der möglichen Einsparungen in die Kinder- und Jugendarbeit zu investieren. Ein weiteres Problemfeld ist laut Actori das Sponsoring. Es sei zwar erfolgreich, doch sei kein klares System von Leistungen und Gegenleistungen erkennbar. Die Sponsoren bänden sich weniger an das Haus, dafür eher an den künstlerischen Leiter Alexander Pereira. Um die Sponsorenbeiträge längerfristig als zentrale Säulen des Ertrags zu etablieren, müsse ein klares Konzept geschaffen werden.
m. v. Andreas Homoki, der 2012 die Nachfolge Alexander Pereiras übernimmt, ist, wie er auf Anfrage erklärte, vom Gutachten der Unternehmensberatung Actori nicht vorgängig in Kenntnis gesetzt worden und auch nicht konsultiert worden. Seine Pläne scheinen sich aber mit dem vorgeschlagenen Modell weitgehend zu decken. Da das Zürcher Opernhaus «gut aufgestellt» sei, werde er sich am Status quo orientieren. Die bisherige Premierenzahl halte er jedoch nicht für vereinbar mit seinem Auftrag, künstlerische Akzente im Bereich Regie zu setzen. Homoki geht von 3 Opernpremieren weniger und einer Ballettpremiere mehr aus. Die wirtschaftliche Stabilität des Hauses dürfe nicht gefährdet werden, und auf die grossen Sänger- und Dirigentenpersönlichkeiten will er nicht verzichten. Eine Intensivierung der Jugendarbeit wäre durchaus in seinem Sinn. Die Komische Oper Berlin, die Homoki derzeit leitet, bringe jedes Jahr eine Kinderproduktion auf der grossen Bühne heraus (die nächste wird er im kommenden Herbst selber inszenieren), veranstalte regelmässig Workshops für Kinder und Jugendliche und beschäftige eine voll angestellte Theaterpädagogin. Besonders gefördert werde der Kinderchor.
rib. Regierungspräsident Markus Notter, der als Vorsteher des Departements des Innern politisch für das Opernhaus verantwortlich ist, kommentierte das Resultat des Gutachtens vor der Presse mit Befriedigung. Die Schlussfolgerungen der Experten bestätigten die Einschätzung des Regierungsrats: «Das Opernhaus ist ein Erfolgsmodell», sagte Notter, «und zwar wirtschaftlich wie künstlerisch.» Doch während der wirtschaftliche Erfolg anerkannt sei, rede man von den künstlerischen Erfolgen wenig. Materiell könne er noch nicht Stellung nehmen zu den Szenarien, sagte Notter. Doch extreme Alternativvarianten dürften kaum in Frage kommen. Das Expertengutachten bietet nun die Grundlage für die Postulatsantwort, welche die Regierung dem Kantonsrat bis Ende Jahr zukommen lassen will. Josef Estermann, der Verwaltungsratspräsident der Opernhaus Zürich AG, bezeichnete die Studie als «Chance für das Opernhaus». Sie erlaube eine offene politische Debatte. Die aufgezeigten Einsparungsmöglichkeiten seien allerdings auch eine Verpflichtung, über Optimierungen des Betriebs nachzudenken und mittelfristig die eine oder andere davon umzusetzen – zum Beispiel eine Reduktion der Anzahl Premieren.
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