Donnerstag, 08. Januar 2009, 08:17:51 Uhr, NZZ Online
Von Michael Hagner
Deutscher Wissenschaftsalltag in der Mensa der Freien Universität Berlin, irgendwann im Jahre 1987 oder 1988. Der Professor hatte, wie üblich, seine Mitarbeiter, von den Doktoranden bis zum Oberassistenten, zum Mittagessen versammelt, um sich in dieser speziellen Mischung aus privat und dienstlich über den Stand der Dinge zu informieren, nachzufragen und bisweilen auch pointierte Kommentare abzugeben, die das Selbstvertrauen vielleicht nicht immer dort trafen, wo es günstig gewesen wäre. Irgendwann kam die Reihe an mich, der ich mich damals mit der Frage herumschlug, ob ich meinen weiteren beruflichen Weg nun in Richtung klinische Medizin, Hirnforschung oder Geisteswissenschaft einschlagen sollte. Der Professor meinte es zweifellos gut, indem er mich ermahnte, mich bald zu einer Entscheidung durchzuringen, denn sonst würde ich Gefahr laufen, in keinem der drei Gebiete etwas Anständiges zu können. Er hatte ja recht, aber so ganz wollte ich mir das doch nicht bieten lassen und replizierte höflich, wenn auch nicht ohne Selbstvertrauen: «Dafür kann ich aber schreiben!» – Wenn ich wirklich ehrlich gewesen wäre, hätte ich hinzufügen müssen: «Aber leider nicht gut genug», denn meine stillen Ambitionen, es mit der Schriftstellerei zu versuchen, hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits begraben.
Heute kann ich aus diesem kleinen Vorfall nur schliessen, dass ich damals keineswegs wusste, ob aus mir je ein anständiger Wissenschafter werden würde oder auch nur ob ich überhaupt einer werden wollte. Aber ich hatte – wenn schon nicht das Zeug zum Schriftsteller, dann doch – einen gewissen Anspruch an meinen Stil, meine Prosa, und das, bevor ich meinen ersten Artikel veröffentlicht hatte. Nun belehrte mich die Wissenschaftsgeschichte, zu der ich mich mehr und mehr hingezogen fühlte, sehr schnell, dass es mit der wissenschaftlichen Qualität eines Textes und der Prosa, in der er verfasst ist, so eine Sache sei. Georges Buffon beispielsweise, der grosse Naturhistoriker des 18. Jahrhunderts, wurde bald nach Abschluss seiner grandiosen «Histoire naturelle» wissenschaftlich nicht mehr ernst genommen, aber weil die Franzosen ihn klugerweise nicht aus ihrem kulturellen Gedächtnis streichen wollten, hoben sie die Schönheit seiner Prosa hervor.
Auch Freud wusste ein Lied davon zu singen, und zwar lange bevor ein anhaltender Streit darüber ausbrach, ob die Psychoanalyse als Kunst oder als Wissenschaft anzusehen sei. 1891 widmete er seine neurologische Schrift «Zur Auffassung der Aphasien» dem bewunderten Josef Breuer, der jedoch, wie Freud sich in einem Brief an seine Schwägerin Minna Bernays beklagte, nichts Gutes über dieses Buch zu sagen hatte und sich nur zu dem Kompliment durchringen konnte, dass es ausgezeichnet geschrieben sei.
Die Assoziation zwischen inhaltlich leer und glänzend geschrieben – oder umgekehrt – ist ein Topos, der sich nicht so leicht abschütteln lässt. Ganze Kontinente der Wissenschaft, allen voran die Naturwissenschaften, aber auch Teile der Sozialwissenschaften und der Ökonomie, haben gezeigt, dass sich wissenschaftliche Erkenntnis mit einer skelettierten und standardisierten Sprache gut verträgt. Physikalische oder chemische Formeln, mathematische Gleichungen und Algorithmen, Spektroskopien und computergenerierte Visualisierungen – das sind die Sprachen, in denen Naturwissenschafter denken, und damit werden sie innerhalb ihrer jeweiligen scientific community auch verstanden. Man nehme Chemikern oder Physikern ihre Formeln weg, und sie bekommen erhebliche Schwierigkeiten, überhaupt noch angemessen wissenschaftlich denken zu können. – Dazu gibt es bei den Geisteswissenschaftern ein Äquivalent. Man nehme ihnen die Sprache weg, und sie haben die gleichen Probleme. Wir bewegen uns hier nicht auf der Ebene der Mitteilung oder gar der öffentlichen Kommunikation des wissenschaftlichen Wissens, sondern auf der Ebene des Denkens. Physiker sind ohne die Palette der ihnen zu Gebote stehenden mathematischen Mittel denkamputiert, sie vermögen das physikalische Denken nicht mehr zu verkörpern. Und so auch in den Geisteswissenschaften. Die Sprache verkörpert eine Poetologie oder Ikonologie, ein historisches oder philosophisches Denken.
In der Mathematik muss eine Beweisführung für einen anderen Mathematiker en détail nachvollziehbar sein, auch wenn das bisweilen sehr lange dauert. In unseren Breitengraden muss der Gedankengang, sei er abstrakt oder in narrativer Opulenz formuliert, ebenfalls abschreitbar sein. Freud hat in der Formulierung seiner Gedankengänge grosse Meisterschaft bewiesen, weil er seine Schriften nicht mit dogmatischen Lehrsätzen überzog, sondern eine genetische Methode wählte, mit der er den Denkweg sprachlich verkörperte, den er als Forscher gegangen war. Zwar dürfen wir nicht annehmen, dass sich dieser Denkweg so rekonstruieren liesse, wie er gewesen sein mag, aber er sollte doch klar erkennbar bleiben; und das hängt von einem angemessenen Einsatz der Sprache ab.
Wissenschaftliche Prosa ist kein Ticket für selbstverliebte Wortkaskaden, mit denen sich kostenlos alles und jedes sagen lässt. In der Sprache müssen die Widerstände, Unsicherheiten und Vorläufigkeiten sichtbar bleiben – und das unterscheidet sie von der mathematischen oder chemischen Formel, in der es genau diese Attribute nicht gibt. Wie die Sprache eines von Illusionen abrückenden wissenschaftlichen Denkens aussieht, kann man überprüfen: in der Prosa Charles Darwins, der keinem Problem, das sich seiner Theorie stellt, ausweicht, sondern es behutsam formuliert und jeder übereilten Kompromisslösung widersteht. Oder eben bei Freud, der sich durch die fragmentarische Empirie seiner Patienten immer wieder in seiner wissenschaftlichen Einbildungskraft bremsen lässt.
Nun wird bis auf weiteres niemand, der ernst genommen werden will, verlangen, dass Kunsthistoriker ihre Ergebnisse in der Sprache der Mathematik oder als Hirnbilder von Versuchspersonen beim Betrachten eines Rembrandt präsentieren. Dafür haben wir es mit einem anderen Problem zu tun, nämlich den immer noch lauter werdenden Forderungen, auch in den Kulturwissenschaften möglichst viel auf Englisch und am besten in Zeitschriften mit schönen Impaktfaktoren zu veröffentlichen, damit diejenigen, die nichts von der Sache verstehen oder keine Zeit und Lust haben, die oben angesprochenen Denkwege zu verfolgen, sich ein Urteil über die geleistete Arbeit bilden können. Wie wollen wir es damit halten? Mein Fach, die Wissenschaftsgeschichte, kann in der deutschsprachigen Welt nicht gerade auf eine stolze Tradition zurückblicken. Nach der Vertreibung Ernst Cassirers, des Wiener Kreises und der völligen Nichtbeachtung Ludwik Flecks hat sich, von wenigen Lichtblicken abgesehen, erst einmal nichts entwickelt, was der Rede wert gewesen wäre.
Insofern war es Ende der achtziger Jahre Lust und Notwendigkeit, sich in der angloamerikanischen Wissenschaftsgeschichte umzutun, und zwar nicht nur lesenderweise. Es waren die angloamerikanischen Wissenschafter, die nicht nur innovativ, selbstbewusst und engagiert ihr Handwerk betrieben, sondern auch offen, neugierig und ermutigend waren. Ich sage nicht ohne Stolz, dass ich in diesem Denken und in diesem Habitus akademisch sozialisiert worden bin; und dementsprechend ist es für mich und die meisten anderen meiner Generation selbstverständlich, auf Englisch Vorträge zu halten und Artikel zu schreiben, wenn auch Letzteres nicht ohne Mühe.
Die Bedeutung der englischen Sprache ist gar nicht in Frage zu stellen. Wer meint, sich ihr entziehen zu können – ich habe nicht diejenigen vor Augen, die aufgrund politischer, sozialer oder ökonomischer Umstände von ihr ferngehalten werden –, spinnt sich selbstverschuldet in den Kokon des vermufften Denkens ein. Aber was ist im umgekehrten Falle – wenn alles auf das Englische hinausläuft? Die eine Schwierigkeit ergibt sich aus den enormen Anforderungen an die Sprache. Aufgrund unserer Hirnorganisation möchte ich bezweifeln, dass die allermeisten von uns zwei Sprachen so beherrschen können, dass sie als hinreichendes Denkinstrument zur Verfügung stehen. Aber selbst wenn das möglich wäre und das Niveau des Englischen unter den Nicht-Muttersprachlern angehoben werden könnte, würde ein anderes, ebenso schwerwiegendes Problem auftauchen – ich meine den wissenschaftlichen Monolingualismus, genauer: den Absolutismus einer lingua franca, der ebenfalls zur Verarmung des wissenschaftlichen Denkens führt.
Als Beispiel kann ich mich wiederum auf die Wissenschaftsgeschichte als Disziplin beziehen. Es gibt nicht wenige Publikationen, die überhaupt nur noch englischsprachige Titel zitieren. Sie sind hochprofessionell, gut recherchiert, klar geschrieben, aber sie haben einen schwerwiegenden Mangel: Sie sind Ausdruck einer Hyperprofessionalität, die eine direkte Folge des Monolingualismus ist. Ich behaupte nicht, dass das nur im Englischen vorkommt, und schon gar nicht, dass das auf die Wissenschaftsgeschichte beschränkt wäre. Jeder möge in seinem Gärtchen fündig werden. Monolinguale Hyperprofessionalität heisst, Denkstile und Wissenskulturen anderer Sprachen nicht mehr wahrzunehmen – und das bedeutet einen Verlust von Welthaltigkeit und gedanklicher Generosität. Kompensiert wird dieser Mangel durch eine immer gründlichere Vertiefung in die Details und Feinheiten. Wer nicht mehr im Grossen fischen kann, muss im Kleinen eben alles fischen; und damit verlernt man die Kunst des Auswählens und Weglassens.
Es ist also ein Irrtum, zu glauben, dass man nur dann zu Internationalität und Weite des Denkens vorstosse, wenn man sich im Englischen bewegt. Gegen eine dominante Konferenz- und Kommunikationssprache ist nichts einzuwenden, aber wenn die Geisteswissenschaften, was doch eigentlich selbstverständlich ist, weiterhin teilhaben wollen an einer differenzierten Erkundung der Welt und unseres Lebens, so sollten sie eines ihrer notwendigsten und wirkungsvollsten Instrumente, die Sprache als Verkörperung des Denkens, nicht aus der Hand geben. Insofern ist jede Arbeit an der Sprache, mag sie sich nun mit Bildern, Werten oder epistemischen Kategorien befassen, der Mühe wert.
Wenn Freud einen seiner scharfsinnigsten Texte mit der düsteren Mahnung beschliesst, dass es eine Illusion wäre, anzunehmen, wir könnten anderswoher bekommen, was uns die Wissenschaft nicht geben kann, dann möchte ich das, bescheidener, so ummünzen: dass es eine Illusion wäre, davon auszugehen, wir könnten unsere wissenschaftlichen Ansprüche anders ausfüllen als durch Nachdenklichkeit und Polemik, Abwägung und Genauigkeit, Zaudern und Beenden – um dann vielleicht doch noch einmal auf die Sache, die uns umgetrieben hat, zurückzukommen.
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