Donnerstag, 08. Januar 2009, 08:38:50 Uhr, NZZ Online
Der Weg an die WM 2010 konfrontiert Hitzfeld mit überraschenden Hürden
In der Erinnerung haftet höchstens, dass nichts markant Erinnerungswürdiges geschehen ist – abgesehen wohl von der 1:2-Niederlage gegen Luxemburg. Eine Blamage im Gedächtnis, sonst nichts. Wie kommt das?
Ein Grund liegt in sukzessive verschobenen Realitäten. In den letzten Jahren liessen verschiedene Faktoren die Erwartungen an die Schweizer Auswahl und deren Heimturnier ins Unvernünftige steigen. Der EM-Titel der U-17-Junioren und die EM-Halbfinal-Qualifikation der U 21 2002 weckten Hoffnungen auf eine reiche Ernte – der totale Triumph sollte 2008 auch mit dem A-Team möglich sein, oder? 2005 plauderte der Nationalcoach Köbi Kuhn aus, er wolle 2008 den Titel gewinnen – was ein bescheidener Bürger wie Herr Kuhn anstrebt, sollte doch umsetzbar sein, oder? 2006 schliesslich fand in Deutschland eine Schönwetter-WM mit erstarkten Gastgebern statt, die buchstäblich filmreif war – solcherlei Kitschpotenzial sollte doch auch einen Steinwurf südwärts vorhanden sein, oder?
Nein, nein, nein. Eine Equipe lebt nicht bloss von zwei, drei Hochbegabten, Kuhn setzte das Ziel zu hoch, und an der Euro goss es manchmal aus Kübeln. Weder Team noch Trainer, auch nicht das Wetter hielten dem Druck stand. Nach zwei Spielen, zwei Niederlagen, dem frühen Ausfall des Topskorers Alex Frei und einer kleinen Sintflut waren die Schweizer aus dem Rennen und in der Normalität gestrandet.
Oder anders: Derart unspektakulär war das Jahr gar nicht – immerhin sackten die Schweizer auf den Boden der Realität, runter aus den erträumten Höhen, deren Erreichbarkeit durch die umfassende Verbands-, Sponsoren- und Medienpropaganda erst recht suggeriert worden war. Doch anders als die Phantasie hat die Realität keinen neuen Schweizer Star, geschweige denn eine Wundermannschaft geboren, sondern die Tatsache, dass die Schweiz eher Luxemburg unterliegen als – sagen wir – in den Euro-Viertelfinal einziehen kann.
Indizien, dass die Euro mit einem anderen Trainer erfolgreicher verlaufen wäre, bleiben spärlich. Dennoch sei das Gedankenspiel erlaubt, was wohl gewesen wäre, wenn Kuhn nach der WM 2006 den Posten auf einem Höhepunkt (WM-Achtelfinal) verlassen und sich nicht mehr der zehrenden Euro-Vorbereitung gestellt hätte. Die Überlegung gründet darin, dass der seit Sommer amtierende Ottmar Hitzfeld dieser Tage und Wochen fast als Gegenentwurf dessen erscheint, was sein Vorgänger in den letzten Monaten im Amt verkörpert hat.
Während der gewiss erfolgreiche und ausdauernde Kuhn spätestens seit der Einführung des 40-Probanden-Kaders im Frühling 2007 mit wenig Eigeninitiative beseelt war und kaum mit vollen Batterien arbeitete, wirkt Hitzfeld so, als handle er aus dem Innern, aus ureigenem Antrieb. Er trifft Entscheide und kann sie verständlich erklären – anders als Kuhn, der im Mai nicht recht zu wissen schien, weshalb er Stéphane Grichting für die Euro nominierte und Mario Eggimann in die Ferien schickte.
Hitzfeld gebührt ein erstes Kompliment dafür, wie er nach dem Taucher gegen Luxemburg die Haltung wahrte und die Mannschaft dem drohenden Abwärtssog entriss. Sie spielte gegen Lettland und Griechenland freilich kaum besser als in der Endphase oftmals unter Kuhn und nicht annähernd so gut wie zu den verblichenen Hoch-Zeiten im Herbst 2005 – allein: Sie gewann. Diese Effizienz passt ins leicht verklärte Bild des barmherzigen Erfolgstrainers, der sich der kleinen Schweizer annimmt – Hitzfeld, der Wunder wirkende Steuermann, der jederzeit weiss, was zu tun ist, und eine taumelnde Gruppe auf Kurs hält.
Der Weg an die WM 2010 in Südafrika konfrontiert Hitzfeld mit überraschenden Hürden. Es entbehrt nicht der Ironie, dass von verschiedenen Exponenten zu hören ist, die Equipe sei noch in der Entwicklung begriffen – in einem Jahr, das lange als der Moment gepriesen worden war, in dem sie den Zenit erreichen werde. Nichts belegt besser, dass die Schweizer Auswahl entweder stagniert hat – oder die Ansprüche an sie zu hoch sind.
So lässt sich am Wirken Hitzfelds auch die Arbeit seines Vorgängers messen. Szenen des «perfekten Fussballs», der Kuhn vorschwebte, lassen sich mit Schweizern weiterhin kaum drehen. Vielleicht strebt Hitzfeld aber auch anderes, Pragmatischeres an – vielleicht, denn wie Gesicht und taktische Ausrichtung «seines» Nationalteams aussehen sollen, liess der neue Coach erst vage erkennen. Mit Kuhn erklärtermassen gemeinsam ist ihm indes ein seit eh und je unerreichtes Ziel: das Team breiter zu machen.
Der Wettstreit um die Plätze 16 bis 25 sei entbrannt, sagt Hitzfeld. Für die Besetzung einzelner Posten (etwa Innenverteidigung) mag dies stimmen, doch wo steckt der Mehrwert, wenn vier Torhüter um die Nummer 2 buhlen oder sich Mauro Lustrinelli und Alberto Regazzoni um gelegentliche Aufgebote als fünfter Stürmer duellieren?
Von grösserer Bedeutung bleiben Formstand und Spielpraxis der Spieler 1 bis 15 – denn weder Lustrinelli noch Regazzoni bietet Realersatz, wenn Frei oder Eren Derdiyok im Klub nicht regelmässig zum Einsatz kommen und somit ein Kriterium Hitzfelds nicht erfüllen. Und nicht aus den Augen verlieren darf Hitzfeld, was die Gruppe Kuhns bis 2006 ausgezeichnet hat: die Existenz einer gesunden Hierarchie. Hier liegt vielleicht am meisten Potenzial brach, weil Hitzfeld mit Frei einen Egoisten als Captain geerbt hat und einige junge Spieler auf dem Feld Leader sind, aber nicht daneben.
Auch dieses Vakuum führt zum Fazit, dass das Team 2008 summa summarum höchstens an Ort getreten ist – just heuer, im Jahr des allüberall versprochenen Euro-Spasses. Für die Fortsetzung der WM-Qualifikation hat Hitzfeld nicht nur kraft seines Namens, sondern auch mit ersten Aktionen und Reaktionen wieder Hoffnung geweckt. Doch es mag gut und entlastend sein, dass 2008 manch einen gelehrt hat, sich von einem Schweizer Fussballjahr nicht übertrieben viel zu versprechen. Die Qualifikation für die WM 2010 wäre schon sehr viel.
bsn.
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