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  • 1. September 2008, Neue Zürcher Zeitung
    Zürcher Theaterspektakel

    In der Gewaltspirale gefangen

    In der Gewaltspirale gefangen

    «Township Stories» des South African State Theatre

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    Bettina Spoerri

    Einige Wellblechteile, die auf der Bühne stehen und hängen, genügen zur Evokation des Schauplatzes: eine südafrikanische Township von Johannesburg, eines jener riesigen Hüttenviertel, wo die Ärmsten täglich um ihr Überleben kämpfen. «What a wonderful world», will das Lied zum Anfang der Aufführung aus den Lautsprechern beruhigen – doch diese Welt, die der junge südafrikanische Theaterautor, Regisseur und Filmemacher Mpumelelo Paul Grootboom in seinen «Township Stories» zeigt, ist der grausame Kontrapunkt zu den sanften Klängen. Ein Serienmörder schlägt gerade wieder zu, er jagt eine völlig verängstigte Frau, vergewaltigt und erwürgt sie mit ihrem eigenen String, die Polizisten foltern einen Unschuldigen, um ein Geständnis aus ihm herauszupressen, und er wiederum wird bald darauf seine junge schwangere Freundin so sehr verprügeln, dass sie beinahe das gemeinsame Kind verliert. Diese Kette von Gewalt und Leid – deren chronologische Abfolge das Publikum erst mit der Zeit rekonstruieren kann – ist nur einer von mehreren Erzählsträngen, und es gehört zu den Stärken des Stücks, dass dabei die Gewalt nicht gänzlich in einer erklärenden Ursache-Wirkung-Logik aufgelöst wird, sondern beunruhigend unkontrollierbar bleibt.

     

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    Anhand einzelner Szenen aus dem Leben einer Township-Community – Episoden, die sich immer mehr miteinander verweben – erzählt Grootboom schonungslos von den Lebensbedingungen in den Townships, von der Armut und der Arbeitslosigkeit, der hohen Kriminalität und Gewaltbereitschaft. Es herrscht das Faustrecht des Stärkeren, Opfer sind Kinder, Frauen – und Männer, die sich nicht mehr wehren können. Man trifft sich in der «shabeen» – eine zur Bar umfunktionierte private Behausung –, um sich bis zur halben Bewusstlosigkeit zu betrinken oder bald einen Streit vom Zaun zu brechen. Die Armut, die Trostlosigkeit und die allgegenwärtige Brutalität zersetzen auch die familiären Beziehungen, wo noch ein Rest von Geborgenheit existieren könnte. So missbraucht der vereinsamte Witwer seinen Sohn sexuell, eine Mutter terrorisiert ihre minderjährige Tochter, die schliesslich von zu Hause ausreisst und an einen brutalen Mann gerät, die Barbesitzerin nötigt ihren Liebhaber, der in ihre Tochter verliebt ist, zum Sex.

    Korrumpierte intime Begegnungen

    Instrumentalisierung und Missbrauch machen gerade die intimen Begegnungen zu den korrumpiertesten und brutalsten Szenen in Grootbooms «Township Stories» – eine Wirkung, die der Regisseur durch den gezielten konterkarierenden Einsatz gefühlvoller Songs von Tracy Chapman, Louis Armstrong, Norah Jones oder Paul Simon noch vertieft. Für Romantik, geschweige denn Liebe, gibt es da keinen Platz. Das anfänglich bisweilen noch burleske und clowneske Spiel der Schauspielerinnen und Schauspieler des South African State Theatre wird in den über zwei Stunden der Aufführung langsam ernster und eindringlicher. An einem Seil, das quer über die Bühne gespannt ist, zeugen derweil immer mehr blutgetränkte Objekte von den nicht abreissenden Gewalttaten. Wer der Serienmörder ist, weiss man zwar am Ende – doch es spielt keine Rolle mehr, denn deutlich geworden ist, dass es in einer Welt, in welcher der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, auf ihn gar nicht mehr ankommt.

    Zürich, Landiwiese, Werft, 30. August.
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