Donnerstag, 08. Januar 2009, 08:56:02 Uhr, NZZ Online
dau. Zürich ist zwar schweizweit eine der wenigen Gemeinden, in denen es noch relativ viele Altersheimplätze gibt, wie der Altersforscher François Höpfliger jüngst in der NZZ erklärte. Doch die Plätze sind so begehrt, dass bei sämtlichen städtischen Altersheimen Wartelisten geführt werden. Wer sich, nach einem persönlichen Vorstellungsgespräch bei der städtischen Stelle «Wohnen im Alter», für ein Zimmer in einem Altersheim interessiert, der hat zu warten – zwischen einem und vier Jahren.
Laut Barbara Hohmann Beck, der Vizedirektorin der Altersheime der Stadt Zürich, ist es der Anregung der ehemaligen Sozialvorsteherin Emilie Lieberherr zu verdanken, dass es in Zürich überhaupt so viele Altersheimplätze gibt. Jedes Quartier soll sein Altersheim bekommen, lautete das sozialpolitische Anliegen damals. Daraus resultiere heute aber eine uneinheitliche Versorgung mit Altersheimplätzen, da sich die Einwohnerzahl wie auch die demografische Struktur der einzelnen Stadtkreise (und mit ihr die Nachfrage nach Heimplätzen) stark unterscheidet.
Dies schlägt sich wiederum in den Wartelisten der Altersheime nieder. «Der Quartierbezug spielt bei der Wahl des Heims eine grössere Rolle als der Komfort», weiss Hohmann Beck. In Quartieren wie Schwamendingen mit einem hohen Anteil alter Menschen warten Anfang Mai 188 Personen auf den Eintritt ins dortige Altersheim Herzogenmühle, das lediglich über 80 Plätze verfügt; im Altersheim Wolfswinkel in Unteraffoltern zählt man bei 102 Plätzen 100 Wartende. Insgesamt stehen stadtweit 1260 Personen auf einer Warteliste eines Altersheims.
Relativ kurz seien die Wartelisten in den Heimen Buttenau in Adliswil und Kalchbühl in Wollishofen. Dort beeinflusse aber neben der demografischen Struktur auch die periphere Lage der Heime die Platznachfrage, erklärt Hohmann Beck. Als Nachfragehemmer wirkten zudem, wie beispielsweise beim Wipkinger Altersheim Trotte, angekündigte Renovations- oder Neubauvorhaben.
Gesamthaft beträgt die Auslastung aller Altersheime mit ihren rund 2000 Plätzen 98 Prozent; die 2 übrigen Prozente seien auf die Zeitreserven bei Umzügen ins Heim zurückzuführen, so Hohmann Beck. Das Eintrittsalter liege seit zehn Jahren konstant bei durchschnittlich 84 Jahren. Dass die Altersheimplätze in Zürich so begehrt sind, erklärt sich die Vizedirektorin mit der im Vergleich zum ländlichen Raum schlechteren Versorgung alter Menschen durch ihre Familien in der Stadt: «Hier sind alte Menschen eher auf externe Hilfe angewiesen. Vielleicht liegt es aber auch am attraktiven Angebot der Altersheime der Stadt Zürich.»
Auf den Wartelisten herrscht das «First come, first serve»-Prinzip. Eine Änderung dieser Listenstruktur, etwa die Berücksichtigung gesundheitlicher Faktoren, stehe momentan nicht zur Diskussion, hält Hohmann Beck fest. Die Wahlfreiheit der alten Menschen werde höher gewichtet. Wer dringend einen Platz suche, der sollte die Anmeldung bei einem anderen als seinem Wunschheim in Betracht ziehen, rät sie. Häufig würden ältere Menschen, die nicht in das Heim ihrer ersten Wahl kommen, schliesslich trotzdem dort bleiben. Bei einigen Heimen gibt es zudem Gästezimmer, in denen «wartende» alte Personen untergebracht werden – mitunter liegt eine solche Zwischenlösung in einem anderen Quartier als das Wunschheim.
Wer sich für ein Altersheim angemeldet hat, sollte eigentlich für den Eintritt bereit sein, meint Hohmann Beck. Fühlt man sich zum Zeitpunkt, da man den Platz tatsächlich bekommen würde, aber noch vital genug, um weiter zu Hause wohnen zu bleiben, gibt es zweimal die Möglichkeit, den Eintritt hinauszuschieben – die Dauer des Aufschubs wird selber bestimmt, sie beträgt in der Regel zwischen einem Viertel- und einem ganzen Jahr. Wer indes zum dritten Mal den Eintritt ablehnt, dessen Anmeldung geht zurück an die Beratungsstelle «Wohnen im Alter».
Eine Reduktion der Wartezeit zwischen Anmeldung für einen Platz und Einzug ins Heim durch den Bau von zusätzlichen Altersheimen sei, so Hohmann Beck, (auch) eine Kostenfrage: «Was will das Gemeinwesen dafür ausgeben?» – Auch zeigt eine jüngst publizierte städtische Studie, dass der Anteil der Rentnerinnen und Rentner in Zürich seit mittlerweile einem Vierteljahrhundert abnimmt. Unmittelbarer Handlungsbedarf besteht also nicht.
Trotzdem stellt sich die Frage, wieso bei einer derart hohen Auslastungsziffer überhaupt noch Werbung für die «Themenpark-Hotels für das Alter» (Zitat: Altersheime Stadt Zürich) gemacht wird. Mit solchen Aktionen, so Hohmann Beck, wolle man mithelfen, Hemmschwellen abzubauen. Alte Menschen sollen sich frühzeitig mit den verschiedenen Optionen des Wohnens im Alter auseinandersetzen. Das Altersheim sei dabei nur eine Alternative unter vielen. Eine Strategie, die zumindest für die Anbieterseite aufzugehen scheint: Nur 10 Prozent aller auf einen Stadtzürcher Altersheimplatz Wartenden sagten in einer Umfrage der Universität Zürich von 2005, dass sie «am liebsten sofort» in ein Altersheim einziehen würden.
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