Donnerstag, 08. Januar 2009, 09:29:05 Uhr, NZZ Online
Wer alt ist, kann heutzutage theoretisch auf eine grosse Palette von Unterstützungs- und Betreuungsangeboten zurückgreifen. In der Praxis ist Wahlfreiheit allerdings oft gar nicht möglich. Sie beschränkt sich auf die Frage: zu Hause bleiben oder ins Altersheim gehen? Manchmal gibt es überhaupt keine Wahl, weil die einzige Lösung das Pflegeheim ist. Die aktive ältere Generation verdrängt denn auch die Zeichen von sich anbahnender Gebrechlichkeit vehement. Die Vorboten zunehmender Abhängigkeit erinnern eben an den Preis des höheren Lebensalters: Je älter man wird, umso grösser ist die Wahrscheinlichkeit, in der allerletzten Phase ein Pflegefall zu werden. Gemäss Statistik muss bei der Gruppe der über 95-Jährigen jede zweite Person mit einer Pflegebedürftigkeit rechnen. Bei den über 85-Jährigen liegt der Anteil bei etwa 33 Prozent, bei den 80- bis 84-Jährigen bei 20 Prozent. Bis zu einem Alter von 79 Jahren sind weniger als 10 Prozent pflegebedürftig.
Ab 80 – ein solches Lebensalter haben vor wenigen Jahrzehnten nur die wenigsten erreicht – sind heute immer mehr Menschen mit der Frage konfrontiert, wie selbstbestimmt sie den kommenden Lebensabschnitt noch bewältigen können. Diese Frage belastet gleich mehrfach: Weil der Tod immer näher rückt, entsteht das Gefühl einer Schlinge um den Hals, die sich sukzessive zusammenzieht. Zugleich beginnt in dieser Phase bei vielen die Lebensqualität krankheitsbedingt zu sinken. Die chronischen Leiden nehmen zu, der Alltag in den eigenen vier Wänden kann zur Tortur werden. Wenn alles immer schlechter von der Hand geht und das soziale Netz kleiner wird, wäre eine gemeinschaftliche Wohnsituation mit allenfalls ambulanter Pflegehilfe sinnvoll.
Welche Strukturen bieten heute öffentliche und private Leistungsanbieter für die Phase zunehmender Gebrechlichkeit an? Entsprechen sie den Bedürfnissen einer Gesellschaft, die künftig noch stärker auf das Selbstbestimmungsrecht pochen wird? In der Serie «Lebensqualität im Alter» ist die NZZ in den letzten Wochen dieser Thematik nachgegangen. Das Fazit: Die neue Sicht aufs Alter prägt auch die Arbeit in den Institutionen. Das heutige Personal definiert die Altersphase nicht primär als einen Abbauprozess, sondern knüpft an vorhandene Kompetenzen an. In den Vordergrund tritt das Gespräch, das Eingehen auf die Lebensgeschichten oder die «Biografiearbeit», wie es im Fachjargon heisst. Die Institutionen reagieren auf das Bedürfnis, zwischen verschiedenen ambulanten und teilstationären Angeboten auswählen zu können. Wegen der Nachfrage nach spezialisierter Pflege in der letzten Lebensphase werden ambulante Unterstützungsangebote wie die Spitex die stationären Einrichtungen allerdings nicht ersetzen können.
Ein grosses Problem für die Leistungsanbieter ist der steigende Anspruch auf Flexibilität, den viele Betroffene aber selber nicht erfüllen können oder wollen. So sollte der Übertritt von der angestammten Wohnung in eine betreute Wohnsituation von langer Hand vorbereitet werden. Das heisst zum Beispiel, dass man sich auf die Warteliste eines Altersheims setzen sollte, bevor der Alltag zu Hause zum ernsthaften Problem wird. Viele sind jedoch erst im Notfall bereit umzuziehen. Besonders wenn Demenzerkrankungen im Spiel sind, bleibt nur noch das letzte Glied in der Versorgungskette: das Pflegeheim.
Die Gründe für die Mühe, in der langen, in Etappen verlaufenden Altersphase jenes Stadium zu planen, in dem man abhängig wird von der Hilfe anderer, sind nachvollziehbar: Man will nicht aufgeben müssen – «in einer betreuten Wohnsituation bestimmen andere», so lässt sich das weit verbreitete Unbehagen auf den Punkt bringen. Deshalb werden allfällige Defizite versteckt, obwohl der Umzug in eine altersgerechte Wohnung zumindest in einer ersten Phase von zunehmender Gebrechlichkeit Entlastung bringen würde. In einer solchen Situation greift die ältere Generation von heute immer noch am ehesten auf die Hilfe von Nachbarn oder der Angehörigen zurück. Bei fortschreitendem Unterstützungs- und Pflegebedarf stossen aber gerade berufstätige Töchter, die zum Teil selber Kinder haben, an Grenzen. Oft fehlt auch die Flexibilität der Eltern, sich in ihrem angestammten Reich «dreinreden» zu lassen.
In diesem Anspruch auf Selbstbestimmung bei gleichzeitig zunehmender Hilfebedürftigkeit kommt ein Widerspruch zutage, der nur schwer auflösbar ist. Es wäre aber den älteren Generationen zu wünschen, dass sie diesbezüglich mehr Flexibilität entwickeln könnten und gemeinschaftliche Wohnformen ins Auge fassen würden, bevor der Wechsel ins Pflegeheim die einzige Option bleibt.
Andrerseits müssen die Bemühungen verstärkt werden, das Image der Pflegeheime im breiten Bewusstsein zu verbessern. Denn in den Pflegeheimen, die wegen der zunehmenden Hochalterigkeit allmählich die Altersheime ersetzen, ist seit Jahren ein tiefgreifender Strukturwandel in Gang: Sie entwickeln sich zu spezialisierten palliativen Einrichtungen mit ganzheitlichen Betreuungskonzepten. Diese sind personalintensiv und entsprechend teuer.
Die hohen Heimtaxen sind ein weiterer Grund, weshalb das Pflegeheim als Schreckensszenario empfunden wird. Tatsächlich können laut Altersforscher François Höpflinger schätzungsweise 60 bis 70 Prozent der Bewohner der Schweizer Pflegeheime ihren Anteil an die Pflege nicht selber bezahlen. Hier sind die Politiker gefordert. Es braucht dringend Lösungen, um die Langzeitpflege – sie macht maximal zehn Prozent der gesamten Gesundheitskosten aus – auch für den breiten Mittelstand finanzierbar zu machen.
Die Fachleute sind überzeugt, dass Altersheime ein Bestandteil des immer differenzierteren Betreuungsangebotes bleiben werden. Bedingung ist die bereits heute zu beobachtende Tendenz, Altersheime auch architektonisch nicht mehr als spitalähnliche Versorgungsstätten zu gestalten. Heute werden die Grossinstitutionen in verschiedene Wohnbereiche mit individuellen Serviceangeboten aufgeteilt. Durch den Kostendruck sind allerdings der Grösse, der Ausstattung und dem Service in den öffentlichen Heimen Grenzen gesetzt. Wer sich einen höheren Standard leisten kann, wird deshalb eine Privatresidenz wählen. So betrachtet ist ein Plädoyer für die Wahlfreiheit im Alter realitätsfern.
Vom Gedanken her ist die Wahlfreiheit vollkommen zu bejahen. Die Frage, ob sie der Einzelne auch einlösen kann, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Da ist zum einen die nicht wegzudiskutierende Tatsache, dass man sich am Ende des Lebens dem Schicksal fügen muss. Es kann also durchaus sein, dass sich der Wunsch nach einem Leben in einer Hausgemeinschaft wegen einer schweren Krankheit nicht erfüllen lässt. Zum anderen ist zu befürchten, dass wegen der ungelösten Finanzierung der Alterspflege ein weiterer bedürfnisgerechter Ausbau der Angebote, den auch der untere Mittelstand bezahlen kann, zumindest in Frage gestellt ist. Es ist zu hoffen, dass der anhaltende Streit um Kostenanteile die vielen zukunftsweisenden Ansätze in der Altersbetreuung nicht gefährdet.
vö.
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