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  • 22. November 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Holz aus Pommern

    Holz aus Pommern

    Jan Koneffkes Roman «Eine nie vergessene Geschichte»

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    Rainer Moritz

    Familiengeschichten sind en vogue. Familiengeschichten erlauben es ihren Verfassern, einen Bogen zu spannen, der persönliche Schicksale über einen langen Zeitraum mit grossen historischen Ereignissen verbindet. Auch der Lyriker und Romancier Jan Koneffke weiss um dieses ertragreiche Wechselspiel und schätzt die Vorzüge des Genres offenbar so, dass er sich in seinem neuen Buch daranmacht, in abgegriffenen Familienalben zu blättern.

    Die Geschichte der Kannmachers nimmt 1896 ihren Lauf, als der Lehrer Leopold Kannmacher der pommerschen Hauptstadt Stettin den Rücken kehrt und sich mit seiner Frau Clara im Provinzort Freiwalde an der Ostsee niederlässt. Während er, ein belesener Kantianer, auf den ewigen Frieden hofft und bald unter der kriegslüsternen Stimmung seiner Landsleute leidet, kommt seine Gattin mit der kulturfernen Miefigkeit ihrer Umgebung nicht zurecht. Auch die Geburt von vier Söhnen hellt ihr Gemüt kaum auf, und als zwei davon – bei einem Unfall auf dem Eis der eine und im Ersten Weltkrieg der andere – zu Tode kommen, versinkt sie immer weiter in einer Wahnwelt, die im Irrsinn mündet.

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    Ein Familiengeheimnis

    Ihr jüngster Sohn Felix, Aussenseiter von Anfang an, entwickelt sich zur Zentralfigur des Romans. Er ist es, so zeigt sich bereits auf den ersten Seiten, der als schwarzes Schaf der Familie gilt und dessen Geschichte zwar «nie vergessen», aber auch nie offen erörtert wird. Dem Ich-Erzähler, einem Nachkommen der Kannmacher-Sippe, gelingt es, Schritt für Schritt Felix' Geheimnis zu lüften und die Geschehnisse mit allerlei Ränkespielen und Liebesverstrickungen aufzuladen. Als sich Felix, der von einer Pianistenkarriere träumt, und sein Bruder Ludwig mit den Schwestern Alma und Emilie Sielaff zusammentun, scheint eine Doppelhochzeit für geordnete bürgerliche Verhältnisse zu sorgen. Doch kaum schlägt ein dubioser rumänischer Pianist nebst nicht minder dubiosem Gefolge im Ort seine Zelte auf, lässt Felix seine Braut Alma sitzen und folgt dem exzentrischen Künstler auf Tournee. Von da an ist er Persona non grata in Freiwalde, zumal sich herumspricht, dass seine wahre (und nicht nur platonische) Liebe immer Almas Schwester Emilie gehörte. Deren Sohn Konrad weist denn auch Gesichtszüge auf, die mit denen seines offiziellen Vaters Ludwig wenig Ähnlichkeit gemein haben.

    Jan Koneffke ist ein versierter Erzähler, der keine Schwierigkeiten hat, Erzählstränge miteinander zu verknüpfen, retardierende Momente einzubauen und überraschende Handlungsvolten plausibel zu machen. Wie es sich für einen prallen Familienroman gehört, wimmelt es – in guter Walter-Kempowski-Manier – von «originellen» Charakteren, die durch ihr Äusseres oder ihre Sprachgebung rasch Wiedererkennbarkeit erlangen. Da räsoniert Leopold beständig über das dem Untergang geweihte «wurmstichige Holz, das sich Menschheit nennt»; da lässt Postkutscher Weidemann – «Es kommt schlimmer, als es bereits ist» – seinem einfach gestrickten Geschichtspessimismus freien Lauf, und da mahnt das Hausmädchen Mathilde zivilisatorischen Anstand an: «Wir kommen ja nicht aus der Walachei.»

    Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges erzählt Koneffke mit grosser Liebe zum Detail von dem, was den Alltag und die Phantasie der Kannmachers ausmacht. Erst als diese sich nach 1945 im Holsteinischen ansiedeln, verliert er merklich die Lust, sich diesem neuen Lebenskosmos mit der gleichen Sorgfalt zu widmen, und er setzt zu einem Schnelldurchlauf an. Die Kannmacher-Saga gehört in ihrer Eigentümlichkeit offensichtlich allein nach Pommern. Wie sich deren Protagonisten durch zwei Weltkriege schlagen, wie sie, verkörpert durch Claras halbseidenen Bruder Alfred, zu Teilen der nationalsozialistischen Ideologie anhängen, wie der Freiwalder Pfarrer sich von heute auf morgen bereit erklärt, seinen Gott jeder aufkommenden Zeitströmung zur Verfügung zu stellen, davon erzählt Jan Koneffke auf eine Weise, die einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt.

    Spröde Sinnlichkeit

    Denn so bemüht er ist, die versunkene Welt an der Ostsee heraufzubeschwören, so enttäuschend sind letztlich die literarischen Mittel, die er einsetzt. Zu geölt läuft diese Reanimationsmaschine, zu verschwommen bleibt, warum Felix in der Musik sein Heil sucht, zu spröde ist die Sinnlichkeit, die die Wahlverwandtschaften zwischen den Kannmachers und den Sielaff-Schwestern bestimmt, und zu aufgesetzt (und mit vielen Ausrufezeichen versehen) tönen die inneren Monologe, die die Innenwelt der Figuren spiegeln sollen. Dass es nicht wenige anrührende Passagen gibt – so die nie ermattende Zuneigung Leopolds zu seiner ihn schikanierenden und zuletzt von ihrem Bruder in die Irrenanstalt abgeschobenen Frau –, sei nicht verschwiegen. Den Gesamteindruck eines merkwürdig biederen, allenfalls sympathischen Familienromans verhindern sie nicht. Das literarische Denkmal der Kannmachers steht auf eher tönernen Füssen.

    Jan Koneffke: Eine nie vergessene Geschichte. Roman. Dumont-Verlag, Köln 2008. 320 S., Fr. 35.90.
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