Donnerstag, 08. Januar 2009, 08:57:41 Uhr, NZZ Online
Sabine Riedel
Der Menschentypus im äussersten Nordosten des vereinten Deutschland gilt als stur oder – ins Positive gewendet – als prinzipientreu. Er mag Kartoffelgerichte und den Erdgeruch der eigenen Scholle an den Fingerkuppen. Er neigt, rhetorisch, zur Parataxe, und seine Kommunikation schlägt gelegentlich ins Nonverbale. Was erklärt, warum er seinen Unmut über das Geschäftsschild eines Steuerberaters, der seine Dienstleistung auf Deutsch und auf Polnisch anbietet, in Form eines aufgesprühten Hakenkreuzes äussert. Der Mensch in Mecklenburg-Vorpommern pflegt eine tradierte Definition von Ordnung. Die Zurschaustellung von Details nächtlicher Intimität wie das stundenlange Lüften von Bettzeug über der Balkonbrüstung im polnischen Nachbarhaus unterläuft den Absolutheitsanspruch dieser Definition. Vielleicht fangen so die Probleme an.
Die Chausseestrasse ist eine Strasse, die diesen Namen nicht verdient. Die baumlose Strasse halbiert das Dorf Löcknitz mit einem klaren Schnitt, führt als Bundesstrasse 104 zur nur zehn Kilometer entfernten deutsch-polnischen Grenze und dient im Wesentlichen dem Warentransfer in wechselseitiger Richtung. Lastwagen preschen durch die Chausseestrasse, unter der Druckwelle erzittern anfallartig Schaufensterscheiben, und Strassenstaub verfinstert die Häuserfassaden. Das Versprechen, das die Strasse nicht hält, löst die Landschaft ein. Das Land ist weit, seine Weite lehrt das Sehen, kein Hügel verkürzt die Perspektive. Das Land, reich an Gewässern, hat auch Löcknitz mit einem See beschenkt. Der Schatten hoher Kiefern legt sich auf das Wasser, das die Sonne bernsteinfarben streicht. Immer geht ein Wind, vor dessen Kraft sich das Schilf in Demut verneigt.
In den frühen Nachmittagsstunden ergibt sich Löcknitz dem Biorhythmus des Ländlichen. Kein Passant ist zu sehen, nur manchmal ein Kind, das unter der Last seiner Bücher und der Not des Erwachsenwerdens müden Schrittes heimwärts stolpert. «Hier ist doch tote Hose», sagt jemand. Es fällt nicht leicht, ihm zu widersprechen. Von einst viertausend Einwohnern packte nach der Wende jeder Vierte seine Habseligkeiten und folgte dem Sirenengesang des Westens. Es waren die Jungen, die gut Ausgebildeten, die gingen. Zurück blieben die Alten und die, welche dem Systemwechsel konditionell nicht gewachsen waren. Mit den Worten des Bürgermeisters Lothar Meistring: Löcknitz liegt im Landkreis Uecker-Randow, dem strukturschwächsten mit dem geringsten Durchschnitts-Nettoeinkommen Deutschlands. Die Arbeitslosigkeit beträgt offiziell zwanzig Prozent. Zwanzig Prozent? Meistring, Mitglied der Linken, ist als ehrenamtlicher Bürgermeister vielleicht noch nicht lange im Geschäft, aber er kennt die Volksweisheit, die da lautet: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.
«Zwanzig? Wohl eher um die vierzig!», ruft Meistring, über seine Wangen flammt eine leichte Röte, die eine Hochdruckkrise befürchten lässt. Was ist mit den Leuten, die man qualifiziert, um sie dann wieder in die Arbeitslosigkeit zu entlassen? Was ist mit den Ein-Euro-Jobbern? Anfänglich, sagt Meistring, war er gegen diese Ein-Euro-Jobs. Sie hatten für ihn als Linken den Hautgout von Manchestertum. Er wähnte sich im Schreckensszenario einer frühkapitalistischen Gesellschaft nach der Art eines Charles Dickens. Doch die Leute stürmten regelrecht das Büro des Bürgermeisters, bettelten um Arbeit für ein Almosen, und Meistring tat, was er konnte, und wähnte sich in der Rolle des Brot austeilenden Armenpriesters in einer Volksküche.
Dann kamen die Polen: Es waren nicht die üblichen Saisonarbeiter, die Gurkenleser und Spargelstecher, die für wenige Euro mit schmerzendem Rücken Wertschöpfung betrieben, während ihnen die Sonne wie zum Spott die Haut von den nackten Schultern schälte. Sie verbrachten auch nicht die Nächte in Sitzposition zu viert im rostigen Polski-Fiat. Polen betrat den Schengenraum, lästige Passkontrollen entfielen. Und die Polen, die jetzt kamen aus der grenznahen Boomtown Stettin, fuhren im allradgetriebenen Geländewagen durch die Chausseestrasse. Im Neubaugebiet Schwarzer Damm, wo die Gemeinde ihren Grund zum Quadratmeterpreis von 25 Euro und damit weit unter polnischem Niveau verschleudert, liessen sie Häuser bauen, Villen in solider Ziegelbauweise, umgeben von weitläufigen Gärten. Auch die Wohnungsgesellschaft freute sich über den Zustrom der Polen: Während in den meisten ostdeutschen Kommunen der Leerstand in den Plattenbaukomplexen, diesen Monumenten sozialistischen Wohnkomforts, hoch ist, gibt es in Löcknitz eine Warteliste für die sanierten Wohnungen. 230 Polen leben heute in Löcknitz, sie melden, beschwingt von der Aussicht auf Fördermittel, Gewerbe an, eröffnen Geschäfte und schenken der Chausseestrasse eine Andeutung von urbanem Flair.
Die plötzliche Prosperität der Polen musste die Deutschen irritieren, denn es stellte ihr hierarchisch organisiertes Weltbild in Frage. Der überraschende Wohlstand, die Eleganz und Weltläufigkeit der neuen Nachbarn mussten dem Langzeitarbeitslosen seine Hartz-IV-Existenz, die er unter dem Einfluss des Narkotikums Fernsehen in einer Art Dämmerzustand abarbeitet, umso kläglicher erscheinen lassen. Vielleicht gingen so die Probleme weiter.
Es dauerte nicht lange, in Löcknitz marschierte die NPD auf und verteilte ihre Weisheiten gratis an jeden Haushalt: «Die Polen nehmen uns die Arbeit, die Wohnungen weg . . .» Sie blies zum Feldzug, schon meldeten sich die ersten Freiwilligen: «Polen raus, Grenze dicht», skandierten sie. Als feindbildtauglich erwies sich die Geschäftsführerin der Wohnungsgesellschaft. «Polenschlampe, pass auf!», prangte eines Morgens in riesigen Lettern an der Mauer ihres Büros. Nachdem bei den letzten Landtagswahlen die extreme Rechte in Löcknitz achtzehn Prozent der Stimmen kassiert hat, befindet sich das Dorf in einem Zustand medialer Belagerung. Auch das polnische Fernsehen, nicht immer frei von antideutschen Ressentiments, kolportiert genüsslich das Bild vom rassistischen Löcknitzer. Meistring, im Kampf um den sozialen Frieden, ging zum Gegenangriff über, preist die Kaufkraft, das Mehr an Steuereinnahmen, das die neuen Bürger der Gemeinde bescheren. Und ist es nicht so, dass die, die am lautesten agitieren gegen die Präsenz der Polen, wirtschaftlich von ihnen profitieren: der Baustoffhändler, der Dachdecker . . .?
Lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf die deutsch-polnische Schule, wo Jugendliche zweier Nationen in friedlicher Koexistenz den hindernisreichen Parcours zur Hochschulreife absolvieren. Wo jeder zweite deutsche Schüler die polnische Sprache lernt und seinen ideologisch noch ungetrübten Realitätssinn auf eine Zukunft ohne Grenzen richtet. Als das Gymnasium in den Rang einer Europaschule befördert wurde, eilten der polnische Aussenminister und sein deutscher Amtskollege in das vorpommersche Dorf und machten das Ereignis medientauglich. Und so erfuhr die Welt endlich einmal Erfreuliches aus Löcknitz.
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