Donnerstag, 08. Januar 2009, 08:36:59 Uhr, NZZ Online
Urs Steiner
Irgendwie scheinen die Designer die Wirtschaftskrise zum Voraus gewittert zu haben. Die meisten Entwürfe, die an der Zürcher Designmesse «Blickfang» präsentiert werden, üben sich in zurückhaltendem Understatement. Möbelgestalter haben sich vom aufgeplusterten Sauglattismus verabschiedet, Modemacherinnen schneidern ihre Kollektionen schlicht, streng und in gedeckten Farben. Einzig bei den Accessoires sowie dem Schmuck erhascht man gelegentlich ein kleines Aufblitzen von Extravaganz.
Edles Massivholz, Leder und üppige Textilien sind aus dem Möbelbereich fast ganz verschwunden. Die Designer interessieren sich zunehmend für industrielle Materialien und Produktionsweisen. Somit knüpfen sie eigentlich an alte Traditionen der frühen Moderne an, wo im Windschatten von Bauhaus und Werkbund «arme» Materialien wie Stahl und Kuhhaut statt gedrechselten Holzes und schweren Brokatstoffs in Mode kamen. Heute beschäftigen sich Möbeldesigner mit Beton und Eternit, billigen Verbundhölzern, elektronisch zugeschnittenen Blechen und pflegeleichten Mikrofaser-Textilien. Maschinelle Fertigung und Oberflächenbehandlung erlauben eine Veredelung dieser eher rohen Materialien zu schlanken, eleganten Produkten. So ist etwa bei «schindlersalmerón» ein Holzstuhl zu finden, dessen verwundene Hinterbeine mit einem fünfachsigen Flankenschnitt einer elektronisch gesteuerten Fräse in Form gebracht wurden. Und Christian Deuber zeigt minimalistische, raffiniert konzipierte Leuchten, bei denen die funktionalen Teile gleichzeitig der einzige Schmuck sind.
Sich warm anzuziehen, scheint das Gebot der Stunde zu sein. Der viel gehörte Rat bezieht sich einerseits auf die angekündigte Rezession, anderseits auf den heute gefallenen Schnee. Insofern sind angesagte Kleider dann preiswert, wenn sie vor rauem Wetter schützen und auch eine länger andauernde Flaute im Portemonnaie überstehen, ohne aus der Mode zu fallen. Woraus sich erklärt, weshalb in der Kleider-Sektion klassische Eleganz und hochwertige Materialien dominieren.
So orientieren sich Elena Zenero-Hock und Johannes Hock alias Goyagoya an den Frauenbildern der Müttergeneration. Ihre Kleider und Röcke in puristischen Formen sind allesamt aus Jersey gefertigt. Christina Krämer wiederum ringt dem an sich biederen, selbstgestrickten Pullover unerwartet sinnliche Seiten ab. Die von Hand in der Schweiz hergestellten Modelle erschöpfen sich nicht in gestrickten Jacken, Kleidern, Kapuzen-Ponchos und Shrugs, sondern sind nicht selten Hybride aus Kleidungsstücken und Accessoires wie den «Kragen-» oder den «Schalärmeln».
Schon x-mal wurde die endgültige Renaissance des Hutes, für Damen ebenso wie für Herren, heraufbeschworen. Jetzt scheint das jahrzehntelang verschmähte Kleidungsstück endgültig zurückzukommen. Fast erhält man an der diesjährigen «Blickfang» den Eindruck, die Modedesigner benützten die Kopfbedeckung, um die strenge Klassizität der Mode etwas aufzubrechen.
Dass die Ausgabe 2008 der Designmesse nicht ganz zur Missa solemnis wird, dafür sorgen nicht zuletzt die Schmuckgestalterinnen. Am frechsten foutieren sich Les Cotelettes um die Konventionen des Genres: An einem Stand, der mehr einem Metzgerladen als einer Bijouterie gleicht, stellen die drei Designerinnen Luzia Vogt, Stephanie Hensle und Natalie Luder das Thema Fleischeslust ins Zentrum. Luzia Vogt hat Broschen, Ohrhänger und Ringe aus Porzellanbruchstücken entworfen, die Tierdarstellungen enthalten. Eros und Thanatos verbindet Natalie Luder in ihren Kreationen, wenn sie Zähne von Hasen und anderen Nutztieren zu üppigen Ketten komponiert. Und gänzlich fleischlich präsentieren sich die Charcuterie-Modelle von Stephanie Hensle, deren Salami- und Mortadella-Schnitten aus Kunststoff sich dekorativ an die Brust heften lassen.
Am verführerischsten an der ganzen Messe ist jedoch, dass die potenziellen Kunden direkt mit den Gestaltern und Produzenten ins Gespräch kommen und so Einblick in deren Ideenwelt und Denkungsart erhalten. Produkte, die man auf diese Weise kennenlernt, unterscheiden sich von der anonymen, globalisierten Massenware. Da kann es gut passieren, dass man plötzlich etwas kauft, das man sich angesichts des ausgebliebenen Bonus eigentlich gar nicht hätte leisten können.
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