Donnerstag, 08. Januar 2009, 08:48:01 Uhr, NZZ Online
Von Roger Friedrich
Das Dach der noch von den Gründern des legendären «Vegetariersanatoriums» gebauten Casa Anatta ist seit über zehn Jahren nicht mehr dicht. Von Zeit zu Zeit macht in den Medien, vor allem in auswärtigen, die Klage die Runde, das Tessin lasse den Monte Verità verkommen. Die Stiftung Monte Verità verkündet in Abständen, dass sie nun energisch die dringliche Restaurierung an die Hand nehme. Bisher hat es nur zu Flickarbeit gereicht.
2005 starb der Ausstellungskünstler Harald Szeemann, der in der Casa Anatta das Monte-Verità-Museum eingerichtet hat. Seither bangen Nachkommen und Freunde um die bekannteste und einzige noch bestehende Ausstellung Szeemanns, die – nun auch ein Denkmal ihres Schöpfers – tel quel erhalten werden soll.
Inzwischen hat die Stiftung das Ausstellungsgut und die Teile von Szeemanns Archiv, die den Monte Verità betreffen, erworben. Sie hat sich ein Herz gefasst. Die Ausstellung soll genauestens dokumentiert, ins Staatsarchiv gebracht und in zwei, drei Jahren in der restaurierten Casa Anatta genau so, wie sie sich heute präsentiert, wieder eingerichtet werden. Die nötigen drei Millionen Franken scheinen zwar noch nicht vorhanden, aber zum Teil zugesagt. Der Kulturvorstand von Minusio will sich bemühen, dass seine Gemeinde die Restaurierung des aus dem dortigen Elisarion stammenden, seit einigen Jahren auf dem Monte Verità installierten Rundbildes «Klarwelt der Seligen» finanziert.
Die Casa Anatta wurde ein Jahrzehnt lang vernachlässigt, weil dem Monte Verità eine motivierende Vision fehlt. 1964 vermachte Baron von der Heydt dem Kanton Tessin den Monte Verità mit der Auflage, Hotel und Park einem kulturellen Zweck zuzuführen. Der Kanton wusste nie, was er mit dem Geschenk anfangen soll. Er akzeptiert im Grunde bis heute nicht, dass er sich mit dem Berg auch einen Mythos einhandelte, den Mythos, dem Szeemann dann nach allen Regeln seiner bildträchtigen Ausstellungskunst eine Form gab. Allerdings spielten in der Geschichte des Monte Verità weder Tessiner noch Italiener eine wesentliche Rolle. Die Anarchisten, Vegetarier, Weltverbesserer, Theosophen, Sozialutopisten, Dichter und Künstler suchten das Mittelmeerklima, nicht die Mittelmeerkultur. Die Monte-Veritaner und die Einheimischen lebten nebeneinander in zwei separaten Welten.
Dem Tessin liegt der Monte Verità auch heute noch nicht am Herzen. Als die ETH Bereitschaft zeigte, auf dem Monte Verità Symposien durchzuführen, packte die Kantonsregierung zu. Seither belegt das Centro Stefano Franscini das zu einem Tagungszentrum ausgebaute Hotel etwa zur Hälfte. Wo einst nackt Gartenerde gehackt wurde, diskutieren nun Koryphäen über Physical Aspects of Fracture Scaling und 3D Modeling in Archaeology. Im Übrigen hofft die Monte-Verità-Stiftung mit einem bunten Programm musikalischer, kulinarischer, literarischer, gesellschaftlicher Veranstaltungen die einheimische Bevölkerung für den Monte Verità zu gewinnen. Auch ein hübscher Teegarten ist angelegt. Die «Casa Loreley» ist in ein japanisches Teehäuschen verwandelt worden, in dessen mässig fernöstlich gestimmten Räumen man einer Teezeremonie beiwohnen oder in den Socken allerlei Grüntee erstehen kann. Daneben schlummert, wie gesagt, das Monte-Verità-Museum angefeuchtet und doch staubig vor sich hin. Monte-Verità-Geist weht kaum durch den Park, auch wenn da oder dort eine rostige Wanne an einstiges Sonnenbaden erinnert.
Szeemann schlug vor, auf dem Monte Verità eine Kunsthalle zu erstellen, die er sich als Begegnungsort der Künste und Künstler vorstellte. Der Monte Verità sollte aus seiner Musealität und Beliebigkeit geholt werden und ein Eigenleben entwickeln. Der Kanton winkte ab; er schwimmt ja nicht im Geld. So blieb der Berg der Wahrheit weiterhin ohne höhere Bestimmung. Der Monte Verità hat es zusätzlich schwer, weil er sich auf der Verliererseite des Monte Ceneri befindet (nur da entstehen konnte). In den letzten beiden Jahrzehnten sind in Lugano die Universität und das kantonale Kunstmuseum eröffnet worden. Im Sopraceneri ist nichts Vergleichbares entstanden. Der Kanton gerät zunehmend aus dem Gleichgewicht. Kürzlich zog Marco Solari an der Alarmglocke: Das Locarnese brauche neben dem Filmfestival dringend weitere kulturelle Attraktivität. Die Zukunft des Festivals selbst könnte bald einmal von einem lebhafteren Umfeld abhängen.
Man erhält zunehmend den Eindruck, dass für die Kantonsregierung dem zerstrittenen Locarnese ohnehin nicht zu helfen und das Sopraceneri bereits zum Anhängsel abgestuft sei. Der Kanton setzt bedenkliche Zeichen. Die Ausstellung zum 150. Todesjahr des «grössten Tessiner Staatsmannes» fand nicht in Bellinzona, sondern in Lugano, der «heimlichen Hauptstadt», statt; dabei stammte Stefano Franscini aus dem Sopraceneri. Das dem Piemont und dem Norden zugewandte Sopraceneri mit seinem weiten und komplexen Hinterland der langen Täler ist eine ganz andere Welt als das urbanere, der Lombardei und seiner Metropole verbundene Sottoceneri. Das Nebeneinander einer alpin eingefärbten Tradition und der exaltierten und unsteten Immigrantenszene am Langensee hat zu einer ganz eigenen Kulturlandschaft voller innerer Spannungen, Risiken und Chancen geführt, deren Geschichte und Perspektiven in ihr selbst aufgearbeitet werden müssen. Der Kanton darf sich nicht auf ein Kunstmuseum in Lugano kaprizieren.
Der Monte Verità gäbe dem Kanton die Chance, in einer Region, in der die politische Konstellation kompliziert ist, aktiv zu werden und positive Impulse zu geben. Ein initiatives Museum könnte zur Reflexion über die ungewöhnliche Vergangenheit des Locarnese stimulieren. Man sagt, dass die südliche Spitze Mitteleuropas am Langensee liege. Dass darüber mehr nachgedacht würde, läge im Interesse des Kantons und des ganzen Landes. Es geht dabei um nichts Geringeres als um das Selbstverständnis des Tessins und um das Verhältnis des italienischen Landesteils zur übrigen Schweiz. Warum sollte die ETH nicht einen Teil ihrer Präsenz auf dem Monte Verità für diese Aufgabe einsetzen? Warum sollte die Università della Svizzera Italiana nicht ein passend konzipiertes Institut auf dem Monte Verità dazufügen? Warum sollte auf dem Monte Verità, an seine Geschichte anknüpfend und über sie hinausgehend, nicht die versäumte Begegnung der kosmopolitischen Kultur mit der einheimischen noch nachgeholt werden?
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