Samstag, 22. November 2008, 02:53:38 Uhr, NZZ Online
aks. Was wird anders unter der neuen Leitung? Diese Frage interessiert im Hinblick auf das diesjährige Theaterspektakel ganz besonders. Wie Sandro Lunin, der das Festival gemeinsam mit Cornelia Howald und Werner Hegglin leitet, an der gestrigen Pressekonferenz erklärt hat, gibt es Neuerungen in drei Bereichen. So bilden zum einen Produktionen aus Asien, Lateinamerika und Afrika einen Programmschwerpunkt. Zum andern wird der Aussenraum neu mit kuratierten Performances und Installationen bespielt. Und schliesslich bekommt das Theaterspektakel mit einem Klub, in dem Live-Musik gespielt wird oder DJs auflegen, «ein Herz, das diesen Namen auch verdient», wie Lunin betonte.
Bei seinen Reisen in die Metropolen des Weltsüdens ist Lunin «auf hervorragende Kreationen, Theaterstücke und Tanzproduktionen gestossen», die den Weg nach Europa leider nur allzu selten fänden. Einige dieser Bühnenwerke sind nun am Theaterspektakel zu sehen. So sorgt etwa das südafrikanische Theaterkollektiv Third World Bunfight mit seiner Musik-Tanz-Show «House of the Holy Afro» für einen fulminanten Auftakt, und das South African State Theatre setzt mit einem Stück des Dramatikers und Regisseurs Mpumelelo Paul Grootboom einen Höhepunkt zum Schluss. In der Produktion der brasilianischen Tanzgruppe Membros, die Elemente von Street Dance und Hip-Hop enthält, wird die immer stärkere Brutalität im Alltag Brasiliens thematisiert. Zur Uraufführung im Rahmen des Theaterspektakels kommt das Musiktheater-Projekt «The Iron Bed» des indonesischen Filmemachers und Regisseurs Garin Nugroho.
Bei weitem nicht nur Produktionen aus Übersee stehen indes auf dem Spektakel-Programm. Aus den Benelux-Staaten stammen gleich zwei Werke, die für Gesprächsstoff sorgen dürften. Uraufgeführt wird «Venizke», das erste gemeinsame Stück des Choreographen Ben Benaouisse und der Regisseurin Liz Pauwels, produziert vom belgischen Theater Campo (ehemals Victoria). Und die holländische Gruppe Hotel Modern erzählt in einer szenischen Installation mit nicht weniger als dreitausend Miniaturpuppen den Tagesablauf eines Gefangenen im Konzentrationslager Auschwitz. Rund ein Drittel der Vorstellungen werden von Schweizer Theater- und Tanzschaffenden bestritten. So präsentiert etwa das Autorenquartett Debatin, Kämpf, Lenz und Urweider mit dem Theaterstück «Robinson» seinen jüngsten Wurf. Ihre Dernière erlebt – nach einer Reise rund um die Welt – Stefan Kaegis Produktion «Mnemopark».
Das Theaterspektakel beschränkt sich dieses Jahr nicht auf die einzelnen Spielstätten, sondern auch im Raum dazwischen wird neu ein Programm geboten (zu dem das Publikum freien Zutritt hat). In einem vierstöckigen Turm kann man unter anderem Matthias Schmids Atelier für Zufallsforschung mit zehn vollautomatischen Theaterkisten bestaunen, während Victorine Müller auf der Wiese riesige transparente Skulpturen lebendig werden lässt.
Wenn es dann schliesslich Nacht ist, beginnt im Klub der Betrieb so richtig. «Das Theaterspektakel ist Festival und Fest – das heisst, in den Augustnächten soll kräftig gefeiert und getanzt werden», betonte Lunin. So organisiert das Zürcher Partykollektiv Motherland vier Abende mit Live-Musik und DJs aus den vier afrikanischen Metropolen Kinshasa, Bamako, Dar es Salaam und Lagos.
Ebenfalls erstmals besteht heuer die Möglichkeit, viele der am Spektakel beteiligten Künstlerinnen und Künstler persönlich kennenzulernen und dabei mehr über ihre Arbeitsweise und ihren Alltag zu erfahren. Unter dem Titel «Homestories» findet im Theater der Künste jeden Mittag (ausser sonntags) ein einstündiges Tischgespräch mit täglich wechselnden Gästen statt.
NZZ Ticket:
Infos zum Festival
South African State Theatre:
In der Gewaltspirale gefangen
Thomas Hauert / CulturArte:
Balanceakt zwischen Tradition und Moderne
Carolina Adamovsky:
Gemeine Gemeinschaft
Hotel Modern:
Auschwitz als Puppenstube
Nelisiwe Xaba / Latifa Laâbissi / Mass & Fieber:
Textiltheater und verkrümmte Körper
Taher Najib:
Tägliches «Spuck-Schiessen»
Pieter-Dirk Uys:
«A baby in democracy»
«Atelier für Zufallsforschung»:
Jukebox-Theater
«Motherland»:
Afrika ruft!
«Dr. Lüdi Show»:
Verliebte Büroklammern
Rabih Mroué:
«In zahlreichen Gefechten fand ich den Tod»
«Bühler vs. Kaufmann»:
Zwei kritische Blicke aufs Theaterspektakel
«Robinson»:
Südsee-Romantik im Brienzersee
«Plan B»:
Die grosse Kunst der Enttäuschung
«Tempest II» / «House of the Holy Afro»:
Schmerzensmänner und Energiebündel
Interview mit Sandro Lunin I:
«Das Panorama von Formen soll möglichst breit sein»
Interview mit Sandro Lunin II:
«Wir brauchen keinen Drittwelt-Bonus»
Neues Gebäude:
Temporärer Turm als Theaterspektakel-Novum
Erinnerungsbüro:
Wenn «Erinnerungsblasen» hochsteigen
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