Samstag, 22. November 2008, 03:09:03 Uhr, NZZ Online
Philipp Meier
Was ist ein Objekt, und wie kann es ausgestellt werden? Dieser Fragestellung geht eine Gruppe von Studierenden der Universität Zürich recht prosaisch nach. Es interessiert hier für einmal nicht die vielbeschworene benjaminsche Aura des Objekts oder deren Produzierbarkeit mit den Kunstgriffen und Kniffen der musealen Ausstellungstechnik. Vielmehr werden an zehn Stationen Objekte in Bezug auf ihre ethnologische Aussagekraft vorgestellt sowie neue und auch virtuelle Präsentationsmöglichkeiten mit althergebrachten Ausstellungsmustern in Beziehung gesetzt. Der objektive Blick auf das, was ein Objekt im ethnologisch-wissenschaftlichen Sinn zum Objekt macht, steht hier im Vordergrund und nicht etwa das «objet de désir» als Phänomen selbst. So zeigt die Ausstellung neben ethnografischen Objekten im klassischen Sinn auch aussagekräftige Gegenstände aus unserer Gesellschaft, wobei vor allem technologische Produkte zum Zuge kommen.
Zeige mir dein Objekt, und ich sage dir, wer du bist – diese ethnologische Maxime gilt natürlich für eine Indianermaske ebenso wie für ein Handy. Gerade Mobiltelefone, die ihren Besitzern rund um den Globus, im reichen Norden wie im armen Süden, Prestige und Identität zu verleihen vermögen, sprechen Bände – auch wenn sie nicht eingeschaltet sind, sondern bloss in einem Museum ausgestellt werden. Als Massenprodukte sind Handys längst zu modernen Fetischen der Alltagskultur geworden.
In der Ausstellung werden zwei Mobiltelefone gezeigt, die einen weiteren Blick auf unsere Gesellschaft zu geben vermögen: Es sind zwei Modelle, mit welchen man auch fernsehen kann. Aufgeschaltet sind die Programme von CNN und al-Jazira, die zwei sehr unterschiedliche Optiken des Weltgeschehens vermitteln.
Was macht ein Objekt zu einem Objekt? Diese Frage stellt sich vor einer hölzernen Rabenmaske der nordamerikanischen Kwakiutl-Indianer. Sie wird in einer Vitrine präsentiert, hinter ihr an der Wand ist ein Monitor mit den passenden Ausmassen montiert, auf dem sich der wertvolle Kultgegenstand virtuell reproduzieren lässt. Solche technische Reproduzierbarkeit wirft natürlich die altbekannte Frage nach dem Wert des Originals auf. Ob es den Gang ins Museum noch braucht, um die Maske im Original zu sehen, wenn die Abbildung noch das kleinste Detail des Objekts in höchster Auflösung und an jedem beliebigen Standort der Welt wiederzugeben vermag, ist wohl eine berechtigte Frage. Dies aber eben nur, solange man vom Studium des Objekts bloss einen möglichst hohen wissenschaftlichen Erkenntnisertrag erhofft, nicht aber, wenn man sich vom Gegenstand, von seiner Aura, berühren lassen will.
Da läuft die Ethnologie gerne Gefahr, Aspekte der Ästhetik von ethnografischen Objekten jenseits ihrer Funktion etwas ausser acht zu lassen. Dies zeigt in der Ausstellung am besten die Nachbildung eines alten Schaudepots, das angefüllt ist mit Kunsthandwerk aus Kamerun und Kongo. Solche überquellenden Schaudepots waren früher Aufbewahrungs- und Ausstellungsort in einem, ermöglichten sie doch auch gleich Unterricht und Studium der Wissenschafter, da das Anschauungsmaterial solcherweise leicht zugänglich war.
Eine weitere Station der Schau beschäftigt sich mit den räumlichen Bedingungen von Ausstellungen und schlägt gleich einen architektonischen Entwurf für einen Erweiterungsbau des Zürcher Völkerkundemuseums vor. Und eine besonders originelle Position hebt eine Kaffeetasse auf den musealen Sockel – nicht, um daraus ein museumswürdiges Readymade à la Marcel Duchamp zu machen, sondern vielmehr, um anhand eines banalen Alltagsgegenstands die gesellschaftlichen Bedingungen seines Entstehens und Gebrauchs zu analysieren. Die Tasse stammt aus einer Produktion in Portugal, kam nach Zürich zur Neueröffnung des Bellevue-Cafés, wurde dort im Rahmen einer Buchvernissage einem Schriftsteller geschenkt, der sie schliesslich an eine der Mitverantwortlichen dieser Ausstellung weitergab . . . Wenn Objekte auch eine Biografie haben können, dann wird das hier ersichtlich.
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