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  • 7. April 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Diskussion um Lateinobligatorium an der Universität Zürich

    Diskussion um Lateinobligatorium an der Universität Zürich

    Diverse Fächer verlangen nach der Studienreform kein Latinum mehr

    Die Büsten von Cicero (l.) und Cäsar (r.), zwei Klassikern des Lateinunterrichts Die Büsten von Cicero (l.) und Cäsar (r.), zwei Klassikern des Lateinunterrichts. (Bild: NZZ / Christoph Ruckstuhl)
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    In den letzten Jahren ist an der Universität Zürich für diverse Fächer das Lateinobligatorium gefallen. Für Doktoranden werden weitergehende Erleichterungen diskutiert. Die Lateinbefürworter finden, ein Obligatorium hebe die Universität Zürich von anderen Hochschulen ab.

    fur. Latein ist eine tote Sprache, aber sie lebt an Schulen und Universitäten weiter – noch. Denn die Zahl der Lateinschüler an den Mittelschulen sinkt stetig (siehe Kasten), und auch an der Universität Zürich wird die Anzahl jener Fächer kleiner, für deren Studium Lateinkenntnisse verlangt werden. Die letzte Reduktion wurde mit der Bologna-Reform eingeleitet. An der Universität Zürich brachte in den letzten Jahren die Umstellung auf das internationale Studienmodell eine breite Studienreform mit sich. In diesem Rahmen wurde das Lateinobligatorium für rund 20 Fächer vollständig oder zumindest für den Status des Nebenfachs abgeschafft. Gar nicht mehr nötig ist das Latein unter anderem für Sprachfächer wie Arabisch, Türkisch, Hebräisch oder Persisch, für Islamwissenschaft, Ägyptologie oder britische und nordamerikanische Geschichte. Für sogenannte «kleine» Nebenfächer (früher zweite Nebenfächer genannt) wurde das Lateinobligatorium auch für historische Fächer, ältere deutsche Literaturwissenschaft oder Musikwissenschaft aufgehoben.

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    Obligatorium soll die Besten anlocken

    Selbst nach dieser Reduktion ist die Universität Zürich im Vergleich zu anderen Schweizer Hochschulen lateinfreundlich geblieben. An den Universitäten Bern und Basel ist das Latinum nur noch für rund 10 Fächer obligatorisch, in Zürich sind es noch rund drei Dutzend Fächer an der philosophischen Fakultät I und an der theologischen Fakultät. Im Unterschied zu Bern und Basel etwa sind in Zürich noch immer Lateinkenntnisse gefragt, wenn man Germanistik, Philosophie oder neuzeitliche Geschichte studieren will.

    Die unterschiedlichen Anforderungen der Hochschulen können allerdings die Mobilität erschweren, die durch die europäische Studienreform von Bologna gefördert werden sollte. Vor allem die Universitäten in den angelsächsischen Ländern kennen das Lateinobligatorium nicht. Studierende aus diesen Nationen müssten den zweisemestrigen Lateinkurs absolvieren, wenn sie in Zürich eines der Fächer mit Lateinobligatorium belegen wollen – möglicherweise ein Grund, eine andere Universität als Zürich zu wählen.

    Ulrich Eigler, Professor für klassische Philologie an der Universität Zürich, sieht das anders. Vielleicht kämen einige ausländische Studierende wegen des Lateinobligatoriums nicht nach Zürich. Dafür ziehe Zürich solche mit Lateinkenntnissen umso stärker an.

    Latein-Trend in Deutschland

    Wenn man etwas Besonderes verlange, bekomme man die Besten. Mit dem Latein als Bedingung für gewisse Fächer könne sich Zürich als besonders anspruchsvolle Universität profilieren, sagt Eigler und verweist auf die deutsche Universität Trier, die für das Fach Germanistik das Lateinobligatorium wieder eingeführt habe. Generell sei das Latein in Deutschland, Österreich und Italien stark auf dem Vormarsch, auch an den Schulen. Theo Wirth, ehemaliger Mittelschullehrer für Latein und Griechisch sowie Fachdidaktiker an der Universität Zürich, pflichtet bei. Wenn es darum gehe, möglichst viele Studierende anzulocken, sei das Obligatorium vielleicht ein Hindernis. Wolle die Universität aber die Besten nach Zürich holen – und dies müsse das Ziel sein –, sei es ein Selektionsinstrument.

    Ausnahme für Anglistik-Doktoranden?

    Dennoch: Durchs Band lässt sich diese Argumentation offenbar nicht aufrechterhalten. Denn nach Zürich locken will die Universität vor allem talentierte Doktoranden – auch aus dem angelsächsischen Raum. Ob man von einem englischen Sprachwissenschafter nachträglich verlangen kann, Latein zu lernen, steht derzeit auch an der Universität Zürich zur Debatte. Laut Eigler wird darüber diskutiert, für bestimmte Fächer, beispielsweise Anglistik, das Lateinobligatorium für Doktoranden fallenzulassen.

    Den ausländischen Doktoranden würde man damit den universitären Schnellkurs ersparen, den jene Studierenden besuchen, die keine Maturität mit Latein mitbringen. Der Kurs will über zwei Semester à sieben Wochenstunden die nötigen Grundlagen vermitteln. Viel bleibt nach der Abschlussprüfung aber jeweils nicht hängen. Ulrich Eigler findet ohnehin, dass der Lateinunterricht an die Mittelschulen gehöre. Dort wirke er direkt als Förderungsinstrument. Wer Latein gelernt habe, könne Texte generell besser verstehen. Die Auseinandersetzung mit der lateinischen Grammatik, mit den in der Antike gebräuchlichen Stilfiguren und der Rhetorik fördere ein vertieftes Verständnis von Sprache, sagt Eigler. Latein helfe, alle Schülerinnen und Schüler auf ein höheres Niveau zu bringen.

     

    Weniger Latein an den Mittelschulen

    Weniger Latein an den Mittelschulen

    fur. Der Kanton Zürich ist im gesamtschweizerischen Vergleich dem Latein freundlich gesinnt. Das gilt nicht nur für die Universität Zürich, sondern auch für die kantonalen Mittelschulen. Zwar sank auch an den Zürcher Gymnasien der Anteil der Lateinschüler. Das zeigen Zahlen, die der Altphilologe Theo Wirth seit rund 20 Jahren bei den Zürcher Mittelschulen erhebt. Der Rückgang fällt allerdings nicht derart stark aus wie in anderen Kantonen. Das altsprachliche Maturitätsprofil mit Latein wurde im Kanton Zürich im Schuljahr 2006/07 noch von 21,3 Prozent der Mittelschüler gewählt; der Prozentsatz markiert einen historischen Tiefpunkt. Vor 19 Jahren lag dieser Anteil noch bei 64 Prozent, vor 10 Jahren bei knapp 55 Prozent. Zum Rückgang der Schülerzahlen in diesem Profil trug auch bei, dass seit der Umsetzung der Maturitätsreform 1997 Latein im zweijährigen Untergymnasium zwar nach wie vor obligatorisch ist. Danach kann es aber abgewählt werden, und zwar auch im altsprachlichen Profil. Nötig ist in diesem Profil nur noch eine alte Sprache, und das kann auch Griechisch sein.

    Im Gegensatz zur Schweiz erlebt Deutschland seit Jahren eine starke Nachfrage nach Latein. Von 2000 bis 2006 hat die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die den Lateinunterricht besuchen, um mehr als 30 Prozent zugenommen. Derzeit lernt knapp jeder dritte deutsche Gymnasiast Latein. In einigen Bundesländern liegt der Anteil deutlich höher. In Bayern beträgt die Quote der Lateinschüler 47 Prozent.


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