Samstag, 22. November 2008, 04:31:51 Uhr, NZZ Online
bc. Statt Börsen-Charts oder Bücher über die Theorie des Volkswirtschafters Adam Smith stapeln sich auf Tania Singers Bürotisch Schriften zur Psychologie und Empathie. Sie sei keine Wirtschafterin, stellt die Psychologin, die am Institut für Empirische Wirtschaftsforschung als Professorin arbeitet, als Erstes klar. Sie sei Neurowissenschafterin oder mit anderen Worten: «Ich forsche, wie Menschen miteinander ticken.»
«Grundlagen menschlichen Sozialverhaltens: Altruismus oder Egoismus» ist einer der sechs Forschungsschwerpunkte der Universität Zürich und einer der zwei, die an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät angesiedelt sind. Die Wirtschaftswissenschaftliche ist die jüngste unter allen Fakultäten. Sie ging 1992 aus den Rechts- und Staatswissenschaften hervor. Heute bilden laut Angaben der Universität rund 50 Professorinnen und Professoren sowie zahlreiche Lehrbeauftragte über 3000 Studierende an dieser Fakultät aus, die auch das Gebiet der Informatik abdeckt.
Gemeinsam mit Ökonomen, Philosophen und Psychologen baut Singer das Zentrum für soziale und neuronale Systeme auf. Sie hat dafür dieses Jahr 2,4 Millionen Franken vom Europäischen Forschungsrat erhalten. «Die Zusammenarbeit mit den Kollegen anderer Wissenschaftsgebiete läuft grundsätzlich bestens», sagt Singer. Begeistert ist sie davon, wie stark andere Ansätze das eigene Denkmodell befruchten. Singers Forschung besteht beispielsweise darin, dass Probanden, deren Hirnaktivitäten aufgezeichnet werden, um Geld spielen. «Wann handeln wir fair und kooperativ, wann unfair und egoistisch?», fasst Singer zusammen. Bis jetzt haben Probanden, meist Studenten, diese interaktiven Geldspiele gespielt. Am liebsten würde Singer aber Wirtschaftskriminelle testen. Einige, so glaubt Singer, verfügten zwar kaum über Empathie, dafür umso mehr über eine Fähigkeit zur kognitiven Perspektiven-Übernahme. Man könnte auch sagen: Die Personen können sich gedanklich, aber nicht gefühlsmässig in den anderen versetzen. Singer ist überzeugt, dass unser Hirn auf Zusammenarbeit programmiert ist und dass wir mehr kooperieren als egoistisch handeln. Ein solches Bild widerspricht dem herkömmlichen Bild des nur an seinen eigenen Nutzen denkenden Homo oeconomicus.
Die vernetzte Forschung zum Thema Altruismus und Egoismus ist noch nicht überall gleich anerkannt. Singer räumt ein, dass das Gebiet der Neuroökonomie noch ein sehr junges Feld ist, das in den USA aber viel schneller Fuss gefasst hat als in Europa. Um diese interdisziplinäre Forschung weiterzutragen, organisiert Singer Seminare und Vorlesungen für angehende Ökonomen, Psychologen und Neurologen. Dabei müssen die Studenten all dieser Fachrichtungen ein gemeinsames Wissensniveau erarbeiten, damit sie vom Unterricht profitieren können. Singer ist überzeugt, dass es in Zukunft für Ökonomen unerlässlich sein wird, zu wissen, wie das menschliche Gehirn ökonomische und soziale Entscheidungen fällt. Der Professorin geht es vor allem um die Erforschung von prosozialem Verhalten. Sie will nicht herausfinden, wie man Menschen besser manipulieren könnte. «Es interessiert uns nicht, unter welchen Bedingungen Menschen etwas kaufen oder mehr kaufen, sondern, unter welchen Umständen sie bereit sind zu kooperieren», grenzt sie ihr Forschungsgebiet ein.
bc. Im Rahmen des 175-Jahr-Jubiläums der Universität Zürich präsentieren sich die sieben Fakultäten hintereinander der Bevölkerung. Vor diesen Fakultätstagen porträtiert die NZZ jeweils einen «Botschafter» der entsprechenden Fakultät, der sein Departement repräsentiert. Unter dem Motto «Wissen schafft Wirtschaft – Wirtschaft schafft Wissen» will die Fakultät nicht nur die enge Verknüpfung von Theorie und Praxis fassbar machen, sondern auch die Bedeutung von Wissen als zentralem Forschungsgegenstand der Wirtschaftswissenschaften. Heute Samstag, 5. April, von 9 bis 15 Uhr präsentiert das Institut für Informatik im Lichthof der Universität Zürich unter anderem, was sich hinter der unterhaltsamen Benutzeroberfläche von Spielkonsolen an hochkomplexen Vorgängen verbirgt oder wie ein intelligenter Roboter funktioniert. An Themenabenden diskutieren Professoren und Gäste verschiedene Wirtschaftsthemen. Am 10. April um 16 Uhr 15 erklären vier Professoren unter dem Titel «175 Jahre Globalisierung», wieso dieses Phänomen keines der jüngeren Zeit ist und welche Herausforderungen zu erwarten sind.
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