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  • 29. März 2008, Neue Zürcher Zeitung
    175 Jahre Universität Zürich – Fakultäts-Botschafter (3)

    Vom Nutzen der «Text-Mikroskopie» für Polizei und Justiz

    Vom Nutzen der «Text-Mikroskopie» für Polizei und Justiz

    Henriette Haas ist forensische Psychologin an der Universität Zürich. Henriette Haas ist forensische Psychologin an der Universität Zürich. (Bild: Christoph Ruckstuhl / NZZ)
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    Die forensische Psychologin Henriette Haas hat eine Methode entwickelt, die für die Aufklärung von Kriminalfällen hilfreich ist. Mit «systematischem Beobachten» «mikroskopiert» sie Texte, so zum Beispiel Botschaften von Terroristen im Internet. Die Methode könnte auch für andere geisteswissenschaftliche Disziplinen interessant sein.

    175 Jahre Universität Zürich – Fakultäts-Botschafter (3)

    vö. Geistes- und Sozialwissenschafter haben den Ruf, sich in höheren geistigen Sphären zu bewegen. Doch manche nutzen die gewonnenen Erkenntnisse, um ganz konkrete Probleme anzugehen. Zu ihnen gehört die forensische Psychologin Henriette Haas. Die 50-jährige Forscherin befasst sich mit der Frage, wie die Ermittlungsbehörden bei Verbrechen mit wenig Hinweisen auf die Täterschaft das Maximum an Informationen herausholen können. Sie nennt das Beispiel einer Briefbombe. In solchen Fällen beschränken sich die Spuren in der Regel auf einen Umschlag mit Adresse und Trümmer. Die ganze Welt steht unter Verdacht. Für Henriette Haas lautet deshalb die Frage: Wie komme ich aus dem Zustand des Nichtwissens zum Beweis? Anders formuliert: Was gilt es alles zu beobachten und zu bedenken, um erste Hypothesen aufstellen zu können, die weitere Ermittlungen ermöglichen?

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    Sherlock-Holmes-Methode genügt nicht

    Um ein möglichst genaues Bild der Täterschaft zu erhalten, hat die am psychologischen Institut der Universität Zürich lehrende Privatdozentin die Methode «Systematisches Beobachten» entwickelt. Diese nutzt Erkenntnisse aus der Wissenschaftstheorie, Wahrnehmungspsychologie, Linguistik und Hermeneutik für eine streng strukturierte Vorgehensweise in fünf Schritten mit dem Ziel, die Mängel der spontanen Wahrnehmung auszugleichen, wie Haas sagt. Voraussetzung ist die klare Trennung der inhaltlichen und der formalen Aspekte der Indizien. Im Fall von Briefbomben oder Drohbriefen muss deshalb das Vorhandene zunächst auf alle formalen Eigenheiten hin überprüft werden. «Die Briefmarke, der Poststempel, die Art der Schrift, Rechtschreibefehler, Satzstrukturen, formallogische Widersprüche – alle Indizien müssen erfasst werden», so Haas. Sodann gilt es, Standards und Modelle beizuziehen, um in einem weiteren Schritt die inhaltliche Frage nach dem anvisierten Opfer zu stellen. Erst wenn die Struktur bekannt ist, kommt die klassische Regel von Sherlock Holmes zum Zug, nämlich Ungereimtheiten aufzudecken.

    In einem letzten Schritt geht es um die «negativen Indizien», das heisst, die Frage wird gestellt, was aufgrund der rekonstruierten Struktur da sein müsste, aber trotzdem fehlt. Die früher an der Universität Lausanne tätige Professorin für Kriminologie mit eigenem Beratungsbüro übt diese «Schulung in kriminalistischem und logischem Denken» nicht nur mit Studenten oder mit Berufsleuten aus den Bereichen Polizei und Justiz ein. Laufend überprüft sie, ob sich damit tatsächlich fundiertere Hypothesen aufstellen lassen. Kürzlich hat sie zusammen mit dem Linguisten und Islamwissenschafter Marc A. Renfer im Auftrag des eidgenössischen Dienstes für Analyse und Prävention Botschaften einer in der Schweiz verwalteten islamistischen Internetplattform analysiert. Die Droh- und Bekennerbotschaften stammten von mutmasslichen Geiselnehmern im Irak. Um herauszufinden, ob es sich dabei um authentische Nachrichten handelte, wurden sie – auch in ihrer arabischen Übersetzung – einer «Text-Mikroskopie» unterzogen. Analysiert wurden zudem verschiedene – politische, religiöse, individuelle wie soziale – Bezugssysteme. So ergaben sich begründete Zweifel an der Authentizität der angeblichen terroristischen Forderungen. Henriette Haas, die aus einer Zürcher Forscherfamilie stammt, hat zuerst einige Semester Mathematik und erst später Psychologie studiert. Praktische Erfahrungen in der Forensik sammelte sie zunächst in der Drogenberatung und im Strafvollzug. Ihre 2001 publizierte Habilitationsschrift über unentdeckte Gewalt- und Sexualstraftäter basiert auf einer Rekrutenbefragung von 1997.

    Das perfekte Verbrechen gibt es nicht

    Schon damals zogen sie die Ermittlungsbehörden immer wieder für Gutachten bei. Besonders bieten sich Fälle an, in denen jeglicher physische Hinweis wie Handschrift oder Fingerabdrücke fehlt. «Intuition ist dabei auch wichtig», hält Haas fest. Doch gelte es, den Gefühlen auf den Grund zu gehen. Ihre Studenten lässt sie jeweils das «perfekte Verbrechen» ausdenken. Dabei zeigt sich, dass dieses in der Realität kaum umsetzbar ist. Denn gemäss einem bekannten kriminalistischen Grundsatz gilt: Je mehr Aufwand betrieben wird, um ein Verbrechen zu vertuschen, umso zahlreicher sind die Spuren. Dieses Prinzip gilt laut Haas auch für das Hinterlassen von abstrakten Indizien in Texten und im Internet.

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