Donnerstag, 21. August 2008, 21:27:40 Uhr, NZZ Online
Sie sehen zwar harmlos aus – dennoch haben es die Alpen-Murmeltiere (Marmota marmota) faustdick hinter den Ohren. So terrorisieren die Anführer alle anderen Gruppenmitglieder so lange, bis diese unfruchtbar sind. Mit aggressivem Verhalten verstört das dominante Paar die jeweiligen Geschlechtsgenossen. So bleiben die Untergebenen steril, während sich das Anführerpaar fortpflanzt.
Aber auch das reicht der regierenden Nager-Königin offenbar nicht. Eigentlich leben Murmeltiere in einer monogamen Beziehung. Wie eine neue Studie vom Max-Planck-Institut für Verhaltensökologie im bayrischen Seewiesen zeigt, hält das Weibchen aber nicht viel von ehelicher Treue («Animal Behaviour», Bd. 76, S. 87). Wenn die Jungen in diesen Tagen das erste Mal aus ihrem Bau kriechen und auf den Bergwiesen zu sehen sind, zeigen sich darunter auch Kinder von fremden Vätern. Kopuliert das Weibchen mit zwei Männchen, so gelingt es beiderlei Sperma, Eizellen zu befruchten.
Aurélie Cohas und ihr Team haben über 16 Jahre Murmeltiere im Naturpark La Grande Sassière in den französischen Alpen beobachtet. Sie lockten die Nager mit Löwenzahn in eine Falle und entfernten bei jedem Exemplar ein winziges Stückchen Haut. «Wir haben aber darauf geachtet, dass die Tiere es nicht spürten», berichtet Cohas. So konnte sie Erbgut von 797 Tieren untersuchen und feststellen, dass in 20 von 103 Würfen Junge vorkamen, die von einem anderen Vater stammten.
Wie aber gelingt dem Weibchen dieser Treuebruch? «Wir wissen es nicht», sagt die Verhaltensforscherin. «Nie ist es uns gelungen, das Weibchen zu beobachten, wie es seinem Partner entwischt.» Die heimlichen Väter hingegen kennt sie. Es handelt sich um umherziehende Einzelgänger, die eine Gelegenheit, sich fortzupflanzen, nicht ungenutzt lassen. «Manchmal waren es auch zwei streunende Brüder.»
Der Sinn des Murmeltier-Ehebruchs offenbart sich den Wissenschaftern im Erbgut: Die Weibchen wählten sich dann einen Liebhaber, wenn dessen Gene sich von ihren eigenen mehr unterschieden als die ihres Partners. «Die Tiere vermeiden so Probleme durch Inzucht», erklärt Cohas. Sie suchen sich also nicht genetisch besonders wertvolle Männchen aus, sondern lediglich genetisch andere. «Tatsächlich waren die Nachkommen der fremden Männchen stärker und hatten bessere Überlebenschancen», so die Biologin.
Ein Risiko geht das Weibchen bei seinem Treuebruch nicht ein. «Für ein Männchen ist es schwierig, einmal in seinem Leben ein Revier zu erobern», sagt Cohas. Es sei daher unwahrscheinlich, dass es den Ort und die Familie aufgeben würde. Andrea Six
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