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  • 17. August 2008, NZZ am Sonntag

    Pferde dopen sich selbst

    Pferde dopen sich selbst

    Im Pferdesport sind die Dopingkontrollen sehr streng

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    Von Matthias Scholer

    Die scharfe Nadel durchdringt mühelos die daumendicke Halsvene. Das frische Blut strömt in den durchsichtigen Plastic-Container. Anstelle der Blutprobe hätte auch eine Urinprobe gereicht. Doch die Warmblutstute Princessa wollte keinen Harn lösen. Weder die beruhigenden Worte des Trainers noch das rhythmische Pfeifen des Dopingfunktionärs vermochten den Schliessmuskel der Blase zu entspannen. «Gibt ein Pferd nach rund dreissig Minuten keinen Harn ab, nehmen wir eine Blutprobe», erklärt Toni Fürst das Vorgehen. Er ist Präsident der Veterinärkommission des Schweizerischen Verbandes für Pferdesport und damit oberster Dopingfahnder der Schweiz.

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    Das abgezapfte Blut wird nun, sorgfältig beschriftet, in eine A- und eine B-Probe aufgeteilt und unter strenger Beobachtung des Reiters versiegelt. Danach gehen die Proben per Kurier nach Paris in eines der insgesamt vier Referenzlabors. Ein Prozedere, das sich an fast jedem Wochenende auf Pferdesportplätzen abspielt. «Wir testen unangemeldet und an sämtlichen Arten von Prüfungen», erklärt Toni Fürst. Die Massnahme dient in erster Linie dem Gesundheitsschutz der Tiere und soll nur sekundär eine illegale Leistungsbeeinflussung verhindern. «Der Mensch kann selber bestimmen, welche Substanzen er zu sich nimmt. Das Pferd ist jedoch seinem Trainer ausgeliefert», erklärt er.

    Es gilt die Nulltoleranz

    Doch die Dopingkontrollen beim Pferd unterscheiden sich von denen beim Menschen. Einerseits werden Pferde nur an Wettkämpfen getestet, während die Human-Athleten auch während des Trainings Kontrollen unterzogen werden. Andererseits müssen die Proben der Pferde nicht nur frei von leistungsfördernden Substanzen, sondern auch frei von Medikamenten sein. Damit soll verhindert werden, dass Pferde trotz bestehenden Gesundheitsproblemen an Wettkämpfen teilnehmen. «Bei Medikamenten herrscht für uns grundsätzlich eine Nulltoleranz. Nur bei ganz wenigen Produkten wie beispielsweise Antibiotika oder Wurm-Mitteln können Ausnahmen gemacht werden», hält Toni Fürst fest.

    Bei den Medikamentenkontrollen gilt das Hauptaugenmerk schmerzstillenden Substanzen. Doch auch Produkte zur Beruhigung werden scharf kontrolliert. «In gewissen Disziplinen wird versucht, mit einer leichten Beruhigung das Pferd auf die Prüfung zu fokussieren, um Flüchtigkeitsfehler zu vermeiden», erklärt der Tierarzt. Dies entspricht einer indirekten Leistungsförderung mit Hilfe von Psychopharmaka.

    Reine Leistungsförderer, wie man sie bei Menschen einsetzt, sind bei Pferden kaum sinnvoll. Das in den letzten Jahren im Radsport in Verruf geratene Epo kann bei Pferden tödliche Kreuzreaktionen auslösen. Zudem ist seine Wirkung fraglich, denn Pferde sind Fluchttiere und besitzen eine sogenannte Speichermilz. Diese kann innert weniger Sekunden die Anzahl roter Blutkörperchen aus körpereigenen Reserven um bis zu sechzig Prozent steigern. So kann das Blut unter Anstrengung markant mehr Sauerstoff transportieren. Was also Epo beim Menschen bewirkt, macht die Milz beim Pferd auf natürliche Weise. Parallel dazu können Pferde die Durchblutung der Muskulatur im Vergleich zu Menschen überproportional steigern. Aber auch Substanzen wie Anabolika werden kaum mehr eingesetzt.

    «Das bewusste Doping spielt im Schweizer Pferdesport eine immer kleinere Rolle», erklärt Toni Fürst und fügt an: «Im Schnitt sind vier Prozent der Dopingproben pro Jahr positiv. National und international war in den letzten Jahren eine Abnahme zu beobachten. Diese Tendenz hängt wohl mit der vermehrten Kontrolltätigkeit zusammen.» Die Mehrheit der positiven Befunde lasse sich auf eine unsachgemässe Medikamentengabe zurückführen. Beispielsweise können noch winzige Mengen einer entzündungshemmenden Salbe im Blut nachweisbar sein. Dies gilt wegen der Nulltoleranz schon als Doping.

    Profi-Pferde gut versorgt

    Kontrollen machen die Dopingfahnder auch im Breitensport. Denn dort stehen den Reitern selten Ersatzpferde zur Verfügung. Der Druck der Sponsoren und der eigene Ehrgeiz zwingen die Reiter regelmässig dazu, auch Pferde einzusetzen, welche nicht optimal vorbereitet sind oder bereits am Limit laufen. «Mit den Kontrollen schützen wir diese Pferde vor dem Übereifer ihrer Besitzer und dem finanziellen Druck der Sponsoren», fasst Toni Fürst die Ziele der Kontrollen zusammen.

    «Den Hochleistungspferden geht es oft besser als Sportpferden eines tieferen Niveaus», erzählt Christian Struchen, Tierarzt des Schweizer Leistungsteams Springen. Denn je höher das Niveau, desto professioneller die Versorgung. Zudem sind Hochleistungspferde äusserst wertvoll, und ein Gesundheitsschaden hat finanziell gravierende Folgen. «Die Pferde sind zu teuer, um sie kaputtzumachen», sagt er. Dazu kommt bei einem positiven Dopingtest der grosse Imageschaden für den Reiter und sein Team.

    Christian Struchen betreut die Schweizer Spitzenspringpferde seit Jahren, und für ihn steht fest: «Nur zufriedene Pferde können Höchstleistungen erbringen.» Und damit ein Pferd zufrieden ist, müssen äussere Faktoren wie Haltung, Fütterung und Pflege artgerecht sein. «Pferde müssen wie Top-Sportler optimal versorgt werden. Das beginnt bei der Auswahl des Hafers, geht über den richtigen Sattel bis hin zum Zahnarzt. Alles muss erstklassig sein», erklärt der Tierarzt. Dazu gehört es, den Pferden auch Ruhepausen zu gönnen. Nur so kann sich ihr Körper genügend erholen und allfällige Gesundheitsprobleme ausheilen.

    Dass gezielter und wohldosierter Einsatz die Pferde länger fit hält, zeigen verschiedene Beispiele von Spitzenreitern. Ihre Pferde sind im Vergleich zur Konkurrenz älter und belegen trotzdem regelmässig an internationalen Prüfungen Spitzenplätze. «Man darf nicht vergessen, dass sich die Pferde als Fluchttiere während über fünfzig Millionen Jahren zu Topathleten entwickelt haben. Diesen Fortschritt gilt es zu bewahren», meint Toni Fürst.


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