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  • 9. Juli 2008, 21:03, NZZ Online

    «Die Märkte erwarten Gewinneinbruch bei US-Firmen»

    «Die Märkte erwarten Gewinneinbruch bei US-Firmen»

    US-Finanzbranche verdüstert Gesamtbild

    Börsenhändler auf dem Handelsfloor der New York Stock Exchange. Börsenhändler auf dem Handelsfloor der New York Stock Exchange. (Bild: Reuters)
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    Am Dienstag hat in den USA die Berichtssaison zum zweiten Quartal begonnen. Die Märkte erwarten, dass die Gewinne der US-Firmen insgesamt um 12% zurückgehen. Abgesehen von der Finanzbranche zeigen sich die US-Unternehmen aber erstaunlich krisenresistent, wie sich im Gespräch mit Lars Kalbreier, Leiter globales Research Aktien und Alternative Anlagen bei der Credit Suisse, zeigt.

    Interview: Marco Metzler

    NZZ Online: Herr Kalbreier, seit Anfang Mai ist der Dow Jones Index um beinahe 2000 Punkte oder 14% auf fast 11'000 Punkte gefallen. Warum gab es diesen Einbruch? 
    Lars Kalbreier: Hauptsächlich aus zwei Gründen: Zum einen ist ganz klar die Schwäche des US-Konsums ausschlaggebend und die Ängste, dass diese Schwäche andauern wird. Zum zweiten wird die US-Zentralbank Fed ihre bisher verfolgte Zinssenkungspolitik nicht weiter fortführen. Die Zinsen sind in den USA bei 2% angelangt. In den letzten Monaten haben Fed-Mitglieder vermehrt von Inflations-Ängsten gesprochen. Deshalb rechnen die Anleger nicht mehr mit sinkenden Zinsen. Das hat die Unsicherheit insgesamt erhöht.
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    Spielt nicht auch die Kreditkrise weiterhin eine wichtige Rolle?

    Ja, doch hat diese bereits im letzten Jahr begonnen und kann deshalb nicht zur Erklärung der jüngsten Kursverluste herangezogen werden.

    Wenn man zurückblendet und die Entwicklung der amerikanischen und europäischen Börsen seit dem letztjährigen Höhepunkt betrachtet, fällt auf, dass die US-Börsen seit Ausbruch der Subprime-Krise lediglich 20%, die Börsen in Europa hingegen 30% eingebüsst haben. Dies obwohl die USA ja von der Subprime-Krise und den Konjunkturängsten viel stärker betroffen sind.
    Die deutliche, frühzeitig durchgeführte Zinssenkung der US-Notenbank Fed ist der Grund weshalb die US-Börsen weniger Boden verloren haben als die europäischen.
    Können Sie diesen Zusammenhang genauer beschreiben?

    Die Krise hat in Amerika angefangen und war dort auch am dominantesten. Die Subprime-Krise beeinträchtigte in einem ersten Schritt das Finanzsystem und wirkte sich in einem zweiten Schritt negativ auf die US-Konsumausgaben aus. Zum Jahresanfang kam dann, wegen den hohen Rohstoff- und Lebensmittelpreisen, noch die Inflationsängste hinzu.

    Lars Kalbreier, Leiter globales Research Aktien und Alternative Anlagen bei der Credit Suisse
      

    Die US-Zentralbank hatte aber sehr früh – bereits im dritten Quartal des vergangenen Jahres – reagiert und auf eine aggressive Zinssenkungspolitik eingeschwenkt, der die anderen weltweiten Notenbanken nicht gefolgt sind.

     

    Dadurch schwächte sich der Dollar weiter ab, wodurch wiederum die US-Exportunternehmen wesentlich wettbewerbsfähiger wurden. Innerhalb des S&P-500-Index, der die 500 wichtigsten US-Unternehmen umfasst, tragen die Exporte aus den USA in den Rest der Welt rund 35% zu den gesamten Unternehmensgewinnen bei. Der tiefe Dollar kurbelte die Exporte und die Unternehmensgewinne an. Wenn sie die Unternehmen, die am stärksten auf den Export orientiert sind, mit den Unternehmen vergleichen, die auf den US-Heimmarkt fokussiert sind, dann sehen sie, dass die Erträge letzterer seit Beginn der Subprime-Krise um 20% gesunken sind, während die Export-orientierten Firmen um 7% zulegen konnten.

    Mit dem Ergebnis des Aluminiumkonzerns Alcoa hat die Berichtssaison zum zweiten Quartal in den USA begonnen. Was sind die Markterwartungen bezüglich der Ergebnisse der US-Unternehmen?
    Im Vergleich zum Vorjahresquartal erwarten die Märkte, dass die Gewinne der US-Unternehmen insgesamt um 12% einbrechen werden.
    Welcher Sektor ist am stärksten betroffen?
    Der grösste Teil des Gewinneinbruchs ist auf den Finanzsektor zurückzuführen. Hier wird im Jahresvergleich ein Einbruch der Gewinne um insgesamt 65% antizipiert.
    Wie sieht es aus, wenn man den Finanzsektor ausklammert?
    Ohne den Finanzsektor erwarten wir für den Rest des Marktes ein Wachstum von 10%.
    Welche Branchen schneiden am besten ab?

    Der Energiesektor dürfte die Gewinne um 27% steigern. Bei den exportorientierten Technologieunternehmen wie IBM oder Intel rechnen wir mit einem Gewinnanstieg von 16%. Die Branche der Konsumgüter des täglichen Gebrauchs, die grosse Firmen wie Coca-Cola umfasst, dürfte fast 12% zulegen.

     

    Die US-Exportunternehmen profitieren davon, dass das globale Wachstum noch relativ stark ist. Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass wir feststellen, dass sich das US-Wirtschaftswachstum abschwächt, im Rest der Welt aber weiterhin stark bleibt.

    Sind diese Erwartungen noch zu optimistisch oder entsprechen sie der Realität?

    Zurzeit haben bereits 30 Unternehmen ein Pre-Reporting für das zweite Quartal publiziert. Ungefähr zwei Drittel haben besser berichtet, als erwartet. Ich glaube deshalb nicht, dass es für das zweite Quartal ein grosses Enttäuschungspotenzial geben dürfte.

     

    Wenn wir den Rest des Jahres sehen, dann könnte es sein, dass die Erwartungen noch zu optimistisch sind. Wir rechnen mit einem Gewinnwachstum von 6% bis 7% über das ganze Jahr gesehen.

    Heisst das, sie rechnen mit einer Verschlechterung im dritten und vierten Quartal?
    Ja, das könnte sein.
    Wieso?
    Die Gewinne hängen weiterhin sehr stark von der Ausgabefreudigkeit der US-Konsumenten ab. In der Zwischenzeit haben die Erdölpreise massiv zugenommen, was die von der Regierung gewährten Steuerrabatte teilweise neutralisiert wird. Der hohe Erdölpreis wird sich negativ auf die Konsumausgaben auswirken.
    Es gibt also bei US-Aktien noch Potenzial nach unten?
    Ja, besonders im dritten Quartal.
    Wird der Dow Jones Index bald an der 10'000-Punkte-Marke kratzen?
    Dies ist nicht auszuschliessen. In den Sommermonaten sind die Aktienmärkte meistens sehr volatil. Die Ungewissheit der Anleger könnte durchaus noch zwei drei Monate andauern und weiteren Druck auf die Aktienmärkte auslösen. Dass der Dow die 10’000-Punkte-Marke knacken wird, glaube ich persönlich aber nicht.
    Wo sehen sie den Dow zum Jahresende?
    Wir geben keine Preisziele ab. Jedoch denken wir, dass die derzeit spürbare Risikoaversion aufgrund der Inflationsängste den Markt zu einem Zeitpunkt belasten, an dem sehr wenig Liquidität vorhanden ist. Wir glauben deshalb, dass der Dow Jones und auch der S&P500 das Jahr auf einem höheren Niveau beenden werden.
    Was raten Sie den Anlegern? Sollen diese den US-Markt untergewichten oder die tieferen Niveaus für Zukäufe nutzen?
    Wir empfehlen ein «Untergewichten» was man den amerikanischen Gesamtmarkt betrifft. Das grosse Thema derzeit in den USA sind aber wie erwähnt die Export-orientierten Unternehmen im Vergleich zu den Binnenmarkt-orientierten. Die Export-orientierten Firmen haben durch den schwachen Dollar einen starken Wettbewerbsvorteil bekommen, was sich in den Gewinnen spiegelt. Dieser Trend ist noch nicht zu Ende. Solange die Schwellenländer weiterhin eine gute wirtschaftliche Entwicklung aufweisen, werden diese Unternehmen profitieren. In den Schwellenländern stellen wir momentan noch keine Abschwächung fest.
    Für Unternehmen, die Konsumgüter des nicht-täglichen Gebrauchs für den US-Binnenmarkt herstellen, wie beispielsweise Autos oder Luxusgüter, erwarten die Märkte im Jahresvergleich einen Rückgang der Gewinne um 19%. Produzenten von nicht-zyklischen Konsumgütern, die sich auf Basisgüter fokussieren, dürften hier widerstandsfähiger sein.
    Mit Wal-Mart hat im Dow Jones seit Anfang Jahr genau ein Unternehmen am besten abgeschnitten, das einen Grossteil des Umsatzes im US-Binnenmarkt erzielt. Ist das kein Widerspruch dazu, dass vor allem die Export-orientierten US-Firmen zu den Gewinnern gehören dürften?
    Es ist ein Zeichen dafür, dass sich die US-Konsumenten den Gürtel enger schnallen. Wal-Mart fährt eine Strategie des Preis-Wettbewerbs. Das Unternehmen nutzt grosse Volumeneffekte aus, um die Konkurrenz beim Preis zu unterbieten. Wal-Mart profitiert sozusagen paradoxerweise vom Rückgang der US-Konsumausgaben. 

    . Lesen Sie mehr zum Thema Alcoa: Positiver Auftakt zur US-Berichtssaison
    Link: http://www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/alcoa_mit_weniger_gewinn_im_zweiten_quartal_1.779817.html

    Lesen Sie mehr zum Thema NZZ Finance: Zu den Indizes
    Link: http://www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/indizes

    Lesen Sie mehr zum Thema Börsen: Warten auf die Kapitulation
    Link: http://www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/warten_auf_die_kapitulation_1.779421.html

    Lesen Sie mehr zum Thema Erdölpreis: Korrektur nach unten
    Link: http://www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/korrektur_des_erdoelpreises_1.779475.html

    Lesen Sie mehr zum Thema Fed: Verlängerte Hilfe für Wall Street-Banken
    Link: http://www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/fed_koennte_wall_street-banken_laenger_als_geplant_aushelfen__1.779032.html

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