Donnerstag, 08. Januar 2009, 09:09:35 Uhr, NZZ Online
Bankaktien weiter im steilen Sinkflug
Cls. New York, 21. November
Der dramatische Kurszerfall an den amerikanischen Aktienmärkten am Mittwoch und Donnerstag mit Indexverlusten von mehr als 10% (Dow Jones) bzw. 12% (S&P 500) ist am Freitag zunächst zum Stillstand gekommen. Die Börsen eröffneten gegenüber dem Vortag leicht im Plus und konnten sich weiter festigen, bevor erneut starke Volatilität einsetzte. Die führenden Indizes schwankten bei nervösem Handel hin und her, bevor sich in der letzten Stunde ein Rally durchsetzte, das von der Nachricht ausgelöst wurde, dass Timothy Geithner von der New Yorker Federal Reserve Bank von Barack Obama zum Finanzminister erkoren wurde. Der Dow Jones Industrial endete mit einem Tagesgewinn von 6,5%, während der breiter angelegte S&P-500-Index und der technologielastige Nasdaq Composite 6,3% bzw. 5,2% zulegten.
Rezessionsangst beherrscht die Szene. Dabei gehen die optimistischeren Szenarien davon aus, dass der Wirtschaftseinbruch Mitte nächsten Jahres überwunden sein könnte, während Pessimisten sich auf einen längeren Abschwung gefasst machen. Zu Letzteren gehört unter anderen James Dimon, der Chef der Grossbank JP Morgan Chase, der zugleich erklärte, für Banken wie sein eigenes Institut könne sich die Rezession noch als weit schmerzhafter herausstellen als die Hypothekenkrise. Auch der CEO der Bank of America, Kenneth Lewis, meinte, die Verluste im Konsum- und Kreditkartengeschäft könnten auf nie da gewesene Rekordhöhen steigen und die Bankbilanzen entsprechend belasten. JP Morgan, die bis jetzt noch keine Verluste ausweisen musste, will zusätzlich 3000 Positionen im Investment Banking abbauen. Personalreduktionen haben auch die Bank of America, Goldman Sachs, Morgan Stanley und weitere Institute angekündigt, notabene auch die Citigroup, bei der 52 000 Stellen zur Disposition stehen, zusätzlich zu den bereits angemeldeten 23 000 Positionen.
Die Citigroup ist einer tiefen Vertrauenskrise ausgesetzt. Am Freitag zirkulierten Gerüchte, dass die Grossbank eine Aufspaltung oder einen Verkauf des Gesamtkonzerns erwäge. Als mögliche Fusionspartner werden Morgan Stanley, Goldman Sachs und State Street genannt. Die Aktien der Citigroup wurden diese Woche um 60% heruntergehandelt; JP Morgan verlor 34% an Marktwert, Bank of America 31% und Wells Fargo (die Wachovia übernimmt) 24%.
Citigroup fühlt sich wie seinerzeit Lehman Brothers von Leerverkäufern und Gerüchtehändlern («rumour mongers») bedroht. Sie wirbt deshalb in Washington für eine Neuauflage des Leerverkauf-Verbotes für Finanzwerte, das die Börsenaufsicht SEC im Sommer vorübergehend, aber ohne Erfolg ausprobiert hatte. Der Branchenverband Financial Services Roundtable macht sich für eine Wiedereinführung der im letzten Jahr ausgesetzten «up-tick rule» stark, die Leerverkäufe nur erlaubte, wenn der Kurs einer Aktie zuvor gestiegen war. Kaum noch gute Nachrichten kommen aus dem Technologiesektor. Eine Ausnahme bildete diese Woche Hewlett-Packard, die die Gewinnerwartungen der Analytiker übertraf und beim Kurs zulegte. Der Rivale Dell bewegte sich in der andern Richtung. Der Kurs von Google fiel erstmals unter die Marke von 300 $; innert Jahresfrist hat der einstige Börsenliebling zwei Drittel an Wert verloren.
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