Donnerstag, 08. Januar 2009, 09:29:36 Uhr, NZZ Online
Von Ranjit Hoskote
Die Flammen, die um die Kuppel des prächtigen Hotels Taj Mahal loderten, sind gelöscht, und eine Heerschar von Reinigungskräften hat das Blut in der Eingangshalle des Victoria-Bahnhofs weggewaschen. Statt des Schnellfeuers der Kalaschnikows prasseln nun die Thesen der Strategieexperten auf die Bevölkerung nieder. Jedes verwischte Bild aus den Überwachungskameras, jeder Fetzen Papier, den man bei den Terroristen aufgefunden hat, wird millimeterweise nach möglichen Hinweisen auf die Täterschaft überprüft.
Was die Kommentatoren bisher zur Erklärung der Attacke vorgebracht haben, die meine Stadt vergangene Woche in den Kriegszustand stürzte, ist so platt und zweidimensional wie die Fernsehschirme, über welche derlei Stellungnahmen ausgestrahlt werden. Die Ereignisse jener drei Novembertage, in denen fast zweihundert Menschen niedergemetzelt und über vierhundert verletzt wurden, haben die zaghafte Annäherung, die in jüngster Zeit zwischen Indien und Pakistan stattfand, bereits zum Stocken gebracht. In Mumbai brütet eine informelle Allianz von Sicherheitsdiensten aus Indien, den USA, Grossbritannien und Israel über dem Beweismaterial, das auf die Täterschaft hochmotivierter Terrororganisationen in Pakistan hinzuweisen scheint.
Einige Kommentatoren haben die verstaubten Fotoalben der kolonialen Ethnografie aus dem Schrank geholt und den Anschlag als eine weitere Episode in jenem vielzitierten jahrhundertealten Ringen zwischen Hindus und Muslimen bezeichnet, das beide Seiten als unberechenbare, mordlustige, von historischen Clan-Konflikten regierte Akteure erscheinen lässt. Andere versuchten – etwas vernünftiger –, die Anschläge als Produkt des schwelenden Antagonismus zu interpretieren, der Indien und Pakistan seit nunmehr 61 Jahren trennt. Und wieder andere sahen darin lediglich die letzte scheussliche Manifestation des von radikalen Islamisten ausgerufenen globalen Jihad.
Tatsächlich aber müssen wir uns den Terroranschlag auf Mumbai als eine Art vierdimensionales Spiel vorstellen, das auf dem Schnittpunkt von vier unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen politischen Szenarien in Südasien stattfindet. Das erste und bekannteste dieser Szenarien ist der globale Jihad mit seinem Potenzial, die Wut und Frustration junger Muslime allenthalben in der Welt anzuzapfen und gegen einen als Quelle aller neokolonialen Unterdrückung wahrgenommenen Westen zu mobilisieren. Ein zweites, nicht minder bedeutendes Szenario ist aber der erschreckende Aufstieg des hinduistischen religiösen Extremismus, den Indien in den vergangenen zwei Dekaden erfahren hat: In dieser Zeitspanne haben hinduistische Gruppierungen mit deutlich faschistoider Tendenz dem Gesetz und der auf Toleranz bedachten, multireligiösen und multiethnischen Charta der indischen Republik den Kampf angesagt. Immer wieder haben sie Angehörige der muslimischen und christlichen Minderheiten wie auch liberale Hindus eingeschüchtert, attackiert, vertrieben, ermordet.
Ein drittes Szenario resultiert aus der tief verwurzelten Aversion, die islamistische Extremisten in Pakistan – genau wie ihr hinduistisch-nationalistischer Widerpart in Indien – gegen die ökumenische Grundhaltung der indischen Republik hegen. Das muntere Fortbestehen des multireligiösen Nachbarstaats Indien ist eine direkte Infragestellung von Pakistans Anspruch, die natürliche und einzige Heimat aller südasiatischen Muslime zu sein. Viertens schliesslich muss man sich die ganz besondere, tiefsitzende Wut vor Augen führen, welche die Vertreter solch rückständiger Ideologien – seien sie nun militant islamistisch oder hinduistisch-nationalistisch geprägt – gegenüber einer Stadt wie Mumbai empfinden müssen: einer Stadt mit kosmopolitischem Ethos, deren üppig hybride, empfängliche und erfinderische, schamlos transnationale Kultur sie in den letzten zwei Dekaden zum gleichsam natürlichen Ziel für engstirnige Fanatiker jeder Couleur werden liess.
Der jüngste Terroranschlag ist nun der achte, der Mumbai seit 1993 getroffen hat – und jedes Mal scheinen die Terroristen ein Stück mehr von dem Panorama ins Visier zu nehmen, das der Stadt ihre einmalige Identität gibt: ihr weitverzweigtes Eisenbahnsystem, das täglich mehrere Millionen Pendler befördert; ihre Hotelpaläste, von denen jeder einen architektonischen Dialog der Kulturen repräsentiert; die Banken und industriellen Zentren, die Mumbais umtriebigen Geist verkörpern – und nicht zuletzt der religiöse Freiraum, in dem chassidische Juden und Sufis, Jesuiten und Lamas, Brahmanen und Atheisten ihren Platz finden. So war denn auch das Morden im Chabad-Lubawitsch-Zentrum letzte Woche besonders abscheulich: Abgesehen von einem hässlichen Zwischenspiel im frühen 16. Jahrhundert, haben Indiens Juden seit 2500 Jahren als integraler Teil der Gesellschaft in Frieden gelebt.
Ich erinnere mich an Fahrten in praktisch leeren Zügen um die Jahreswende von 1992/93. Auf einer Seite leere Strassen und das stumme Meer, auf der anderen brennende Hütten und Lagerschuppen, die Muslimen gehörten. Hindu-Nationalisten hatten sie angegriffen und aus ihren Heimstätten vertrieben; die Gewalt dauerte über Wochen fort, ohne dass die Politiker einen Finger rührten. Zehn Jahre später geschah dasselbe in Gujarat – diesmal perfekt choreografiert und mit Unterstützung der nationalistischen Regierung des Gliedstaats. Muslime wurden ermordet, ihre Frauen und Töchter vergewaltigt, ihre Häuser und Gebetsstätten verwüstet, die letzten Spuren ihres Hierseins mit Asphalt zugepflastert.
Aus diesen Erfahrungen wurde eine neue und zornige Generation indischer Muslime geboren, die sich von ihrem Geburtsland verraten und in der von den Islamisten propagierten «globalen Umma» besser aufgehoben fühlten. Manche von ihnen sind den pakistanischen Extremisten direkt in die Arme gelaufen, die in dem Muslimstaat längst ihre eigenen parastaatlichen Strukturen gegründet haben, wo fanatische wahhabitische Prediger, paschtunische Stammesführer und auch Agenten des nationalen Geheimdienstes ISI das Zepter führen. Dort kultiviert man den Hass auf den Erzfeind Indien – diese Hochburg des Heidentums, die sich zudem mit den USA verbandelt hat – in den Trainingslagern der Nordwestprovinzen und im umstrittenen Kaschmir.
Diese Muslime sind aber nicht die weissgekleideten, bärtigen, Koran lesenden Madrasa-Studenten, die man üblicherweise als Träger des Jihad ansieht. Von der Art kenne ich einige, und sie haben in der Regel kein anderes Ziel, als gute Muslime und gute indische Bürger zu sein. Die Terroristen sind vielmehr häufig junge Männer mit einem Hochschulabschluss in Ingenieurwissenschaft oder Management, die perfekt Englisch sprechen und mit den globalen Entwicklungen vertraut sind. Denn der globale Jihad ist eine modernistische Interpretation des Islams, die viele traditionelle islamische Gelehrte als Irrglauben denunzieren.
Doch diese Lesart des Islams scheint einen einfachen, geraden Weg durch die Komplexitäten der Gegenwart zu weisen, erfüllt das Leben mit messianischem Sinn und der Hoffnung auf ein glorreiches Nachleben im Paradies. Darf man für ein so klar umrissenes Ziel nicht ruhigen Herzens die Diversität hingeben? Was soll's, wenn ein paar unschuldige Menschenleben auf dem Altar der apokalyptischen Notwendigkeit geopfert werden müssen? – Die Tragödie all dieser endzeitlichen Religionen besteht darin, dass sie einen Zyklus der Gewalt entfesseln, der nicht ins Paradies, sondern direkt zur Hölle führt.
Leser-Kommentare: 1 Beiträge