Donnerstag, 08. Januar 2009, 09:28:04 Uhr, NZZ Online
cei. Frankfurt, 21. November
Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler ist dafür bekannt, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. Seine Unabhängigkeit stellte er am Freitag in Frankfurt erneut unter Beweis, als der ehemalige Sparkassen-Präsident und Chef des Internationalen Währungsfonds (IMF) an einem Bankenkongress «seine» Branche in die Pflicht nahm. Er rief das Bankgewerbe dazu auf, wieder stärker zum Treuhänder derer zu werden, die ihm ihre Ersparnisse anvertraut hätten. Köhler beschwor die Tugenden des Bankiers alter Schule – in bewusster Abgrenzung zum angelsächsisch geprägten Banker. Die Branche habe sich in den vergangenen Jahren an hohen Renditen berauscht und sei darob blind für Risiken geworden, redete er der deutschen Banken-Prominenz ins Gewissen.
Köhler konzedierte, Anleger und Aktionäre – kleine wie grosse – hätten bei der Jagd nach Rendite mitgemacht. Statt vor Fehlentwicklungen zu warnen, hätten auch die Banken mitgespielt. Die Kette des Versagens schliesse neben privaten auch staatliche Akteure ein. Bei aller Schärfe des Wettbewerbs brauche es eine Kultur der Gemeinsamkeit und des Anstands. Wenig überraschend setzte sich der ehemalige Chef des IMF für eine Stärkung dieser Organisation bei der Überwachung der Finanzmärkte ein.
Die Bankiers räumten an der anschliessenden Podiumsdiskussion Versäumnisse ein. Besonders freimütig äusserte sich der frühere Finanzchef der niederländischen Grossbank ING, Cees Maas. So hätten Banken in vielen Fällen Finanzinvestoren Kredite («Leveraged Finance») eingeräumt, im Wissen darum, dass der Cashflow der damit erworbenen Firmen zu niedrig sei, um die Schuld abbezahlen zu können. Doch die Banken seien davon ausgegangen, die Kredite weiterverkaufen zu können. Fehlendes Risikomanagement ortete er ferner bei den ausserbilanziellen Zweckgesellschaften, die etwa den kleinen deutschen Banken IKB und Sachsen Landesbank zum Verhängnis geworden sind. Maas sagte, selbst viele Bankchefs hätten grosse Augen gemacht, als sie realisiert hätten, wie viele Geschäfte bei ihrer Bank ausserbilanziell abgewickelt würden. Dabei verlange ein solides Wirtschaften, dass eine Bank jederzeit stark genug sei, um ausserbilanzielle Engagements wieder auf die eigenen Bücher zu nehmen.
Immerhin machte Maas auch ermutigende Zeichen aus. So seien in Europa viele Banken – freilich oft mit staatlichen Geldern – rekapitalisiert worden. Dadurch komme der Interbankenmarkt, auf dem sich die Institute in normalen Zeiten Liquidität ausleihen, langsam wieder in Schwung. Allerdings verlange der konjunkturelle Abschwung nun, dass die Banken die Risikovorsorge für faule Kredite erhöhten, was zusätzlich am Eigenkapital zehre. Sowohl Maas als auch Köhler machten schliesslich auf widersprüchliche Forderungen aus der Öffentlichkeit aufmerksam. So werde einerseits verlangt, dass die Banken ihre Bilanz verkürzten und so ihre Verschuldung senkten. Anderseits verlange man, dass die Kreditvergabe nicht eingeschränkt werde. Man könne aber nicht beides gleichzeitig haben, betonte Maas. Köhler hatte in seiner Rede denn auch vor der panikartigen Verkürzung der Bankbilanzen gewarnt. Damit sei niemandem geholfen, das müssten auch die Aufsichtsbehörden beherzigen.
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