Dienstag, 02. Dezember 2008, 20:47:27 Uhr, NZZ Online
Clariden Leu rechnet mit weiterhin hohen Risiken an den Aktienmärkten
Z.B. Noch vor einem Jahr sprachen die Spezialisten der Bank Leu von einer Goldgräberstimmung an den Aktienmärkten, zwölf Monate später präsentieren sie ein vergleichsweise schwarzes Bild. Eine Kumulation von Faktoren – von der Finanzkrise, dem Einbruch der Aktienkurse und der Erhöhung der Risikoprämien gefolgt von Inflation und den steigenden Preisen für Energie und Nahrungsmittel – war «definitiv zu viel des Guten», sagte Chefstratege Rolf Kunz am Montag. Zusammen mit dem massiv hohen Erdölpreis sei die Weltwirtschaft heute schwer belastet.
Das werde noch eine Weile so bleiben, ist die Bank überzeugt. Sie geht davon aus, dass die Wirtschaftsaussichten für 2008 und auch für 2009 «stark eingetrübt» bleiben. Die USA würden den Boden im zweiten Halbjahr 2008 erreicht haben, Europa folge Anfang des nächsten Jahres, der Rest der Welt inklusive der Schwellenländer noch später.
In diesem Zusammenhang seien besonders die grossen Ungleichgewichte wichtig, so Kunz weiter. So sind die Beiträge der Schwellen- und Entwicklungsländer am globalen BIP-Wachstum im Vergleich zu den USA, Japan, der EU und den übrigen Industrieländern in den letzten Jahren stetig gewachsen. In der Folge sind die Währungsreserven auf Seiten der Schwellen- und Entwicklungsländer drastisch angestiegen. «Wir werden uns daran gewöhnen müssen», dass sich die aus diesen Ländern bildenden Staatsfonds vermehrt an renommierten Firmen aus der «alten Welt» beteiligen werden, sagte Kunz.
Clariden Leu geht zwar davon aus, dass es beim Ölpreis in den nächsten drei Monaten zu einer Konsolidierung kommen werde, die auch grösser ausfallen könne. Mittelfristig aber rechnet die Bank mit einem dreistelligen Preis. Unter 100 Dollar pro Barrel werde der Erdölpreis nicht mehr sinken, sagten Clariden-Leu-Banker zu NZZ Online.
Wenig erfreulich sind auch die Aussichten für den Dollar. Zwar sei klar, dass dieser heute zu tief bewertet sei. Auch habe er jetzt den Boden gefunden. Dennoch, im Vergleich zum Euro werde der Dollar noch eine Weile unterbewertet bleiben.
Eine Normalisierung habe demgegenüber seit März im Bereich der langfristigen Zinsen stattgefunden. Clariden Leu ist überzeugt, das sich in den kommenden Monaten steigende Inflationserwartungen und trübe Konjunkturaussichten die Waage halten werden.
Grundsätzlich sind die Banker überzeugt, dass die Aktienmärkte heute günstig bewertet sind – so liegen die geschätzten Kurs-/Gewinn-Verhältnisse für 2008 unter dem historischen Mittel. Zudem verfügten die meisten Unternehmen, die Banken ausgenommen, über solide Bilanzen und würden Gewinne erwirtschaften. Dennoch hat Clariden Leu angesichts der schwer angeschlagenen Weltwirtschaft und der heiklen Gratwanderung der Notenbanken zwischen globaler Wirtschaftsabschwächung und Inflationsbekämfung ihre Kursprognosen der führenden Aktienmarktindizes deutlich nach unten revidiert.
Bis Ende Jahr geht die Bank davon aus, dass der Swiss Market Index (SMI) auf 7500 Punkte zu stehen kommt – Anfang Jahr hatte Clariden Leu noch mit 9400 Punkten gerechnet. Drastisch herunterrevidiert wurden auch die Aussichten für den Euro Stoxx 50, von 4800 bis 3600, der FTSF 100, von 7000 auf 6000, der S&P 500 von 1600 auf 1400, der Topix von 1600 auf 1450 und der MSCI Emerging Markets von 1400 auf 1200.
Zwar sei das Potenzial deutlich grösser, doch werde es in diesem Jahr nicht mehr erreicht. Als Folge empfiehlt Clariden eine deutliche Unterbewertung von Aktien. In einem ausgeglichenen Portfolio sollten nur noch 36% in dieser Anlageklasse investiert sein. Dagegen werden Alternative Anlagen überbewertet – Fonds of Hedge Fonds, Private Equity und Rohstoffe. Mit gut 10 bis 12% rät Clariden Leu auch zu deutlich mehr Bargeld als sonst (5%). Wenn es noch einmal zu einer deutlichen Korrektur auf den Aktienmärkten kommen sollte, sei die Munition zum Einstieg da, so die Bank. Als wenig attraktiv werden weiterhin die Obligationen eingeschätzt,
Die Einschätzung über die Stellenwerte der einzelnen Anlageklassen in einem ausgeglichenen Portfolio sei zwar zuerst einmal abhängig von den Prognosen der Bankstrategen. Dennoch, dass die Bank die Aktienquote ausgerechnet in Zeiten sehr tiefer Aktienmärkten herunterfahre, das sei auch der explizite Wunsch der Kundschaft. «Viele Kunden verstehen überhaupt nicht, warum in ihrem Portfolio überhaupt noch Aktien sein müssen», so ein Banker. Derzeit heisse es primär, Verluste zu minimieren.
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