Donnerstag, 21. August 2008, 22:39:28 Uhr, NZZ Online
Keine weitere Straffung in der nächsten Zeit
Z.B. (sda/dpa) Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat den Leitzins für die Euro-Zone wie erwartet von 4,0 auf 4,25 Prozent erhöht. Das teilte die Notenbank am Donnerstag in Frankfurt nach einer Sitzung des Zentralbankrats mit, wie die Nachrichtenagentur «Reuters» meldete. Auch der Zinskorridor wurde heraufgesetzt und liegt nun zwischen 5,25 und 3,25 Prozent. Die Finanzmärkte haben wegen der zuletzt auf vier Prozent gekletterten Inflation im Euro-Raum mit diesem Beschluss gerechnet.
Die EZB nimmt damit ihren vor mehr als einem Jahr wegen der Finanzkrise unterbrochenen Kampf gegen die Inflation wieder auf. Vor Journalisten erklärte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, die Inflation dürfte länger als gedacht auf hohem Niveau verharren. Die EZB sei aber sehr entschlossen, die Inflationserwartungen zu verankern. Der Entscheid der Zinserhöhung «wurde getroffen, um Zweitrundeneffekte zu vermeiden und um mittelfristig Aufwärtsrisiken bei der Preisstabilität entgegenzuwirken.»
Dennoch sei eine weitere Straffung der geldpolitischen Zügel in nächster Zeit aber eher unwahrscheinlich.
Zu den Wachstumsrisiken führte Trichet aus, dass «wie wir zuvor betont haben, waren die Wachstumsraten auf Quartalsbasis in der ersten Jahreshälfte von starken temporären und kompensierenden Faktoren verzerrt, besonders vom Wetter bei der Bautätigkeit.» Deswegen müsse man, um die Dynamik der Wirtschaftsentwicklung in der Euro-Zone abzuschätzen und um von den stark schwankenden Raten nicht in die Irre geführt zu werden, die ersten beiden Quartale 2008 gemeinsam betrachten.
Zur Inflation erklärte Trichet, «wir machen derzeitig eine langwierige Periode mit hohen Jahresraten bei der Inflation durch, die wahrscheinlich länger anhalten dürfte als noch vor ein paar Monaten vorhergesagt.» Die Risiken für die Preisstablität würden deutlich nach oben weisen und hätten sich in den vergangenen Monaten weiter verschärft. Dazu gehöre besonders die Möglichkeit weiterer Preiserhöhungen bei Energie und Lebensmitteln. Zudem zeigte sich Trichet besorgt darüber, dass das Verhalten bei der Preis- und Lohnfestsetzung über breit angelegte Zweitrundeneffekte zum Inflationsdruck beitragen könnte.
Der EZB-Rat beobachte die Preisfindung und die Tarifverhandlungen in der Euro-Zone mit besonderer Aufmerksamkeit. Überdies gebe es mögliche Aufwärtsrisiken von unerwarteten Erhöhungen bei indirekten Steuern und regulierten Preisen.«
Zum Thema Zweitrundeneffekte erklärte Trichet, «es müssen breit angelegte Zweitrundeneffekte, die vom Einfluss der höheren Energie- und Lebensmittelpreise auf das Preis- und Lohnfindungsverhalten stammen, vermieden werden. Alle beteiligten Parteien, sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor, müssen hier Verantwortung übernehmen.» Der EZB-Rat sei beunruhigt darüber, dass Modelle existieren, bei denen die nominalen Löhne an den Anstieg der Verbraucherpreise gekoppelt sind.»
Vor der EZB-Sitzung hatten europäische Regierungschefs und Gewerkschafter vor einer Zinserhöhung gewarnt, weil die Konjunktur gedämpft werden könnte. Das Zinsniveau liegt so hoch wie seit knapp sieben Jahren nicht mehr. Trichet hatte bereits Anfang Juni mit ungewöhnlich deutlichen Worten eine Zinsanhebung signalisiert.
Im Juni erreichte die jährliche Teuerungsrate infolge hoher Öl- und Nahrungsmittelpreise mit 4,0 Prozent den höchsten Stand seit Einführung des Euro am 1. Januar 1999. Das ist doppelt so hoch wie das Ziel von 2,0 Prozent, bei dem die EZB Preisstabilität definiert. Höhere Zinsen helfen im Kampf gegen die Inflation, weil Kredite teurer werden. Kritiker warnen, steigende Zinsen könnten hunderttausende Arbeitsplätze gefährden.
An dem Finanzmärkten ist die Reaktion auf die Zinsentscheidung der EZB bisher verhalten ausgefallen. Der Dax, der vor der EZB-Entscheidung 0,6 Prozent im Minus gelegen hatte, fiel leicht zurück, am nachmittag drehte er dann ins Plus. Der Euro sank im Verlauf der EZB-Pressekonferenz deutlich, nachdem in den Aussagen von Trichet keine Hinweise auf weitere schnelle Zinserhöhungen zu finden waren, so Analysten.
Am Rentenmarkt verharrte der Bund-Future kaum verändert mit 110,14 Zählern, ein Plus von einem Tick. «Der eine oder andere hatte wohl doch auf eine Zinserhöhung um 50 Basispunkte gesetzt, das erklärt die Reaktion beim Euro,« sagte ein Helaba-Analytiker zu Reuters.
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