Dienstag, 02. Dezember 2008, 21:48:50 Uhr, NZZ Online
Ug. Paris, 1. Juli
Die Rekordpreise am Erdölmarkt bedrohen die globale Wirtschaft und die soziale Wohlfahrt von Millionen von Menschen, hat der Generalsekretär der Internationalen Energie-Agentur (IEA), Nobuo Tanaka, am World Petroleum Congress in Madrid erklärt. Es werde sogar vom dritten Erdölschock gesprochen, sagte er bei der Präsentation des Medium-Term Oil Market Report. Zwar haben in den Industrieländern die hohen Preise von Erdölprodukten dazu geführt, dass die Nachfrage stagniert oder sinkt. Doch ein fortgesetztes Nachfragewachstum in aufstrebenden Ländern wie China und Indien, neue Verzögerungen beim Ausbau der Förderkapazitäten und Flaschenhälse bei Raffinerien würden den Markt in den kommenden Jahren unter Druck halten. Die Förderung sei in den Opec-Ländern auf Rekordhöhe und ausserhalb der Opec auf dem Maximum. Die Lager seien nicht ungewöhnlich hoch. Folglich seien «Fundamentals» und nicht spekulative Kräfte für die Preise verantwortlich.
Die IEA hat ihre Prognosen deutlich revidiert. 2012 werde die globale Nachfrage nur 92,39 Mio. Fass Erdöl pro Tag betragen, 3,43 Mio. Fass weniger, als sie vor einem Jahr erwartet hatte. Die Revisionen für 2008 und 2009 lauten minus 1,40 Mio. und minus 2,29 Mio. Fass pro Tag. Vor allem in den Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ändern Konsumenten und Produzenten wegen der hohen Energiepreise und der schwächeren Konjunktur ihr Verhalten. 2013 wird die Nachfrage der OECD-Länder etwas niedriger als 2008 sein (vgl. Tab.). Dagegen bleibt das Wachstum in aufstrebenden Ländern in Asien, dem Nahen Osten und Südamerika weiterhin kräftig. 2013 wird ihre Nachfrage um 20% höher sein als 2008 und das Niveau der Industriestaaten erreichen.
Hauptverantwortlich für die Anspannung am internationalen Erdölmarkt sind Engpässe im Ausbau der Förderkapazitäten. Nach einer Analyse der bei wichtigen Förderprojekten eingetretenen Verzögerungen reduzierte die IEA die 2012 zu erwartenden Kapazitäten der Opec-Länder um 1,25 Mio. Fass pro Tag und ausserhalb der Opec um 1,42 Mio. Fass. Bis 2010 wird das globale Angebot jährlich um 1,5–2,5 Mio. Fass pro Tag zunehmen, anschliessend aber um weniger als 1 Mio. Fass wachsen. Die einsetzbare Reserve der Förderkapazität der Opec wird bis 2010 auf fast 5% der Nachfrage steigen, was den Markt etwas entspannen wird, aber anschliessend auf einen negierbar niedrigen Wert fallen. Die Zurückhaltung zu den Aussichten von Grossprojekten begründet die IEA mit Unsicherheiten über die Reserven, technischen Risiken und Zeitpläne der Projektrealisierung.
Ihre Ansicht modifiziert hat die IEA über den Einfluss von spekulativem Kapital. Hatte sie früher vermutet, der Kapitalzufluss trage zum Preisanstieg bei, konzentriert sie sich jetzt auf «Fundamentals»: gestiegene marginale Kosten in der Förderung, niedrige Reserven in der Förderkapazität, geopolitische Befürchtungen, unzureichende Investitionen und Rückwirkungen von Engpässen bei Raffinerien. Einen Einfluss habe auch der sinkende Wert des US-Dollars. Die Anlagen in Rohwarenmärkten sind zwar seit 2003 von 15 Mrd. $ auf 260 Mrd. $ gestiegen, doch das spekulative, d. h. nicht mit dem physischen Erdölmarkt verbundene Kapital habe den Markt nicht verzerrt, sondern durch höhere Liquidität funktionsfähiger gemacht. Die Betonung der Rolle von spekulativem Kapital lenke von der Notwendigkeit ab, die «Fundamentals» zu ändern.
Leser-Kommentare: 0 Beiträge