Dienstag, 02. Dezember 2008, 16:42:00 Uhr, NZZ Online
mbe. Der Telekomsektor ist in den vergangenen Wochen in Bewegung geraten. Nachdem 2007 die Konsolidierungswelle in der Branche etwas abgeflaut war, kam das Übernahmekarussell durch verschiedene Transaktionen, Akquisitionspläne und Gerüchte wieder gehörig in Fahrt. France Télécom äusserte Anfang Juni die Absicht, die schwedisch-finnische Telia Sonera für rund 48 Mrd. Fr. zu übernehmen, und auch die norwegische Telenor interessiert sich offenbar für ein Zusammengehen mit den nordischen Kollegen. Die Deutsche Telekom kaufte jüngst einen Kontrollanteil an der griechischen OTE und erwägt angeblich einen Einstieg bei Sprint-Nextel, der Nummer drei im amerikanischen Mobilfunkgeschäft. Dort ist durch die Akquisition von Alltel durch Verizon ein neuer Marktführer entstanden. Und in den Schwellenländern sondieren indische Mobilfunkfirmen gegenwärtig die Lage für einen Kauf der südafrikanischen MTN.
Die Übernahme- und Konsolidierungspläne besonders der europäischen Telekomkonzerne entspringen letztlich einem gemeinsamen Problem: In den gesättigten Heimmärkten lässt sich kaum noch Wachstum erzielen. Die Umsätze mit klassischen Festnetz-Telefon-Gesprächen brechen weg, da die Gebühren seit Jahren sinken und durch internetbasierte Sprachdienste (VoIP) weiter unter Druck kommen. Auch im noch relativ jungen Mobilfunksektor sind die Gesprächsgebühren rückläufig, einerseits wegen des Wettbewerbs, anderseits, weil niedrigere Terminierungs- und Roaming-Gebühren von den Regulatoren durchgesetzt werden. Viele Anbieter suchen deshalb nach Wegen, wie sie neue Märkte erschliessen oder mittels Fusionen Synergien erzielen können.
Die Telekomkonzerne streben danach, die sinkenden Gebühren auch durch mehr Kunden bzw. ein höheres Gesprächsvolumen pro Kunde auszugleichen. Dies gelingt ihnen aber nur teilweise. Laut einer Studie der Credit Suisse waren die Festnetz-Umsätze der europäischen Telekomkonzerne in den vergangenen Jahren stets rückläufig, und sie dürften es auch im laufenden und kommenden Jahr bleiben. Etwas besser sieht die Situation im Mobilfunk aus, wo die Umsätze in den vergangenen Jahren stiegen und auch 2008 und 2009 zwischen 3% und 4% zulegen dürften.
Angesichts dieser Zahlen dürfte bei Anlegern leicht der Eindruck entstehen, dass es für die Telekombranche längerfristig nur eine Richtung geben könne: abwärts. Eine solche Sicht greift indessen zu kurz. Die Telekomkonzerne sehen dem Wegbrechen ihres Kerngeschäfts nicht tatenlos zu, sondern versuchen aktiv, neue Geschäftsfelder aufzubauen. Im Festnetz heisst das Schlagwort «Triple Play»: Die klassische Telefonie wird durch zukunftsträchtige Breitband-Internet-Dienste und Unterhaltungsangebote (Fernsehen, Video on Demand) ergänzt. Die Telekomkonzerne mutieren dabei von reinen Netzbetreibern zu Anbietern von Dienstleistungen. Branchenexperten sehen darin einiges Potenzial, auch wenn vielen Telekomkonzernen der Übergang von der «Kabler-Mentalität» zum «kundenorientierten Dienstleister» erst noch gelingen muss.
Auch im Mobilfunk erhoffen sich viele Anbieter einen markanten Aufschwung. Diese Zuversicht verkörpert gegenwärtig vor allem das iPhone von Apple. Über das Mobilfunknetz sollen die Kunden in Zukunft nicht mehr nur telefonieren, sondern zunehmend auch im Internet surfen – mit allen damit verbundenen Diensten wie mobiles E-Mail, Herunterladen von Musik usw. Der mobile Datenverkehr ist bereits heute eines der grössten Wachstumsfelder der Mobilfunkanbieter. Laut den Analytikern der Credit Suisse ist auch für die kommenden Jahre mit Zuwachsraten bei den Umsätzen von rund 15% p. a. zu rechnen. Die Bankökonomen rechnen gar damit, dass mobile Breitbanddienste das festnetzbasierte Internet teilweise verdrängen werden.
Die Phantasien, die das iPhone weckt, sind vorerst allerdings Zukunftsmusik. Für Anleger dürfte ein Blick in die Vergangenheit interessant sein: Wie haben sich die Telekom-Aktien angesichts der branchenweiten Herausforderungen geschlagen? Das Fazit fällt gemischt aus. Die Performance der Telekom-Aktien war teilweise sehr verhalten; die Titel der Swisscom beispielsweise tendierten seit Ende 2000 mehrheitlich seitwärts und stehen gegenwärtig etwa auf dem Niveau der Erstnotierung im Jahr 1998. In schlechter Erinnerung ist auch der Einbruch vieler Telekom-Titel nach dem Platzen der Internet-Blase 2000/01. Der europaweite Branchenindex legte seit Ende 2002 immerhin um rund 30% zu. Etwas positiver wird das Gesamtbild, wenn die Dividendenrendite einbezogen wird. Der Telekomsektor mit seinen stabilen Cashflows gehört zu den Branchen mit den höchsten Ausschüttungen; 2007 lag die Dividendenrendite europaweit bei rund 5%.
Eine weitere attraktive Eigenschaft von Telekom-Aktien ist ihre geringe Konjunkturanfälligkeit. Dies macht die Titel im Umfeld einer wirtschaftlichen Abkühlung interessant. Allerdings sollten Anleger auch die Bewertung beachten. Während die europäischen Telekom-Aktien in den letzten Jahren eher mit einem niedrigeren Kurs-Gewinn-Verhältnis bewertet wurden als der Gesamtmarkt, hat sich die Bewertung jüngst angeglichen (vgl. Grafik). Insofern sind die Telekom-Titel nicht mehr besonders attraktiv.
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