Donnerstag, 08. Januar 2009, 09:02:02 Uhr, NZZ Online
Von Gerhard Schwarz
Die reguläre Medienkonferenz der Schweizerischen Nationalbank zum Jahresende war seit längerem für den 11. Dezember angekündigt. Angesichts der sich ständig verdüsternden Wirtschaftsaussichten hatte man auf diesen Termin hin weitherum mit einer weiteren Lockerung der schweizerischen Geldpolitik im Umfang der letzten Zinsreduktion vom 6. November gerechnet. Damals hatten die Währungshüter das Zielband für den Dreimonate-Libor um einen halben Prozentpunkt auf 1,5 bis 2,5% gesenkt. Mit ihrer Ankündigung vom Donnerstag, das Zielband um einen ganzen weiteren Prozentpunkt auf 0,5% bis 1,5% zu senken, ist dem Nationalbankdirektorium daher eine doppelte Überraschung gelungen – hinsichtlich des Zeitpunkts ebenso wie hinsichtlich des Ausmasses.
Beides hat mit der Einschätzung der Wirtschaftslage zu tun. Die Adjektive und Adverbien im ziemlich knappen Communiqué bringen dies zum Ausdruck. So heisst es, das Risiko eines «markanten» Rückgangs der wirtschaftlichen Entwicklung in der Schweiz habe sich erhöht, nicht zuletzt, weil sich die internationale Konjunkturlage «deutlich» verschlechtert habe. Die Nationalbank weiss zudem um das Tempo, in dem sich zurzeit die Auftragsbücher der Unternehmen entleeren und in dem selbst langfristige Verträge nicht einfach nicht mehr erneuert, sondern sogar unter Kostenfolgen storniert werden.
Für den frühen Zeitpunkt hat wohl auch ein «Window of Opportunity» gesprochen: Während die Notenbank mit ihrer Zinssenkungspolitik zwischendurch leer drehte und ihre Ankündigungen im Markt nicht durchsetzen konnte, ist es ihr in der letzten Zeit gelungen, den Libor wieder dorthin zu bringen, wo sie ihn haben wollte, weil die Risikoprämien begonnen haben, sich zurückzubilden. Das will das Institut offenbar nützen. Dazu kam, dass sich eine starke Entspannung an der Inflationsfront andeutet; in der Mitteilung heisst es, wahrscheinlich sinke die Inflationsrate noch vor Jahresende auf unter 2%.
Trotz der nachvollziehbaren Begründungen für die grösste Zinssenkung auf einen Schlag seit Bestehen des neuen geldpolitischen Konzepts (Ende 1999) ist der Paukenschlag nicht unproblematisch. Zum einen stellt sich die Frage, ob die Zinssenkung auch wirklich bei den Kreditnehmern ankommen und nicht in teilweise höheren Margen der Banken versanden wird. Hinter vorgehaltener Hand kann man allerdings hören, dass das vielleicht sogar eine gar nicht so unerwünschte Nebenwirkung der drastischen Zinssenkung wäre. Zum anderen kann der Coup vom Donnerstag insofern als Ausdruck besonders grosser konjunktureller Beunruhigung gelesen werden, als die Nationalbank meist eine Geldpolitik der ruhigen Hand verfolgt, ohne hektisches Auf und Ab und ohne übertrieben grosse Schritte. Wenn vor diesem Hintergrund die Zinssenkung die wirtschaftliche Stimmung verschlechterte, würde die Medizin die Krankheit nicht heilen, sondern verschärfen. Und dann wäre die Überraschung zwar gelungen, aber es wäre nicht unbedingt eine gelungene Überraschung.
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