[Alt + 1] zur Startseite [Alt + 2] zum Seitenanfang [Alt + 3] zur allgemeinen Navigation [Alt + 4] zur Hauptnavigation [Alt + 5] zum Inhalt [Alt + 6] zu Tipps, Hinweise und Kurzinfos [Alt + 7] zur Suche [Alt + 8] zum Login von MyNZZ [Alt + 9] zur Fusszeile
.
  • 8. August 2008, Neue Zürcher Zeitung
    China jenseits von Olympia (Schluss)

    Im Reich der Mitte sind viele etwas gleicher

    Im Reich der Mitte sind viele etwas gleicher

    Registrierungssystem diskriminiert Millionen von Wanderarbeitern

    Die einfachen Unterkünfte auf dem Bau stehen leer. (Bild: Peter A. Fischer)
    Toolbox
    Druckansicht
    Über 160 Millionen Wanderarbeiter helfen, den chinesischen Wirtschaftsmotor am Laufen zu halten. Ein überkommenes Registrierungssystem macht sie im eigenen Land zu Gastarbeitern.

    Wenn heute die Olympischen Sommerspiele feierlich eröffnet werden, so geschieht dies in Anlagen, welche von schätzungsweise 300'000 chinesischen Wanderarbeitern bisweilen «von Hand» erbaut worden sind. In Chinas grossen Städten hämmern, schleppen, malen, kochen und putzen Millionen von Arbeiterinnen und Arbeitern, die aus anderen Gegenden zugezogen sind. Die meisten sehen dies als Chance, weil sie so wesentlich mehr verdienen können. Doch der nicht vorhandene «Hukou», die fehlende permanente Niederlassungsbewilligung, macht sie zu Bürgern zweiter Klasse.

    .
    . Bilderstrecke: Wanderarbeiter in Peking
    Die Bautruppe des 26-jährigen Jun (ganz links) renoviert in Peking Häuser. Pekings Neubauten wurden beinahe «von Hand» von einem Wanderarbeiterheer erstellt. Doch während den Spielen stehen alle Baukranen still. Aus Umwelt- und Sicherheitsgründen ... ... wurden die Arbeiter mitsamt ihrer Habe nach Hause geschickt.
    .

    Doppelter Lohn und grosse Träume

    Einer von ihnen ist Jiyan. Der 21-Jährige ist vor einigen Monaten aus der im Westen von Peking gelegenen Hebei-Provinz in die Hauptstadt gefahren und hat Arbeit als Türsteher gefunden. Mit 1600 Yuan (245 Fr.) pro Monat verdient er nun bloss gut einen Drittel des Pekinger Durchschnittslohns, aber nach eigenen Aussagen mehr als doppelt so viel wie in seiner Provinz. Der freundliche Jiyan ist zurzeit zusammen mit 28 weiteren Kollegen in einem grossen, im vierten Untergeschoss der Tiefgarage gelegenen Raum untergebracht. Der Arbeitgeber stellt die wenig gemütliche Unterkunft und eine Verpflegung, die Jiyan als sehr eintönig bezeichnet. In seiner knapp bemessenen Freizeit sucht er nach Statistenrollen, denn Jiyan träumt davon, Schauspieler zu werden.

    Der 26-jährige Jun gehört zu einem Bautrupp, der in Pekings Innenstadt von einem zu renovierenden Haus zum nächsten zieht. Jun hat vor fünf Jahren als einfacher Handlanger angeheuert. Seine Frau schaut zu Hause zum Sohn, zu den Eltern und zum kleinen Bauernhof, welcher der Familie weder genügend Arbeit gibt noch ausreichend Einkommen verschafft. Etwa alle zwei Monate fährt Jun zu seiner Familie. In Peking verdient er zurzeit 1400 Yuan (215 Fr.) pro Monat, zu Hause wären es laut Jun nur 600 Yuan. Er lebt mit den anderen Arbeitern zusammen in einem heruntergekommenen Hinterhof und hofft, bis in einem Jahr so viel Geld gespart zu haben, dass er daheim einen kleinen Laden eröffnen kann.

    Wertvolles Bürgerrecht

    Die 1958 eingeführte Niederlassungsbewilligung – der Hukou – ist ein Dokument, welches China teilt. In dem kommunistischen Land sind theoretisch zwar alle gleich, doch ihr Bürgerrecht bindet die Chinesen an einen Ort. Ursprünglich war mit dem Hukou das Recht auf Essen und Wohnen verbunden. Die Registrierung erlaubte es Bauern nicht, vom Land in die Stadt zu ziehen. Seit 1984 wurden die Vorschriften schrittweise gelockert und vieles dem Markt überlassen. Städte, die viele auswärtige Arbeiter brauchen, haben temporäre Aufenthaltsbewilligungen eingeführt. Doch der Zugang zu guten öffentlichen Schulen, günstiger medizinischer Versorgung und sozialer Sicherheit ist in vielem immer noch an die permanente Niederlassungsbewilligung gebunden. Diese ist umso komplizierter und teurer zu erwerben, je attraktiver der Ort ist, der sie vergibt. Den begehrten Pekinger Hukou können fast nur hochqualifizierte Arbeitskräfte, Angestellte in der Verwaltung oder in halbstaatlichen Betrieben relativ günstig erhalten.

    Anzeige
    .
    .

    Die Zahl der Wanderarbeiter in China wird vom Staat auf gut 160 Mio. oder über 12% der Bevölkerung geschätzt (vgl. Grafik). Für Professor Duan Chengrong von der Pekinger Renmin-Universität ist eine Registrierung der internen Wanderungen zwar sinnvoll. Doch eine landesweite Reform des Registrierungssystems, welche dessen diskriminierende Wirkungen beseitigt, den Erhalt einer Niederlassungsbewilligung vereinfacht und damit die Zahl der Wanderarbeiter senkt, hält er für überfällig. Vorläufig trägt das Hukou-System dazu bei, dass in China viele etwas gleicher sind als andere. Geografische Herkunft und familiärer Hintergrund bestimmen die Möglichkeiten in einer immer noch stark stratifizierten Gesellschaft.

    Ende der Serie – Anfang der Spiele

    Ende der Serie – Anfang der Spiele

    zz. Der Beitrag über Chinas Wanderarbeiter und das restriktive System der Niederlassungsbewilligungen ist der letzte in der Serie «China jenseits von Olympia». Darin hat unser Korrespondent Peter A. Fischer über Grundsätzliches und Hintergründiges berichtet, welches das Reich der Mitte abseits vom Glanz der Spiele charakterisiert. Die bereits veröffentlichten Artikel sind illustriert im Dossier «Peking 2008» auf www.nzz.ch zu finden. Ab heute berichtet pfi. zusammen mit einem siebenköpfigen NZZ-Olympia-Team vom Geschehen an den und um die Olympischen Sommerspiele.


    . Lesen Sie mehr zum Thema NZZ Online: Peking 2008
    Link: http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/nzz_online_peking_2008_1.801767.html

    .
    Leserkommentare ein- und ausblenden Leser-Kommentare: 2 Beiträge
    .
    Um selbst einen Leser-Kommentar abgeben zu können, müssen Sie sich hier anmelden. Bitte beachten Sie die für Leser-Kommentare geltenden Richtlinien und Copyright-Bestimmungen.