Donnerstag, 08. Januar 2009, 08:30:05 Uhr, NZZ Online
Delta und Northwest geben ein Signal
Von Beat Bumbacher
Mit Fliegen hat sich in den letzten Jahren wieder Geld verdienen lassen. Nicht zuletzt die Lufthansa-Tochter Swiss hat dies erfolgreich demonstriert. Allerdings stand immer auch die Frage im Raum, was geschehen wird, wenn der Konjunkturmotor zu stottern beginnt und die Erträge wieder zusammenschmelzen. Hier lauteten die Prognosen meist unisono: Eine neue Runde der Strukturbereinigung in der Airline-Branche dürfte unvermeidlich sein.
Die Ankündigung einer Fusion der beiden amerikanischen Fluggesellschaften Delta und Northwest zur grössten Airline der Welt überhaupt, könnte in dieser Beziehung nun ein Signal setzten, das sich nicht überhören lässt. Zur Konsolidierung gedrängt wurden die beiden Unternehmen durch die steigenden Treibstoffkosten und die bestehenden Überkapazitäten. Vom Zusammenschluss erhoffen sich die beiden Airlines neben Synergien nicht zuletzt auch eine grössere Fähigkeit zur Festsetzung von kostendeckenden Ticketpreisen im Markt.
Dabei hat sich die möglicherweise anbahnende Rezession in der Wirtschaft der USA bisher noch nicht negativ auf die Nachfrage nach Flugreisen ausgewirkt. Damit unterscheidet sich jetzige Lage auffallenderweise von früheren Konjunktureinbrüchen, bei denen der Airline-Markt eher eine Art Vorlauf-Indikator war. Hingegen schwebt der steigende Ölpreis wie ein Damoklesschwert über der ganzen Branche.
Experten haben deshalb schon länger mit Nachdruck zu Flexibilität, Kapazitätsabbau - und eben zu Fusionen geraten. Wenn nun Delta und Northwest den entscheidenden Schritt tun, könnte dies einen Dominoeffekt auslösen. Die übrigen «Grossen» United und Continental erhalten ein mächtiges Motiv zum Zusammengehen und US Airways könnte mit American Airlines fusionieren.
Welche Auswirkungen aber hat dies auf den Rest der Airline-Welt? Zunächst sind sowohl Delta wie auch Northwest über ihre globalen Allianzen bereits mit Air France-KLM verbunden. Dieser Verbund wird über den Atlantik hinweg weiter gestärkt. In Europa selber war in den letzten Jahren eine in Schüben erfolgende Konsolidierung zu beobachten. Eine solche Welle könnte nun erneut auf die Branche zukommen.
Zunächst lassen sich Anachronismen wie eine weitere Subventionierung von flügellahmen ehemaligen «flag carriers» wie Alitalia definitiv nicht länger aufrechterhalten. Sodann richtet sich der Blick auf Flugesellschaften wie Austrian Airlines, die skandinavische Airline SAS, die spanische Iberia und ferner viele osteuropäische Fluggesellschaften. Sie alle müssen sich verstärkt Fragen zu Tauglichkeit und Stabilität ihres Geschäftsmodells stellen. Die «nationale Fluggesellschaft», die aus einem geschützten Heimmarkt heraus operiert, ist ein Auslaufmodell. Ohne einen sicheren Hort im Schutz einer der grossen globalen Allianzen mit ihren Netzwerk-Effekten fliegt es sich einsam und ökonomisch unsicher.
Aber auch darüber hinaus ist Europas Luftverkehr noch immer stark zersplittert. Die grössten fünf Airlines haben hier zusammen einen Marktanteil von einem Drittel. In den USA ist der entsprechende Prozentsatz dagegen doppelt so hoch. Die bisherigen Fusionen in Europa haben deutlich genug gezeigt, dass hohe Effizienzgewinne möglich sind. Die drei europäischen Platzhirsche Lufthansa/Swiss, Air France-KLM und British Airways ihrerseits müssen aber damit rechnen, dass ihnen neue aussereuropäische Konkurrenten zunehmend ins Gehege kommen. In der Golfregion entsteht rund um Airlines wie Emirates, Etihad und Qatar Airways ein enormes Potenzial im Langstreckengeschäft.
Die Konsolidierung wird vor allem dadurch angetrieben, dass die «kritische Marktgrösse» für Airlines mit interkontinentalem Netz wegen des technischen Fortschritts fortlaufend wächst. Die neuen Grossraumflugzeuge A380 und Boeing 787 werden es ermöglichen, die Kosten und CO2-Emissionen je beförderten Passagier weiter zu drücken. Wer mithalten will, muss diese Investitionen tätigen können.
Auch vom Westen her werden die potenten Konkurrenten aus Amerika auf dem alten Kontinent aktiver werden. Der grosse Wurf eines «Open Sky» zwischen den zwei grössten Wirtschaftsräumen der Welt ist zwar nicht gelungen, doch können amerikanische Airlines ab Frühling 2008 ihre europäischen Ziele freier wählen.
Nicht von Übersee, sondern sozusagen aus dem eigenen Hinterhof drücken zudem die Billigflieger auf die traditionellen Märkte im Kurz- und Mittelstreckenbereich. Das Fluggeschäft bleibt also weiterhin keine Branche für wenig stressresistente Manager und man wird sich wohl weiter an das Verschwinden traditioneller Marken und an das Auftauchen von ungewohnten Fusionsprodukten in den Flugplänen der nahen Zukunft gewöhnen müssen.
Fusion:
Grösste Fluggesellschaft der Welt
Europa:
Luftfahrt vor turbulenten Zeiten
Ölpreis:
Belastung für amerikanischen Luftverkehr
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