Dienstag, 02. Dezember 2008, 21:39:27 Uhr, NZZ Online
Hoher Ölpreis und konjunkturelle Abkühlung als Herausforderung
bbu. Der scheinbar unaufhaltsame Anstieg der Treibstoffpreise kommt für die Fluggesellschaften zu einem besonders ungünstigen Moment. Nach Jahren des Booms sehen sie sich vor grosse Herausforderungen gestellt, die nicht alle werden überstehen können.
Schon Anfang Jahr - als der Ölpreis gerade erst die 100-Dollar-Marke überstiegen hatte - meinte Swiss-CEO Christoph Franz in einem Interview: «Wir hatten in den letzten Jahren die ungewöhnliche Situation, dass praktisch in allen Weltregionen die Nachfrage anzog. Das hat zu einer Bestell-Euphorie für Flugzeuge geführt, und die werden in den nächsten Jahren ausgeliefert. Just in einem Zeitraum, in dem die zyklische Nachfrage absehbar nachlassen könnte.»
In der Zwischenzeit hat sich die Lage noch viel mehr zugespitzt. Während die Konjunktur nachlässt, erklimmt der Ölpreis beinahe täglich neue Rekordhöhen. Experten raten zu Flexibilität, Kapazitätsabbau und allenfalls zu (weiteren) Fusionen. Konkrete Schritte lassen nicht auf sich warten: American Airlines kündigte am Mittwoch einen Kapazitätsabbau von 12 Prozent im amerikanischen Inlandverkehr an. Ausserdem ist in den USA ein Fusionskarussell in Gang gekommen: Delta will mit Northwest zusammenspannen, United und USAir verhandeln, während sich Continental bisher vergeblich um Anschluss bemüht.
In Europa musste der Billigflieger Easyjet vor einer Woche trotz gestiegener Passagierzahlen einen Halbjahresverlust von umgerechnet rund 100 Millionen Franken bekanntgeben. Falls die Ölpreise weiter steigen, sei auch ein Gewinn im Gesamtjahr fraglich, warnte Easyjet. Konzernchef Andy Harrison sagte voraus, dass viele andere Fluggesellschaften die hohen Ölpreise dauerhaft gar nicht überleben könnten. Falls es soweit komme, dürfte sie aber nicht auf eine Rettung durch Easyjet setzen: «Warum sollten wir schwache Airlines mit alten Flugzeugen kaufen? - Wir winken dann lieber zum Abschied.»
Mit einer regelrechten Pleitewelle in der Branche rechnet auch der Chef des grössten europäischen Billigfliegers Ryanair, Michael O'Leary, der vor allem den Konkurrenten Air Berlin in grosser Not sieht: «Air Berlin ist verloren. Das ist eine Airline mit hohen Kosten, die Geld verliert», sagte O'Leary. In fünf Jahren werde der deutsche Markt so aussehen: Lufthansa und Ryanair.
Innerhalb eines Jahres haben sich die Preise für Flugbenzin glatt verdoppelt. Anbieter wie die Lufthansa haben erst jüngst angekündigt, die Treibstoffzuschläge für Flugreisen weiter zu erhöhen. Die Finanzmärkte zeigen sich darüber nicht erfreut: Am Donnerstag gehörten die Aktien der Lufthansa zu den grössten Verlierern an der deutschen Börse und büssten fast vier Prozent in den ersten Handelsminuten ein.
Bei der Swiss, die in jüngster Zeit noch Gewinn- und Passagierrekorde vermelden konnte, sieht man sich aber verhältnismässig gut gerüstet: Laut Pressesprecher Jean-Claude Donzel hat die Swiss im Konzernverbund mit der Lufthansa bis März dieses Jahres bereits 84 Prozent des erwarteten Treibstoffverbrauches durch Hedging-Geschäfte abgesichert und deshalb die Entwicklung besser im Griff als andere Airlines. Die publizierten Ticketpreise auch für Günstig-Angebote enthalten wie seit einiger Zeit üblich auch alle Gebühren und Treibstoffzuschläge. Mit Wirkung am 27. Mai tritt ausserdem eine allgemeine Preiserhöhung von 2,5% in Kraft.
Mit Absicherungsgeschäften hatten sich die Airlines zuvor bis zu einem gewissen Grad gegen einen weiteren Anstieg der Treibstoffpreise schützen können. Zum Problem könnte nun werden, dass Hedging bei den gegenwärtig luftigen Höhen des Ölpreises tendenziell immer weniger Sinn ergibt, weil ein möglicher Rückgang der Treibstoffpreise umgekehrt zu Verlusten führen würde.
Am Horizont zeichnen sich damit die Umrisse eines «perfekten Sturms» für die Fluggesellschaften ab: Eine typische konjunkturelle Abschwungphase, immer höhere Ölpreise, sinkender Konsum und ein schwacher Dollar. Während Unternehmen wie Lufthansa, Swiss oder British Airways in diesem Ausscheidungswettbewerb noch verhältnismässig gute Karten haben dürften, könnte es vor allem für Fluggesellschaften mit alten Flugzeugen bitter werden; es rächt sich jetzt, wenn zu viel Treibstoff verbrauchende Maschinen nicht frühzeitig aus dem Verkehr gezogen wurden. Klar ist, dass Alitalia ohne Staatshilfe vor dem Aus steht. Doch auch SAS, Austrian Airlines oder Air Berlin müssen sich warm anziehen. Der Kampf ums Überleben könnte für sie bevorstehen.
Swiss-CEO Franz:
«Die Luft wird dünner»
Fusionen:
Möglicher Domino-Effekt
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