Freitag, 21. November 2008, 17:52:13 Uhr, NZZ Online
slg. «Everywhere you go you always take the weather with you» – der klassische Song der Finn Brothers mag für Landgänger ein probates Mittel sein, dem Wetter zu trotzen. Für Segler jedoch kann eine solche Haltung verhängnisvoll sein. Denn ohne Wetterprognosen gehen Rennen verloren und werden Ferientörns zu Horror-Erlebnissen. Kein Thema beherrscht den Bordalltag der Segler so sehr wie das Wetter.
Das ist in diesen Tagen besonders in Qingdao der Fall. Der chinesische Austragungsort der olympischen Segelwettbewerbe gilt im Sommer punkto Windverhältnisse als äusserst schwieriges Regatta-Revier. Die Langzeitprognosen lassen Schwachwinde erwarten, was die Angst vor irregulären Verhältnissen schürt. Um im Wind-Poker gut gerüstet zu sein, haben diverse Segelteams Meteorologen beigezogen. Den wohl bekanntesten Windexperten haben die deutschen Segler an Bord geholt: Meeno Schrader. Der Kieler Diplom-Meteorologe gilt weltweit als einer der besten Wetterberater.
Schrader, der früher auch als Medien-Meteorologe bei Jörg Kachelmann in der Schweiz gearbeitet hat, machte sich vor knapp zehn Jahren in der Offshore-Regatta-Szene als Wetter-Router einen Namen, indem er die britische Top-Seglerin Ellen MacArthur in diversen Rennen und Rekordfahrten über den Atlantik und rund um die Welt erfolgreich durch die Wettersysteme ans Ziel führte. Seine Dienste hatte er auch dem deutschen America's-Cup-Team in Valencia zur Verfügung gestellt (NZZ 28. 6. 06). In Qingdao berät er neben den deutschen Seglern auch die Teams von Israel, Polen und Singapur. Auch Teile des US-Teams greifen auf die Wetterprognosen von Meeno Schrader zurück. Dies betrachtet der leidenschaftliche Segler als ganz besondere Auszeichnung für die Qualität seiner Arbeit, da dieses Team sonst stets von eigenen Meteorologen unterstützt wird. Doch nicht nur Spitzensegler profitieren vom Fachwissen des diplomierten Meteorologen. Vor knapp zehn Jahren gründete der passionierte Regatta-Segler die Firma WetterWelt, ein inzwischen prosperierendes Unternehmen, das Wetterdaten an die Berufs- und Sportschifffahrt verkauft. Rund zwanzig Personen, die meisten diplomierte Meteorologen, arbeiten im Kieler Büro. Die Wetterprognosen für den kommerziellen Einsatz und für den Freizeitbereich werden auch von der Agrar- und Bauwirtschaft abgerufen und sind im Leistungssport und von Organisatoren von Grossveranstaltungen gefragt.
Nach Angaben von Andreas Zech, Marketing und Vertrieb WetterWelt, haben die Wetterberatungen mit Hilfe der automatisierten Dienste wie SMS oder durch das Verschicken von GRIB-Daten in den letzten Jahren stark zugenommen. GRIB-Daten (GRIdded Binary) sind ein spezielles, weltweit genormtes Datenformat, das meteorologische Informationen möglichst klein verpackt enthält. Die Wetterinformationen (alle 60 Seemeilen) für den Nordatlantik haben z. B. im GRIB-Format eine Grösse von 280 KByte, was sich bei den Kosten des Datenversandes per Satellit deutlich bemerkbar macht. «5500 Wassersportler nutzen jährlich diese Dienste», sagte Zech gegenüber der NZZ. Bei diesen Daten handelt es sich um lokale, hochaufgelöste Angaben, die der Fahrtensegler dank der kleinräumigen Aufteilung der Seegebiete optimal für seine Törnplanung nutzen kann. So ist beispielsweise die Adria in sieben Seegebiete unterteilt. Per SMS erhält eine Crew zweimal täglich eine aktualisierte 36-Stunden-Prognose, die ausser Windrichtung und Windstärke auch das Böen-Potenzial, die Wellenhöhe sowie Angaben bezüglich Nebel und Schauer enthält. Die routenbegleitenden Wettervorhersagen werden auch in der Berufsschifffahrt immer wichtiger. Wegen des steigenden Dieselpreises wird auch die Planung einer «optimalen Route» vor dem Törnanfang unabdingbar. Die Ausrichtung der Route unter Berücksichtigung der Wind- und Wellenverhältnisse kann für die Reederei ein grosses Einsparungspotenzial bedeuten. Das trifft insbesondere für den neusten Trend zu, Frachtschiffe mit grossen Zugdrachen auszustatten (NZZ 10. 2. 08). Eines Tages, so vermuten Experten, werden Hunderte von Frachtern mit Hilfe von Drachensegeln unterwegs sein. In diesem Bereich sieht Meeno Schrader die Zukunft: Die beiden Frachter, die von der Hamburger Firma SkySails mit Zugdrachen unterwegs sind, werden in ihrer Probephase von WetterWelt täglich mit Wetterdaten versorgt.
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