Freitag, 21. November 2008, 20:45:23 Uhr, NZZ Online
Peter Pfrunder, Direktor der Fotostiftung Schweiz
Um 1933 beschliesst er, die Fotografie zu seinem Beruf zu machen: Theo Frey, am 14. Februar 1908 im luzernischen Hochdorf geboren, ausgebildeter Maschineningenieur, unterwegs als Radiotechniker und -händler, packt im aufblühenden Fotojournalismus der dreissiger Jahre seine Chance. Schon bald gelingt es ihm, mit Bildberichten für kleine und grosse Publikationen – darunter die «Zürcher Illustrierte», das Magazin «Föhn» oder die «Neue Zürcher Zeitung» – seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
Doch tauchen auch Zweifel am Beruf des Reporters auf: «Zeit meines Lebens hatte ich die grösste Mühe, meine Eindrücke rasch zu ordnen, einen Vorgang auf seine wesentlichen Elemente zu reduzieren und den Sachverhalt knapp und klar zu schildern.» So sucht er sich Aufträge, mit denen er den Tagesaktualitäten entfliehen kann.
Theo Frey realisiert ein grosses Projekt für die Schweizerische Landesausstellung 1939 und ist wesentlich mitverantwortlich für den Aufbau eines «Fotografen-Detachements» der Schweizer Armee, in dem er von 1939 bis 1945 selbst Dienst leistet. Nach dem Krieg arbeitet er vor allem für Organisationen wie das Rote Kreuz, Pro Juventute oder die Schweizerische Berghilfe – der Fotojournalismus rückt allmählich in den Hintergrund.
Wer heute, zehn Jahre nach seinem Tod, in Theo Freys Bilderwelt eintaucht, erkennt leicht, dass ihn das sorgfältige und langsame Fotografieren im Grunde mehr interessierte als das dynamische, journalistische Erfassen von Ereignissen und flüchtigen Momenten. Sein Archiv, das unter anderem rund hunderttausend Negative umfasst, ist voll von Aufnahmen, die in ruhiger und konzentrierter Betrachtung der Welt entstanden sind und im Überblick einen eigenständigen dokumentarischen Stil ergeben. Theo Frey hätte sein Schaffen nie als Kunst bezeichnet. Aber er wusste sehr wohl, dass seine «Dokumente» erst durch prägnante Gestaltung ihre Kraft und Bedeutung gewannen: «Zwar war ich immer in erster Linie ein Dokumentarist, aber einer, der sich, wo immer es möglich war, der Sache auch von der ästhetischen Seite näherte.» Die Spannung zwischen reiner Dokumentation und ästhetischen Ansprüchen spiegelt sich auch in anderen Bekenntnissen: «Ich wollte zwar ein guter Fotograf sein, aber bis heute bin ich mit mir im Widerstreit. Was ist nun das Wertvollste an meinen Arbeiten? Ich habe herausgefunden, dass einfachste, trivialste Sachen plötzlich einen grossen Wert bekommen . . .» Wer so fotografiert, wie es Theo Frey tat, hat eine deutliche Vorstellung davon, wie er die Welt ins Bild rücken will. Davon zeugen unzählige Kartonbögen, auf die er Kontaktkopien seiner Aufnahmen klebte. Gewiss, diese Bögen waren zunächst nichts anderes als ein archivalisches Hilfsmittel, teilweise unter Mitarbeit von Theos Frau Alice hergestellt; sie erlaubten es, den Überblick über ein grosses Archiv zu bewahren. Doch die meisten der Kontaktbögen sind auch präzis geordnete Darstellungen von Handlungsabläufen oder facettenreiche Erkundungen eines Themas. In ihrer Authentizität geben sie tiefen Einblick in Theo Freys Weltsicht und seine gestalterische Kompetenz. Wie sensibel Theo Frey seine Werke komponierte, kommt vielleicht in seinen Stillleben und Interieurs am schönsten zum Ausdruck: Gerade in diesen spröden, «unjournalistischen» Bildern fand er die richtige Balance zwischen Form und Inhalt. Freys Stärke zeigt sich im scharfen Blick für das Unscheinbare – für den Alltag, der die Menschen prägt. Und für die Spuren und Zeichen, die unpathetisch vom Lauf der Zeit erzählen.
Theo Frey:
Augenzeuge der Nebenumstände
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