Donnerstag, 08. Januar 2009, 08:29:24 Uhr, NZZ Online
Von Tony Dolphin*
Drei der wichtigsten Investmentbanken haben in letzter Zeit ihre Erwartungen für den Erdölpreis nach oben revidiert. Die Credit Suisse und auch die UBS gehen jetzt davon aus, dass der Preis pro Fass im Lauf der nächsten beiden Jahre zwar wieder etwas unter den gegenwärtigen Stand, nicht aber unter die 100-$-Schwelle zurückfallen wird. Und Goldman Sachs rechnet für die zweite Jahreshälfte sogar mit einem Durchschnittspreis von 141 $ und für das nächste Jahr mit 148 $. Ein Blick auf die fundamentalen Kräfte hinter dem Angebot und der Nachfrage lässt eine Wende im Preistrend tatsächlich wenig wahrscheinlich erscheinen.
So ist das Angebot an Erdöl seit 2004 kaum noch ausgeweitet worden. Jenes der Nicht-Opec-Länder verharrt auf dem Niveau von 41 mbd (Millionen Fass pro Tag), die Produktion der Opec ist zwar im letzten Jahr leicht gestiegen, der Mehrausstoss kompensiert jedoch nur eine frühere Drosselung. Per saldo vergrösserte sich die globale Erdölproduktion zwischen 2005 und 2007 lediglich um 1,2 auf 74,7 mbd; dies sind jährlich 0,5% mehr. Werden die verwandten Energieträger Erdgas, Biotreibstoff und die Ölsande mitgerechnet, beläuft sich die jährliche Angebotssteigerungsrate immer noch auf nur etwa 1%.
Weshalb aber führen die hohen Preise nicht zu grösserem Angebot? Zwei Gründe: Erstens scheinen die bearbeiteten Ölfelder nunmehr schon seit einiger Zeit nicht mehr steigerungsfähig zu sein. Der russische Ausstoss blieb in den vergangenen zwei Jahren weit hinter den Erwartungen zurück, und auch die Opec-Staaten dürften nicht in der Lage sein, ihre Produktionskapazitäten kurzfristig zu vergrössern. Es werden – zweitens – zwar laufend neue Ölfelder entdeckt, doch sie befinden sich entweder an Orten, die technisch schwer auszubeuten sind, oder an Orten, an denen Erdölgesellschaften nicht mehr hinwollen. Brasilien gab vor knapp einem Jahr die Entdeckung grosser Offshore-Reserven in einer Meerestiefe (4000 Meter) bekannt, aus der bisher noch nie Öl gefördert worden ist. In Kasachstan, Nigeria und Russland sind die Reserven zugänglicher, aber die Ölgesellschaften halten sich aus Sorge um die Rechtssicherheit, wegen des Mangels an qualifizierten Arbeitskräften und der schwierigen Versorgung mit Anlagen und Ausrüstungsgütern zurück.
Das Angebot wächst kaum noch, und gleichzeitig sorgt das hohe globale Wirtschaftswachstum für erhebliche zusätzliche Nachfrage. Gemessen an früheren Erfahrungswerten benötigte die Welt beim gegenwärtigen wirtschaftlichen Wachstumstempo jährlich 2,5% bis 3% mehr Erdöl. Der hohe Preis hat diesen Bedarf nun erheblich gedrosselt. Dies allerdings hauptsächlich in den Industrieländern, die ihre Energieeffizienz verbessert haben, und weniger in den rasch wachsenden Emerging Markets. In vielen Schwellenländern wird der Preis von Kraft- und Heizstoffen zudem stark subventioniert, Ölpreisveränderungen führen dort nicht zu sparsamerem Nachfrageverhalten.
Stimmt die Annahme (vgl. Grafik «Erdölmarkt»), dass der weltwirtschaftliche Energiebedarf laufend grösser wird (die Nachfragekurve verschiebt sich nach rechts), das Angebot jedoch kaum steigt, aber mit grösseren Kosten kämpft (die Angebotskurve bewegt sich kaum im Laufe der Zeit und wird wegen der zusätzlichen Produktionskosten am oberen Ende zunehmend steiler), ist vorläufig wohl nicht mit tieferen Erdölpreisen zu rechnen. Damit sich diese zurückbilden könnten, müssten eine oder mehrere der folgenden Bedingungen erfüllt sein:
| 1. | Die Nicht-Opec-Länder müssten Möglichkeiten finden, um ihre Produktion zu erhöhen. Die Anreize dazu sind vorläufig aber gering, schwimmen sie doch jetzt schon im Geld. |
| 2. | Der wichtigste Opec-Produzent Saudiarabien müsste willens und fähig sein, die Fördermenge kurzfristig zu erhöhen. Nichts deutet vorläufig darauf hin. |
| 3. | Die neuerschlossenen Ölfelder werden intensiver genutzt. Dies ist aber eher eine langfristige Option. |
| 4. | Andere fossile Energieträger substituieren Erdöl: kurzfristig kaum möglich. |
| 5. | Andere Energieträger substituieren Erdöl. Auch dies ist eine langfristige Option. |
| 6. | Eine signifikante Verlangsamung des globalen Wirtschaftswachstums und damit auch der Nachfrage nach Energie. |
Solange die Bedingungen 1 bis 5 nicht erfüllt sind, werden sich die Angebots- und die Nachfragekurven für Erdöl tendenziell bei höheren Preisen schneiden. So argumentiert auch Goldman Sachs. Sollte der Erdölpreis aber nicht durch die erwähnten fundamentalen Faktoren, sondern durch Spekulation in die Höhe getrieben worden sein, wie Saudiarabien immer wieder behauptet, dann freilich wäre der Markt erheblich «überkauft», der Preis reif für eine scharfe Korrektur nach unten.
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