Mittwoch, 08. Oktober 2008, 03:33:51 Uhr, NZZ Online
pra. (Berlin) Der grosse Stellenabbau bei Siemens hat die üblichen Rituale in Deutschland ausgelöst. Die entsprechend den Mitbestimmungsregeln lange im Voraus informierten Gewerkschaftsfunktionäre und Betriebsräte äusserten Unverständnis und Verbitterung darüber, dass ein profitabler Konzern Tausende Stellen abbaue. Politiker wie der bayrische Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) zeigten sich besorgt und kündigten Gespräche mit Siemens-Chef Löscher an. Verschiedene Medien warfen die Frage nach der künftigen Kultur und Identität des deutschen Weltkonzerns auf, wobei auch Irritation über die ausländische Staatsbürgerschaft Löschers mitschwang. Dabei kann kein Zweifel bestehen, dass die internen Strukturen von Siemens einer dringenden Erneuerung bedürfen. Der unfassbare Korruptionsskandal deutet nicht gerade auf eine vorbildliche Unternehmenskultur hin. Das Abtragen von Doppelspurigkeiten und «Lehmschichten» im Management, die den Konzern, wie jeder wusste, lähmten, war überfällig. In guter deutscher Tradition soll es kaum Kündigungen geben, was Siemens viel Geld kosten dürfte. Zudem gab Löscher erstmals ein geradezu euphorisches Bekenntnis zum kränkelnden Transportgeschäft ab, das bloss halb so gut rentiert wie viele andere Bereiche. Mit kurzfristiger Gewinnmaximierung hat all das nichts, mit verantwortungsvoller Geschäftspolitik dagegen sehr viel zu tun.
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