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  • 6. Juli 2008

    «Es brennt wieder im Dorf»

    «Es brennt wieder im Dorf»

    Um ein Haar wäre der denkmalgeschützte Bauernhof Bäumlihofgut in Riehen ganz abgebrannt. Um ein Haar wäre der denkmalgeschützte Bauernhof Bäumlihofgut in Riehen ganz abgebrannt. (Bild: NZZ am Sonntag)
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    34 Brände sind in den letzten drei Jahren im gepflegten Basler Vorort Riehen gelegt worden. Die Bevölkerung lebt in Angst, die Polizei tappt im Dunkeln, die Feuerwehrleute haben eine DNA-Probe abgegeben. Die SVP will eine Bürgerwehr auf die Beine stellen, und eine Freikirche rüstet sich zur «Gebets-Attacke» gegen den Brandstifter.

    Von Francesco Benini

    Meistens kommt er in der Nacht, am Wochenende. Bauernhäuser steckt er an, Unterstände, WC-Anlagen, Container. Und Schuppen, einen nach dem andern. «Der Brandstifter hat wahrscheinlich eine Schopf-Neurose», sagt eine Bäuerin, deren Nachbarhaus in Flammen aufgegangen ist. 34 Brände hat die Staatsanwaltschaft von Basel-Stadt aufgelistet. Die Serie nahm am 15. Januar 2005 ihren Anfang, die letzte Meldung ging vor zehn Tagen ein. Vom Täter fehlt jede Spur. Die Staatsanwaltschaft weiss wenig. Sie sucht eine Person, die zwischen 14 und 75 Jahre alt und männlich oder weiblich ist.

    Die Bewohner Riehens reagierten zunächst mit Verwunderung auf die Brandserie, jetzt sprechen sie von Sorge, Beklemmung und Angst. Anfang Februar brannte ein Mehrfamilienhaus beim Bahnhof bis auf die Grundmauern nieder; der Brand war im Hinterhof gelegt worden. Mehrmals konnte die Feuerwehr verhindern, dass Flammen von einem Schuppen auf ein bewohntes Haus übergriffen. Ein Mann sagt, er geniesse die Aussicht nicht mehr, wenn er abends auf seiner Terrasse stehe. Er schaue nach, ob irgendwo Rauch aufsteige. So könne es nicht weitergehen. Der Kerl müsse gefasst werden.

    Riehen ist mit 20 000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt der Nordwestschweiz, aber die Riehener reden nur vom Dorf. «Es hat wieder gebrannt im Dorf», sagen sie. Nordöstlich von Basel wohnt, wer Karriere gemacht hat in der chemischen Industrie, Anwälte, Ärzte, Bankkader. Der Steuersatz ist tiefer als in Basel, die Einfamilienhäuser sind von Grün umgeben, der Dorfkern ist herausgeputzt, die Parkanlagen sind gepflegt. Morgens staut sich auf der Hauptstrasse der Verkehr Richtung Basel, abends Richtung Lörrach, des Städtchens auf der deutschen Seite der Landesgrenze, und am Wochenende strömen Kunstinteressierte aus der halben Welt in die Fondation Beyeler. Nun hat das Idyll einen Riss bekommen, und Gemeindepräsident Willi Fischer gibt sich zunächst Mühe, ihn kleinzureden. «Riehen ist kein Trümmerfeld», sagt er. Mittlerweile gelte jede Erst-August-Rakete, die hier hochgehe, als Brandfall. Er zählt die Vorzüge seiner Gemeinde auf, erwähnt die Losung «Das grosse grüne Dorf», mit der Riehen für sich wirbt, und bemerkt schliesslich, dass es gut wäre, wenn der Brandstifter endlich gefunden würde. Ein Normalzustand sei das nicht.

    Der junge Bauer Thomas Kyburz wurde morgens um vier aus dem Schlaf gerissen. Die Ziegel fielen vom Dach des Bauernhofs. Der Dachstuhl des Hofs stand in Flammen, die Scheune ebenso, die vier Futtersilos sackten in sich zusammen. «Laut ist es, das Feuer», sagt Kyburz. An der Türe seines Wohnhauses, 30 Meter neben dem Bauernhof gelegen, hat sich der Farbanstrich gewölbt von der Hitze. Die Feuerwehr rettete einen Grossteil des Hofs, in dem an jenem Tag keine Tiere untergebracht waren. «Gott sei Dank mussten wir keine Kühe aus dem Stall treiben. Die wären im ganzen Kanton herumgerannt», meint der Bauer.

    «Es ist nicht das Gleiche seit dem Brand. Ich fühle mich wie an einem fremden Ort, erwache bei jedem Knacken.»

    Kyburz hat nicht irgendeinen Bauernhof gepachtet, sondern das denkmalgeschützte Bäumlihofgut, das manche Riehener als das Wahrzeichen des Dorfes bezeichnen. Frühere Besitzer des herrschaftlichen Landguts, zu dem der Hof gehörte, waren die Basler Grossbürgerfamilien Burckhardt, Merian und Geigy, die den Bäumlihof als Sommersitz nutzten. Der Brand von Ende März liess in Riehen die Emotionen hochgehen. «Das Feuer im Bäumlihofgut hat mir im Herzen weh getan», sagt ein älterer Mann. «Ich war am Sonntagmorgen früh im Auto unterwegs. Wie ich die Zerstörung sah, hat mich das beelendet», sagt eine Frau. Im Dorf machte ein Gerücht die Runde: Der Brandstifter komme aus den Reihen der Feuerwehr – wie bei Brandserien an anderen Orten.

    DNA-Proben ohne Erfolg

    Die Staatsanwaltschaft fackelte nicht lange und nahm bei den Angehörigen der Berufs- und der Bezirksfeuerwehr eine Speichelprobe, «auf freiwilliger Basis». Keines der DNA-Profile passt zu den Spuren, die an den Tatorten gefunden worden sind. Die SVP Riehen verlangte, dass eine Bürgerwehr im Dorf patrouillieren solle. «Die Leute fluchen. Sie sagen, es brennt weiter, man muss etwas tun», erklärt SVP-Präsident Eduard Rutschmann. Er wollte Personen auf die Strasse schicken, die geschult sind in Bewachungsaufgaben. Das Gemeindeparlament lehnte die Forderung ab. «Auf dem Dorfplatz soll niemand den Winkelried spielen», sagt der Gemeindepräsident Willi Fischer. Die Nachbarn hälfen sich gegenseitig in Riehen, den Rest überlasse man der Polizei. Niemand solle Holz und anderes leicht brennbares Material vor dem Haus herumliegen lassen.

    Der pensionierte Gitarrenbauer Jean-Pierre Vocat hatte vierzig Computer in seinem Hinterhof verstaut. Die Geräte, die für Südamerika bestimmt gewesen waren, explodierten, als das Wohnhaus im Riehener Dorfkern in Flammen aufging. Mitten in der Nacht habe es geklingelt – «ich dachte, das sind wieder die blöden Gofen». Da habe es ein zweites Mal geklingelt. Auf die Nachricht, dass sein Haus brenne, habe er erwidert: «Aha, danke schön.» Vocat treibt die Bauarbeiter an, die gerade Leitungen verlegen, er will wieder einziehen, hat genug vom Gästeappartement in der Alterssiedlung, aber die Spuren des Brandes sind überall zu sehen in seinem Haus, die Fensterläden sind verkohlt, und das Dach muss erst noch eingedeckt werden. Vocat ist nicht nach Klagen zumute. In den Jahren, die ihm noch blieben, wolle er es schön haben. Und der Brandstifter von Riehen, der halte bald den Weltrekord.

    Die Staatsanwaltschaft sucht eine Person, die zwischen 14 und 75 Jahre alt ist, ein Mann oder eine Frau.

    Vor einem Monat schien es, als komme die Polizei einen Schritt weiter. Auf dem Chrischona-Hügel in Bettingen, einem beliebten Aussichtspunkt zwei Kilometer von Riehen entfernt, wurde eine Scheune angezündet. Die Bäuerin, so erzählt man sich im Dorf, habe eine verdächtige Person gesehen, und die Polizei habe gestützt auf ihre Aussagen versucht, ein Phantombild anzufertigen. Gut kann es nicht geworden sein, denn veröffentlicht worden ist es nicht. Die Bäuerin schweigt, und die Staatsanwaltschaft beantwortet «Fragen zu ermittlungstaktischen Vorkehrungen und Entscheiden» nicht.

    Der Theologe wehrt sich

    Die Ermittlungen sind schwierig, weil der Brandstifter keine Brandbeschleuniger wie Benzin oder Alkohol einsetzt und wenig Spuren hinterlässt. Wie viele der 34 Brände vom selben Täter gelegt worden sind, weiss niemand. Vielleicht waren in einigen Fällen Nachahmungstäter am Werk. Kriminalkommissär Markus Melzl verweist auf ein «spezielles Dispositiv», mit dem die Ermittlungsbehörden seit Beginn dieser Brandstiftungen arbeiteten. Details könne er keine nennen.

    Thomas Kyburz ist froh, dass sein Hof nicht ganz abgebrannt ist – aber es sei nicht mehr das Gleiche, er fühle sich manchmal wie an einem fremden Ort. In der Nacht erwache er bei jedem Knacken. Auf dem Chrischona-Hügel wird derweil eine Offensive gegen den Brandstifter vorbereitet. Ein Theologiestudent der Pilgermission St. Chrischona, einer evangelikalen Freikirche, die sich auf dem Hügel niedergelassen hat, spricht von «Gottes Schutz», den man beim Scheunenbrand gehabt habe. Wenn die eigene Feuerwehr nicht schnell zur Stelle gewesen wäre, hätten die Flammen auf ein bewohntes Haus übergegriffen. Der Student plant nun eine «Gebets-Attacke», und zwar in Gruppen, möglichst unter Beteiligung der Landeskirchen. Ziel des frommen Angriffs: Der Brandstifter soll sich freiwillig zu erkennen geben.

    Feuerteufel in Riehen Die Polizei ermittelt in 34 Fällen von Brandstiftung

    Feuerteufel in Riehen Die Polizei ermittelt in 34 Fällen von Brandstiftung

    Am 3. Februar 2008 wird kurz nach 1 Uhr nachts in einem Hinterhof des Mehrfamilienhauses an der Bahnhofstrasse 1 im Zentrum Riehens ein Brand gelegt. Die drei Personen, die sich im Haus befinden, können sich in Sicherheit bringen. Das Haus wird zu einem beträchtlichen Teil zerstört.  

    Am 26. März 2008 bricht im Keller der Alterssiedlung an der Oberdorfstrasse 15 in Riehen kurz vor 23 Uhr ein Feuer aus. Die Polizei bezweifelt, dass es sich um denselben Brandstifter handelt wie bei den meisten andern Fällen der Serie seit 2005, ging die Person doch ein erhebliches Risiko ein, gesehen zu werden.

    Am 7. Juni 2008 wird um 19 Uhr 30 ein Materiallager des alten Bauernhofs auf dem Chrischona-Hügel in Bettingen bei Riehen in Brand gesteckt. Ein Student alarmiert sofort die lokale Feuerwehr. Die Bewohner des Geländes waren abgelenkt, weil sie das Eröffnungsspiel der Fussball-EM verfolgten.

    Am 14. Juni 2008 wird um 23 Uhr in einem Unterstand für Fahr- und Motorräder an der Lörracherstrasse 50 in Riehen ein Feuer gelegt. Wie meistens in dieser Brandserie ist der Täter an einem Wochenende aktiv – der 14. Juni ist ein Sonntag. Die Polizei leitet sofort eine Fahndung ein, die erfolglos bleibt.

    Am 23. Juni 2008 bemerkt eine Passantin um 22 Uhr 30 Rauchgeruch bei einem unbewohnten Bauernhaus an der Steinengasse 5 in Bettingen, der kleinen Landgemeinde bei Riehen. Die Feuerwehr entdeckt glimmende Gegenstände; die Polizei geht von Brandstiftung aus. Am selben Ort war schon im November 2005 ein Brand gelegt worden. (be.)


    . Lesen Sie mehr zum Thema Feuerwehrleute: Als Brandstifter?
    Link: http://www.nzz.ch/nachrichten/startseite/feuerwehrleute_als_brandstifter_1.777449.html

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