Donnerstag, 08. Januar 2009, 09:13:23 Uhr, NZZ Online
Robin Schwarzenbach
Auch in der Unterwelt hat jeder das Recht auf einen fairen Prozess. Seit fast hundert Jahren steht Luigi Lucheni, des Mordes an der Kaiserin von Österreich überführter italienischer Anarchist, vor Gericht. Der zu Lebzeiten verhängten Haftstrafe hatte er sich entzogen, indem er sich in seiner Gefängniszelle in Genf erhängte. Nun, da ein unsichtbarer Richter die Hintergründe des Attentats auf Elisabeth vom 10. September 1898 erfahren will, setzt Lucheni an zu einem Plädoyer.
Das sind die Vorzeichen, unter denen die Handlung des Musicals «Elisabeth», 1992 uraufgeführt im Theater an der Wien und ab morgen im Theater 11 in Zürich auf dem Programm, erst richtig beginnt. Genau besehen nehmen die Zuschauer also die Position von Geschworenen ein. Dabei beschleicht einen ein mulmiges Gefühl, denn immerhin sieht man sich der Darstellung eines verurteilten Verbrechers gegenüber. Was jedoch folgt in den nächsten knapp zweieinhalb Stunden, lässt einen den Erzähler Lucheni fast vergessen, wenngleich der zwielichtige Geselle (just als ein solcher gespielt von Bruno Grassini) immer wieder auftritt bis zum Schluss; als Aufwiegler, als Provokateur – und als Mörder der Kaiserin Elisabeth. Die Hauptrollen gehören der Titelheldin und ihrem finalen Geliebten – dem Tod.
Das Musical «Elisabeth»: Freitag, 17. Oktober 2008 bis Sonntag, 4. Januar 2009. Theater 11, Thurgauerstr. 7, 8050 Zürich. Tägliche Vorstellungen dienstags bis sonntags, an den Wochenenden auch nachmittags. Tickets unter Telefon 0900 800 800, Abendkasse 044 318 62 62.
Weitere Informationen: www.elisabeth-musical.ch
Oder ist es Elisabeth allein, ist ihr Konterpart lediglich eine sehnsüchtige Projektion von ihr, die im Alter von 15 Jahren vom österreichischen Kaiser zur Gemahlin erwählt und somit der geliebten Idylle im ländlichen Bayern entrissen wurde? Für den Autor Michael Kunze jedenfalls war eine Liebesgeschichte mit «Happy End» die einzige Möglichkeit, die historische Figur der Elisabeth zum Thema zu machen für ein Musical. Denn schliesslich haben Arbeiten von Historikern wie Brigitte Hamann den klischierten Mythos der Kaiserin – siehe den Kosenamen im Untertitel des Stücks – arg untergraben. Herausgekommen ist das Bild einer wohl faszinierend schönen, aber im Grunde unglücklichen, eher selbstverliebten als selbstbewussten, für ihre Mitmenschen ganz und gar unzugänglichen Frau, die noch dazu an Depressionen litt. Keine guten Voraussetzungen für ein Bühnenstück, das trotz Tragik vor allem unterhalten soll.
Das Publikum in ihren Bann zu ziehen vermag Elisabeth, lebendig und mit heller Stimme verkörpert durch die nicht weniger attraktive Niederländerin Annemieke van Dam, gleichwohl von Anfang an. Einen Sonderapplaus gab es in Berlin nach ihrem ersten Solo, eindringlich vorgetragen in leuchtend weisser Robe im Licht eines einsamen Scheinwerferkegels. Der Titel des Lieds deutet auf ein Leitmotiv des Dramas hin, das Streben nach Unabhängigkeit: «Ich gehör nur mir.»
Und Lucheni? Er scheint die Fäden zu ziehen im Volk, in dem er die ihm verhasste Monarchin unmöglich macht. Mit Klassik-Pop-Einlagen aus der Feder von Sylvester Levay sorgen etwa seine Auftritte für Tempo und einen Schuss Humor. Sie bilden damit ein Gegengewicht zu den vergleichsweise tiefsinnigen Szenen, bei denen Elisabeth selbst oder der von ihr zurückgewiesene Kronprinz auf der Bühne stehen. Einfallsreich, wie sich die Tische in einem Wiener Kaffeehaus im Kreis und um die eigene Achse drehen, den in der Story stets verschränkten Untergang des Habsburgerreiches symbolisierend. Die Gäste ahnen das nahe Ende. Doch sie nehmen es hin – Hauptsache, Lucheni serviert noch einen Likör. Erfolg hat der revolutionäre Hetzer bei der hungernden Masse ebenso wie bei Antisemiten und Nationalisten. Der Auftritt der strammen Fahnenträger ist indes verwirrend. Das insgesamt begeisterte Berliner Publikum blieb bei dieser Szene sehr reserviert.
Fäden werden auch in den Tanzszenen bei Hofe gezogen, wenn sich Gouvernanten und Kamarilla in einer Formation bewegen, den Kopf zur Seite legend wie Hampelmänner. So unterscheidet die Choreografie klar zwischen tragenden Figuren und blossen Typen auf der Bühne.
Der Aufwand für Kostüme und Frisuren ist eindrücklich. Vor den minimal bestückten Hintergrundbildern kommen diese umso mehr zur Geltung. Und doch hat Michael Kunze ein Musical verfasst, bei dem immer die Handlung und nicht oberflächlicher Effekt Priorität geniesst. Solange sie handlungsfähig sind, durchlaufen die Protagonisten eine Entwicklung, zumal sich das Stück über einen Zeitraum von über vier Jahrzehnten erstreckt. Dem Tod in der androgynen Gestalt von Felix Martin gelingt es nicht auf Anhieb, Elisabeth zu verführen. Umwege und Intrigen drängen sich auf. Und am Ende ist es Lucheni, der nur mehr an der Strippe des Todes sein Werk erfüllt.
Leser-Kommentare: 0 Beiträge