[Alt + 1] zur Startseite [Alt + 2] zum Seitenanfang [Alt + 3] zur allgemeinen Navigation [Alt + 4] zur Hauptnavigation [Alt + 5] zum Inhalt [Alt + 6] zu Tipps, Hinweise und Kurzinfos [Alt + 7] zur Suche [Alt + 8] zum Login von MyNZZ [Alt + 9] zur Fusszeile
.
  • 14. März 2008

    Brasilien strotzt vor Selbstbewusstsein

    Brasilien strotzt vor Selbstbewusstsein

    Stabilisierung der makroökonomischen Fundamentaldaten

    Toolbox
    Druckansicht
    Einer möglicherweise starken Abkühlung der US-Konjunktur und ihren weltweiten Auswirkungen sieht man in Brasilien recht gelassen entgegen. Die Regierung sieht in der Stabilisierung der makroökonomischen «Fundamentals» der letzten Jahre und in der derzeit guten Konjunktur Schutzschilde, die mögliche Unbill aus dem Ausland abwehren könnten.

    Von unserer Korrespondentin in Brasilien, Christine Henkel


    Rio de Janeiro, Ende Februar

    Brasilien strotzt vor Selbstbewusstsein. Zum ersten Mal in der Geschichte hat das Land gegenüber dem Ausland keine Schulden mehr, zumindest rein rechnerisch. In einem vorläufigen Bericht erklärte die Zentralbank, dass Brasilien nun nicht mehr ein Schuldner, sondern ein Netto-Gläubiger sei, und zwar mit einer Summe von 4 Mrd. US-$. Zwar ist es nicht so, dass Brasilien keine Auslandschulden mehr hätte. Diese belaufen sich auf 198 Mrd. $; 70 Mrd. $ davon sind Verbindlichkeiten des Staates, 128 Mrd. $ private Schulden. Diesen Schulden stehen vor allem im vergangenen Jahr angesammelte Devisenreserven der Zentralbank von 188 Mrd. $ sowie die Anlagen brasilianischer Banken im Ausland gegenüber. Brasilien wäre also in der Lage, die Auslandschulden zu begleichen.

    Ungebremster Optimismus

    Brasilien hofft nun, noch 2008 von den Rating-Agenturen das begehrte Gütesiegel «Investment-Grade» zu erhalten; das könnte zu weiteren starken Zuflüssen ausländischer Investitionen in die Wirtschaft und die Finanzmärkte führen und damit die Basis der Wirtschaft weiterhin stärken. Der Positionswechsel vom Schuldner zum Gläubiger dem Ausland gegenüber hat in Brasilien zudem eine grosse Symbolkraft. Die Geschichte des Landes weist mehrere wenig glorreiche Kapitel auf, in denen die Auslandschulden zu Krisen und vor allem zum Gesichtsverlust in der Welt geführt haben. Die erste grosse Staatsschuld erbte das Land: Um im frühen 19. Jahrhundert die Unabhängigkeit von Portugal zu erlangen, übernahm Brasilien weite Teile der Schulden, die Portugal gegenüber der britischen Krone hatte. Ab dann allerdings waren Schulden und die daraus resultierenden Krisen hausgemacht. Immer wieder geriet Brasilien in Zahlungsbilanzkrisen, bei denen dem Land die Dollars fehlten, um die Auslandschulden zu bedienen. 1987 rutsche Brasilien das bisher letzte Mal in den Staatsbankrott und musste die Schulden restrukturieren.

    Dass Brasilien ausgerechnet unter der Regierung des ehemaligen Gewerkschaftsführers und Gründers der Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores), Lula da Silva, zum Gläubiger gegenüber dem Ausland wird, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Lula und seine Partei hatten seit der Parteigründung in den achtziger Jahren und noch bis kurz vor der Wahl Lulas zum Präsidenten (2002) ein Schuldenmoratorium gefordert. Dass sich das Problem der Auslandschulden über eine relativ orthodoxe Wirtschaftspolitik würde lösen lassen, hatten sie damals nicht eingestehen wollen. Doch es war eben genau eine solche Politik – implementiert von der Vorgängerregierung Lulas und von ihm fortgeführt – , die nun die Voraussetzungen für den Wandel vom ewig in der Schuld anderer Stehenden zum Gläubiger ermöglicht hat.

    Doch an die alten Moratoriums-Forderungen mochte Lula in den vergangenen Tagen nicht erinnert werden. Und sowieso schaut man in dem noch relativ jungen Land lieber nach vorn. Und bei diesem Blick ist der Optimismus dank den vielen guten Wirtschaftsnachrichten ungetrübt. Für eine allfällige Abkühlung der US-Konjunktur und der weltweiten Folgen sieht man sich denn auch in Brasilien gut gerüstet. Doch könnte sich Brasilien, das noch vor sechs Jahren mit einem 30-Mrd.-$-Kredit des Internationalen Währungsfonds (IMF) vor dem drohenden Default gerettet werden musste, tatsächlich von einer US-Rezession und deren weltweiten Folgen abkoppeln? Die Antwort hängt stark vom Ausmass einer allfälligen Rezession ab, generell aber könnte Brasilien über zwei Übertragungswege angesteckt werden: über die Exporte und über die Finanzmärkte.

    Brasiliens Ausfuhren haben in den letzten Jahren einen Boom erlebt. Wichtigster Abnehmer ist die EU mit einem Anteil an den Exporten von 25%. In die USA hingegen gehen nur 16%. Eine Rezession dort dürfte Brasilien sehr viel weniger treffen als etwa die nördlichen Staaten Lateinamerikas, die wie Mexiko weit mehr als die Hälfte ihrer Ausfuhren in die USA verkaufen. Schwieriger wird es, sollten die Rohwarenpreise drastisch sinken; obwohl Brasilien die Exporte in den letzten Jahren mehr und mehr diversifiziert hat, stellen Rohwaren doch einen grossen Teil dar und sind in grossem Umfang für den Export-Boom und die Wirtschaftsdynamik verantwortlich. Da Brasiliens Wachstum aber auf einer relativ breiten Basis steht und sowohl der private Konsum als auch die Investitionen das Wachstum stützen, dürfte ein Abfallen der derzeit hohen Rohwarenpreise das Land nicht in eine Rezession stürzen, sondern das Wachstumstempo bloss reduzieren.

    Vom Verebben bedrohte Kapitalströme

    Als kräftezehrend könnten sich eine zunehmende Risikoaversion und eine abnehmende Liquidität an den internationalen Finanzmärkten im Gefolge einer US-Rezession erweisen. Derartige Entwicklungen des Finanzmarktes haben in Lateinamerika in den neunziger Jahren und in den ersten Jahren dieses Jahrhundert, mehrfach zu einem Versiegen der Geldströme aus dem Ausland geführt und Währungskrisen ausgelöst; diese wiederum führten zu Schuldenkrisen, da die privaten und öffentlichen Schulden meistens in US-Dollars denominiert waren. Ein solches Szenario mag heute kaum jemand für Brasilien zeichnen.

    Das Land hat in den letzten 15 Jahren einen enormen Qualitätssprung im makroökonomischen Management vollzogen. Besonders sichtbar ist dieser Sprung bei den Schulden. Während die Lage bei den Auslandschulden durch den Aufbau von Devisenreserven entschärft wurde, hat sich auch die bis anhin explosive Lage der mit 1,2 Trio. Rl. (rund 700 Mrd. $) recht hohen Binnenschuld verbessert. Die Koppelung an den US-Dollar wurde auf nahezu null reduziert; damit können Währungsschwankungen den Schuldenberg nicht mehr aufblähen. Zudem wurden die Laufzeiten stark reduziert.

    Übertragungsweg Finanzmarkt

    Doch könnte über den Übertragungsweg Finanzmarkt das Wirtschaftswachstum Brasiliens gedämpft werden. Bisher hat das Land stark profitiert von den hohen Summen, für welche die Anleger weltweit Anlagemöglichkeiten gesucht haben und für die sie bereit waren, angesichts niedriger Zinsen und Renditen in den Industrieländern in Richtung Schwellenländer zu blicken. Das hat zu erheblichen Kapitalzuflüssen in brasilianische Staatsanleihen, Firmenbonds und in den brasilianischen Aktienmarkt geführt. Auch wegen dieser Zuflüsse hat sich das Länderrisiko stark reduziert, und der Aktienmarkt hat kräftig zugelegt. Die Zuflüsse haben auch dazu beigetragen, dass das Zinsniveau seit Ende 2006 stark gesenkt werden konnte; der Kreditmarkt ist stark expandiert und hat den Konsum als kräftigen Motor der Konjunktur anspringen lassen. Die eigentliche Gefahr einer geringeren Liquidität im Gefolge einer allfälligen US-Rezession liegt daher heute nicht mehr darin, dass sie eine Krise auslösen würde; sie könnte aber durchaus die bisher positive Entwicklung der brasilianischen Konjunktur stark behindern.


    .
    Leserkommentare ein- und ausblenden Leser-Kommentare: 0 Beiträge
    .
    Um selbst einen Leser-Kommentar abgeben zu können, müssen Sie sich hier anmelden. Bitte beachten Sie die für Leser-Kommentare geltenden Richtlinien und Copyright-Bestimmungen.