Donnerstag, 08. Januar 2009, 09:25:49 Uhr, NZZ Online
Venus Williams gewinnt ihren fünften Titel in Wimbledon
Von Doris Henkel, Wimbledon
Venus Williams, die von sich sagt, der wichtigste Job ihres Lebens sei, grosse Schwester zu sein, kümmerte sich zwei Stunden lang nur um sich selbst. Sie spielte, als stünde Maria Scharapowa oder Ana Ivanovic auf der anderen Seite des Netzes, und sie gewann ohne Wenn und Aber. Mit dem Sieg gegen die 15 Monate jüngere Schwester Serena (7:5, 6:4) schnappte sie sich den fünften Titel in Wimbledon, den siebten Grand-Slam-Titel ihrer Karriere und den ersten gegen die Herausforderin aus der Familie seit sieben Jahren.
Man kann wirklich immer nur über diesen Clan staunen. Daddy Richard war vor dem Final zurück nach Florida geflogen; er meinte, seine Arbeit sei getan. Venus und Serena hatten wie immer miteinander gefrühstückt und die Zeit bis zum Final zusammen verbracht. Und Oracence Price, die Mutter des Clans, sass noch zehn Minuten vor Beginn des Spiels plaudernd mit den älteren Töchtern Isha und Lyndrea im Spieler-Restaurant.
Als das Spiel begann, das 16. Kapitel des Familienromans, sah es so aus, als wolle die Jüngere die Ältere mit Macht zur Seite drängen. Fast jeder Schuss Serenas war ein Treffer; nach zehn Minuten führte sie 3:1, und selbst der stürmische Wind schien sie kaum zu stören. Im Gegensatz zur Schwester, die den Ballwurf wegen des Windes immer wieder unterbrach. Gefragt, ob sie die Verzögerungen auch bei einer anderen Gegnerin ohne Protest hingenommen hätte, meinte Serena später, Venus habe nun mal einen irren Ballwurf und habe wohl nicht anders gekonnt, als den Ball so oft zu fangen.
Nachdem Venus ein Break zum 4:4 gelang, drehte sich der Wind; nicht der in der Arena, aber der im Spiel. Im Gegensatz zu vielen früheren Begegnungen wirkte die Ältere von nun an entschlossener und stärker. Auch im Gegensatz zu vielen früheren Begegnungen der beiden war die Qualität der Ballwechsel bemerkenswert, das Tempo und die Konsequenz, mit der sie die Punkte erzwangen, überzeugte.
Und selbst der Wind konnte diverse Kracher von Venus Williams nicht verhindern. Zu Beginn des zweiten Satzes schlug sie mit 129 mph auf, umgerechnet 207,5 km/h, und verbesserte damit den während des Turniers bereits gemessenen Rekord. Härter serviert gewöhnlich auch Roger Federer nicht. Eine frühe Führung von Serena im zweiten Satz glich Venus zum 2:2 aus, und spätestens von diesem Moment an war sie nicht mehr aufzuhalten. Während die kleine Schwester lamentierte und unzufrieden war, legte die grosse noch einen Gang zu, und nach einer Stunde und 51 Minuten war sie am Ziel. Als der letzte Ball der Schwester und Gegnerin neben der Linie landete, schoss es Venus Williams durch den Kopf: «Mein Gott, es sind fünf.»
Nummer vier vor einem Jahr sei unglaublich gewesen, sagte sie später, aber fünf seien monumental. Mehr Wimbledon-Titel haben im Profitennis nur zwei Spielerinnen gesammelt: Martina Navratilova (9) und Steffi Graf (7). Und auch einige andere Zahlen trugen zu ihrer guten Stimmung bei: Es war der zweite Sieg im siebenten Grand-Slam-Final gegen die Schwester nach dem bis dahin einzigen Erfolg beim US Open 2001. Bei jeder anderen Gegnerin hätte Venus Williams nach dem Matchball euphorischer reagiert, aber was ihr der Titel bedeutete, das sah man auch so. Mit der Schale im Arm, die sinnigerweise den Namen Venus Rosewater Dish trägt, wirkte sie so glücklich wie alle, die das berühmteste Tennisturnier der Welt gewinnen.
Serena, die als kleine Schwester daran gewöhnt ist, alles zu bekommen, was sie sich in den Kopf setzt, machte nicht den Eindruck, als falle ihr die Niederlage leichter, nur weil ihre Schwester die Siegerin war. Am Ende des Tages sei Venus auch nur eine Gegnerin, meinte sie. An diesem stürmischen Sommertag in Wimbledon war Venus die bessere der unglaublichen Schwestern. Und es fiel Serena nicht leicht, dies zu akzeptieren.
Am Sonntag:
Traumfinal Federer - Nadal
Leser-Kommentare: 0 Beiträge