Samstag, 06. September 2008, 03:44:07 Uhr, NZZ Online
Der Spanier gewinnt das aufwühlende Finalspiel in fünf Sätzen
Von Urs Osterwalder
Manchmal wiederholt sich die Geschichte. Roger Federer sträubte sich im Final gegen Rafael Nadal zwar vehement dagegen. Vor einem Jahr gewann der Baselbieter wie Björn Borg von 1976 bis 1980 den fünften Wimbledon-Titel nacheinander. Heuer tat er's dem Schweden gleich, indem er wieder bis ins Endspiel aufrückte. Anno 1981 unterlag der topgesetzte Borg der Nummer 2 im Endspiel. Der erfolgreiche Herausforderer hiess damals John McEnroe.
2008 nun war Rafael Nadal, gemäss ATP-Computer der zweitbeste Spieler der Welt, in Begriff, Federer zum späten Leidensgenossen Borgs werden zu lassen. Nach phantastischem Fight, in dem er zunächst mit zwei Sätzen in Führung ging, Federer aber den Ausgleich zugestehen musste, gelang ihm das letztlich doch noch. Und weil der Schweizer im letzten Jahr eine Partie nicht hatte spielen müssen (Forfait von Haas im Achtelfinal) egalisierte er auch nicht die Serie von Borgs 41 siegreich beendeten Wimbledon-Matches, sondern blieb bei 40 stehen. Die einmalige Serie von 65 Erfolgen auf Rasen stoppte Nadal ebenfalls.
Wenn es noch eines Beweises für die Behauptung bedurft hätte, im Final stünden sich die besten Tennisprofessionals gegenüber, lieferten ihn Nadal und Federer tatsächlich. Zauberschläge waren hüben wie drüben zu sehen. Der wie ein Irrwisch über den Platz sausende Spanier erreichte damit vorerst den höheren Wirkungsgrad. Wie prognostiziert, machten ein paar Momente, ein paar von Nadal gewonnene Big Points den Unterschied aus.
Verhängnisvoll wirkten sich für den Schweizer die zahlreichen nicht verwerteten Breakbälle aus. Vor allem die Art, wie er diese Chancen vergab, beispielsweise mit Return-Fehlern auf zweite Aufschläge Nadals. Wenn von Fehlern die Rede ist, so muss festgehalten werden, dass diese auf hohem Niveau passierten. Viele waren auch auf äussere Umstände zurückzuführen, auf Bälle, die von der ausgetretenen Grasnarbe eigenartig und folglich im letzten Moment nicht mehr berechenbar hochsprangen. Ausserdem beeinträchtigte der kräftige und böige Wind in der Arena den Ballflug negativ.
Nadal liess sich durch nichts irritieren. Er verzog keine Miene, wenn Federer Aufschlagspiele mit vier Service-Winners zu Null gewann. Er wartete geduldig auf seine Chancen. Und solche boten sich vor allem dann, wenn der Ball länger im Spiel blieb. Weder ein Sturz, noch die anschliessende kurze Behandlung des Knies, noch eine längst fällige Verwarnung wegen ungebührlicher Zeitverschwendung beim Aufschlag, liessen den 22-jährigen Mallorquiner unruhig werden. Auch nicht ein 1:4-Rückstand im zweiten Satz, den er wie den ersten 6:4 gewann.
Im dritten Satz der wegen Niederschlags schon verspätet angefangenen Partie führte Federer 5:4, als das Gipfeltreffen unterbrochen werden musste. Nach 81 Minuten Zwangspause glich Nadal mit gewonnenem Service-Game aus. Schliesslich musste das Tie-Break darüber entscheiden, ob Federer als Titelhalter vorzeitig abgelöst oder das Spiel in die Verlängerung gehen würde. Der Schweizer entschied die Kurzentscheidung für sich (7:5).
Auffällig, dass nach dem Regen die Sonne unvermittelt wieder für Federer schien. Der Titelhalter wirkte aggressiver, griff mit der gefürchteten Vorhand häufiger an als noch vorher und setzte den Widersacher vermehrt unter Druck. Auch riskierte der Gewinner von bisher zwölf Grand-Slam-Titeln vermehrt das Umlaufen der Rückhand, um eben die stärkeren Schläge anbringen zu können. Erst gegen Ende des Sets liess er diese Entschlossenheit wieder etwas vermissen. Gleichwohl erlebten die Zuschauer wie schon im dritten Satz kein Break.
Diesmal geriet Federer in der Kurzentscheidung bei 6:6 arg unter Druck. Er lag 2:5 zurück – bei zwei folgenden Aufschlägen für Nadal. Er liess aber nicht locker. Und der Spanier zeigte erstmals Nerven. Gleichwohl boten sich ihm zwei Chancen die Partie zu beenden. Federer wehrte die Matchbälle ab und gewann das Tie-Break 10:8. Bei 2:2 und 40:40 rief ein neuerlicher Schauer die 17 kräftigen jungen Männer auf den Plan, die zum Abdecken des Centre Courts bereitstanden. Die Vertagung der Entscheidung drohte. Aber der Wettergott hatte ein Einsehen. Er drehte den Wasserhahn zu.
Das längst zum dramatischen Kampf gewordene Treffen konnte fortgesetzt werden. Bei 4:3 vergab Federer bei der 13. Breakchance zum 12. Male die Möglichkeit, Nadal ein Service-Game abzunehmen. Minuten später, bei 5:5, die gleiche Situation auf der anderen Seite: Nadal reüssierte mit zwei Breakchancen nicht. Besser löste der Spanier in diesem längst zum Nervenkrieg und Abnützungskampf gewordenen Match die Aufgabe bei 7:7, als er die vierte Möglichkeit zur Vorentscheidung nutzte und hinterher mit etwas Glück zum 9:7 aufschlug (der 5. Satz wird in Wimbledon nicht im Tie-Break entschieden). Nach 4 Stunden und 47 Minuten stand Nadal als erster spanischer Wimbledonsieger der Open Ära fest.
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Verlorenes Paradies
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