Mittwoch, 08. Oktober 2008, 03:51:21 Uhr, NZZ Online
bsn. Die Tour de France den Franzosen. Davon träumen die Einheimischen seit 1985 und dem letzten Gesamtsieg Bernard Hinaults. Jahr für Jahr müssen sie sich aber mit Brosamen begnügen; wenigstens bemühen sie sich Jahr für Jahr verbissen darum. Am Samstag hatte mit Lilian Jegou ein Bretone den allerersten Angriff der Tour 2008 lanciert – doch in Plumelec siegte ein Spanier, Alejandro Valverde. Tags darauf prägte zuerst ein französisches Duo (Voeckler, Sylvain Chavanel), danach gar ein Trikolore-Quartett (plus Moreau, Le Lay) die Etappe – doch in St. Brieuc gewann ein Norweger, Thor Hushovd.
Nachdem Chavanel am Sonntag als letzter Ausreisser eingeholt worden war, versuchte Fabian Cancellara, den Sprintspezialisten einen Streich zu spielen; der Berner mit Lust auf den Zeitfahren-Sieg am Dienstag entkam aber nicht derart behende wie kürzlich zweimal dem Peloton der Tour de Suisse. Die breit verteilte Nachführarbeit zugunsten der Sprintspezialisten konnte sich freilich nur für eine Equipe auszahlen. Der Zahltag ging dank Hushovd an eine Bank: Crédit Agricole. Ein französischer Teilerfolg, immerhin. Seit Jahren verlassen sich die grün-weissen CA-Männchen im Kampf um Tour-Erfolge fast ausschliesslich auf den in der Romandie wohnhaften Hushovd, der seit 2002 sechsmal der Tagesschnellste war und 2005 das grüne Trikot des eifrigsten Punktesammlers gewann.
Vor vier Jahren hatte Hushovd gar für einen Tag das Maillot jaune getragen. Diese Ehre blieb dem 30-Jährigen heuer verwehrt, weil Tagessiege nicht mit Bonifikationssekunden belohnt werden. Im ersten Gesamtrang behauptete sich deshalb Valverde, der das Feld am Samstag nicht im Sprint, sondern mit einer Sekunde Reserve gemeistert hatte. Die Endschnelligkeit Valverdes bescherte der Tour einen ersten suspekten Sieger, weil er zum Kundenkreis des 2006 verhafteten Blutdoping-Arztes Eufemiano Fuentes gehört haben dürfte, dafür aber – im Gegensatz zu anderen – nicht zur Rechenschaft gezogen worden ist.
Etliche Beobachter der Gegenwart vergessen gerne, was in der Vergangenheit war, und schenken Valverde Vertrauen – oder zumindest eine Chance. Die französische Sportzeitung «L'Equipe», derselben Unternehmerfamilie entstammend wie die Tour-Organisatorin ASO, feierte Valverde am Sonntag als «Herzog der Bretagne». Alles klar, die Ampel steht auf Grün: Valverde darf in aller Ruhe den Tour-Sieg anpeilen, die Saubermacher der Tour wühlen nicht mehr im Dreck. Sollte Valverde auch nach dem weiten Weg nach Paris an der Spitze stehen, könnte die spanische Mannschaft von Caisse d'Epargne den zweiten Tour-Gesamtsieg innert vier Wochen feiern; denn jüngst (am 30. Juni) wurde der heutige Valverde-Helfer Oscar Pereiro vom internationalen Sportschiedsgericht (TAS) offiziell zum Schnellsten 2006 und ersten Profiteur des «Dopingfalls Landis» erklärt. Zwei Tour-Siege innert eines Monats – dieser Triumph-Takt wäre noch rasanter als Anfang des letzten Jahrzehnts, als Miguel Indurain im Caisse-Vorgänger-Team Banesto zu fünf Erfolgen in fünf Jahren (1991–1995) getrieben worden war.
Der Equipe von Caisse d'Epargne zeigte sich das TAS übrigens schon im September 2007 wohlgesinnt, als es Valverde für die Weltmeisterschaft freier Fahrt erteilte. Exponenten des Radweltverbandes UCI hatten sich zuvor nach Durchsicht mehrerer tausend Fuentes-Akten-Seiten durchgerungen, Valverde von der WM auszuladen, was wiederum Caisse d'Epargne und den spanischen Landesverband zum (erfolgreichen) Rekurs bewog. Die Tour-Verantwortlichen indes wagten weder 2007 noch 2008 einen Versuch, Valverde zu suspendieren. Sie übten keinen Druck aus wie etwa 2006 auf die Gruppen der suspendierten Favoriten Ivan Basso und Jan Ullrich; sie sprachen kein Machtwort wie heuer gegen Astana.
Er sei Direktor eines Radrennens, hat Christian Prudhomme einmal gesagt, «nicht einer Anti-Doping-Kampf-Einheit». Vielleicht fürchteten sich die Tour-Chefs in der «Causa Valverde» vor dem Gezänk mit dem TAS. Nur böse Zungen behaupten, der Wille habe gefehlt. Denn in der Caravane, der Fasnachts-Werbekolonne der Tour, startet Tag für Tag ein Automobil von . . . Caisse d'Epargne.
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