Samstag, 06. September 2008, 04:03:17 Uhr, NZZ Online
cag. Cholet, 8. Juli
Romain Feillu kam aus der Sache heraus – mit viel Rückstand zwar, aber völlig unbefleckt. Der Franzose reichte das Maillot jaune des Tour-Leaders nach dem Zeitfahren über 29,5 Kilometer weiter, ohne in den 24 Stunden, in denen er es getragen hatte, mit Dopingvorwürfen konfrontiert worden zu sein. Das ist selten geworden an der Tour de France. Das gelbe Trikot hat ein fast unheimliches Eigenleben entwickelt in den letzten Jahren – wen es auch kleidet, stets durchleuchtet es die Vergangenheit des Tragenden, so dass kein Stein auf dem andern bleibt. Dem Spanier Alejandro Valverde, dem Leader der ersten zwei Tage, posaunte das Trikot zu: «Du, da gibt es Leute, die deine Verwicklung in die Dopingaffäre Fuentes als gesichert betrachten.» Jetzt ist der Deutsche Stefan Schumacher Leader. Das Trikot ist weniger entrüstet als bei Valverde – aber es flüsterte Schumacher vorsichtig zu: «Du, da gibt es Leute, die nicht verstehen, warum du überhaupt am Start bist.»
Schumacher, 26-jährig, hat das Zeitfahren um Cholet 18 Sekunden vor Kim Kirchen und David Millar gewonnen. Tour-Favorit Cadel Evans wurde mit 21 Sekunden Rückstand Vierter; überraschend viel Zeit verlor Valverde, der auch den Gesamtsieg anstrebt. Er benötigte 1:34 Minuten länger als Schumacher. Der entthronte Leader Feillu kam als 169. sogar mit 4:59 Minuten Rückstand an. Weil das erst die 4. Etappe der Tour war und die Abstände im Gesamtklassement relativ gering sind, übernahm Schumacher gleich auch die Gesamtführung. Er freute sich, stellte jedoch hurtig klar: «Ich will nicht die Tour gewinnen.» Er wird das Trikot wohl entweder im Zentralmassiv am Donnerstag oder in den Pyrenäen am Wochenende abgeben – allein: Bis dahin kann ihm allerhand Böses widerfahren. In Sachen Dopingvorwürfe ist seine Vita nämlich alles andere als unbefleckt, auch wenn Schumacher die drei Vorfälle letztlich fast schadlos überstand.
Im Mai 2005 wurde er positiv auf den Wirkstoff Cathin getestet – und freigesprochen, weil er die Unschuld nachweisen konnte. Im September 2007 wies eine Dopingprobe kurz vor der WM mehrere erhöhte Werte auf. Zur Diskussion stand eine Schutzsperre. Schumacher erklärte die Werte aber mit einer Durchfallerkrankung, kam durch – und wurde im Strassenrennen Dritter. Im Januar 2008 wurden bei einer Blutanalyse Spuren von Amphetaminen festgestellt. Die Probe war Schumacher im Oktober bei einem von ihm unter Alkoholeinfluss verschuldeten Autounfall entnommen worden – doch sind Amphetamine ausserhalb des Wettkampfs kein Dopingbefund.
Entwischt! Den Argusaugen der gebeutelten Radszene entkommt Schumacher aber nicht so leicht. Schon vor der Tour fragten die Teammanager Patrick Lefévère und Johan Bruyneel: «Warum darf einer wie Schumacher starten – und Tom Boonen und Astana dürfen es nicht?» Der Belgier Boonen, der Mannschaft Lefévères angehörig, wurde von der Tour ausgeschlossen, weil er (ausserhalb eines Wettkampfs) positiv auf Kokain getestet worden war – obschon das kein positiver Dopingbefund ist. Das Team Astana, unter der Führung Bruyneels, ist nicht eingeladen worden wegen der Dopingfälle im letzten Jahr. Bruyneel fügte an: «Es dürfte weder einen Fall Schumacher noch einen Fall Boonen geben. Was die zwei in der Freizeit machen, ist nicht Sache der Tour.»
So oder so hat die Tour die nächste Doping-Diskussion. Ein belgischer Journalist sprach Schumacher darauf an. Der sagte: «Ich finde es nicht gut, dass Boonen nicht hier ist. Die Regeln des Sports hat er nicht gebrochen.» Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Sitzt Schumacher im Glashaus? Hans-Michael Holczer, der Teamchef, sagt: «Wenn ich nicht zu 100 Prozent überzeugt wäre, dass Schumacher unschuldig ist, dürfte er nicht starten.» Ausserdem führt er das gestrenge Urteil der Vereinigung «Mouvement pour un cyclisme crédible» ins Feld, der die Equipe Gerolsteiner angehört. Demnach ist Schumacher mehrfach angehört worden, letztlich war auch der MPCC von der Unschuld überzeugt. Das passt gut. Holczer ist auf der Suche nach einem Hauptsponsor für nächste Saison, Gerolsteiner steigt aus. Die Suche gestaltet sich schwierig, die deutsche Öffentlichkeit ist skeptisch geworden dem Radsport gegenüber. Der Zeitfahren-Sieg und die Tage im Maillot jaune sind da willkommene Werbung. Lachen, bitte! Die Zeit ist knapp, Geldgeber müssen eiligst überzeugt werden. Bald lässt sich der nächste Wagemutige das Leadertrikot überziehen – was es ihm wohl sagen wird?
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