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  • 8. Juli 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Es war einmal . . . der Festina-Skandal

    Es war einmal . . . der Festina-Skandal

    Vor zehn Jahren wurde flächendeckendes Doping im Radsport enthüllt

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    bsn. Es war im Morgengrauen heute vor genau zehn Jahren, als an einer Zollstelle im französischen Lille ein Auto angehalten und damit die erste Seite einer Radsport-Enthüllungsgeschichte geschrieben wurde. Am Steuer sass Willy Voet, Pfleger der Festina-Equipe, unterwegs an den Start der Tour de France nach Dublin, befrachtet mit einem Arsenal von Dopingmitteln. Unter anderem im Gepäck: 250 EPO-Ampullen. Die Tour kam drei Tage später ins Rollen, mit ihr aber auch die Aufdeckung flächendeckenden (EPO-)Dopings im Radsport. «99 Prozent aller Profis sind gedopt», sagte damals Gérald Grémion, der frühere Arzt des an der Tour nicht startberechtigten Post Swiss Team. Jacques Michaud, Sportlicher Leiter dieser Gruppe, entgegnete: «Ein Fahrer muss sich pflegen, um bei guter Gesundheit zu sein. Das heisst aber nicht dopen.» Die NZZ schrieb dazu: «Die Aussenwelt skizziert Horrorbilder; die Innenwelt malt (noch) idyllische Szenarien. Die jüngsten Vorfälle legen nahe, dass die Verlautbarungen der Innenwelt nichts als Heucheleien sind.»

    «So weit gegangen, wie wir können»

    Das «10-Jahre-Jubiläum» stösst dieser Tage nicht überall, aber immerhin hier und da auf Interesse. Journalisten aus dem Ausland fragen nach den Kontakten zu den damaligen Schweizer Festina-Fahrern, den nach einer Woche ausgeschlossenen Alex Zülle, Laurent Dufaux und Armin Meier, welche selber schweigen. Meier, der heutige Tour-de-Suisse-Direktor, bittet um Verständnis und sagt, er habe sich dazu schon oft genug geäussert. Daniel Baal, 1998 der Präsident des forsch handelnden Radsportverbands Frankreichs, meint, im Kampf gegen Doping habe man «Zeit verloren – doch seit zwei, drei Jahren packt der Weltverband UCI das Problem beim Schopf. Der Blutpass ist vielleicht nicht das Allheilmittel, aber eine interessante Methode.» Und Jens Voigt, der redefreudige deutsche Haudegen, sagte vor dem Tour-Start in Brest, wenn die Behörden bezüglich Dopingtests noch einen Schritt weiter gehen wollten, «muss jemand bei mir zu Hause einziehen. Wir sind im Radsport so weit gegangen, wie wir können.» Im Kampf gegen Doping, meint er.

    Die Frage sei dennoch erlaubt (weil naheliegend), ob diese vermeintliche Konsequenz auch zu mehr Sauberkeit geführt hat. Den blossen edlen Schwüren der (Spitzen-)Fahrer ist – mit Verlaub – nicht bedingungslos zu trauen, weil die Unwahrheit im Metier eine Tradition hat. Unzählige Athleten priesen nach dem Festina-Skandal wiederholt einen allgemeinen Mentalitätswandel – ehe sich 2006 herausstellte, dass sie sich selber beim Blutdoping-Spezialisten Eufemiano Fuentes an den Tropf gehängt hatten. Zu den Fuentes-Kunden zählte auch der geständige Deutsche Jörg Jaksche, der vor einem Jahr im «Spiegel» ausführlich Stellung nahm. Er sagte: «Skrupel gab es keine mehr. Du passt dein Leistungsniveau dem Rest an, weil jeder es tut. Im Radsport lebst du in einer Parallelwelt.» Das 1998 gezeichnete Bild von Innen- und Aussenwelt existierte also 2006 weiterhin. Warum sollte dem zwei Jahre später nicht mehr so sein? Warum eigentlich sollte uns im Hause Voigt keine Parallelwelt erwarten?

    Vielleicht, weil die «NZZ am Sonntag» im August 2007 mit Hilfe von Anti-Doping-Experten aus Lausanne zum Schluss kam, die zurückliegende Tour sei eine der saubersten seit langem gewesen (vgl. NZZ vom 5. 7. 08). Indes: Es gebe «immer noch Equipen, in denen gehäuft gedopte Sportler engagiert sind, und es ist nach wie vor so, dass es in bestimmten Ländern viele Athleten mit abnormalen Blutwerten gibt». Dies zielt auf eine der grössten Fehlentwicklungen der Dopingbekämpfung seit 1998: Hatte die flächendeckende Manipulation in den neunziger Jahren zu einer grenzübergreifenden, kruden Chancengleichheit geführt, werden die Sportler heute von Land zu Land mit sehr unterschiedlicher Schärfe kontrolliert und bestraft (wenn überhaupt). Die Verwicklungen des letztjährigen Tour-Siegers Alberto Contador und des heurigen Favoriten Alejandro Valverde in das Fuentes-Kartell sind evident – doch im Gegensatz zu Behörden anderer Länder scheinen spanische Instanzen nicht gewillt, Sportler mit Aussichten auf Grosserfolge zu belangen.

    Erbarmungslose Parallelwelt

    Eine derartige Verweigerung kann man sich erlauben, wo der Ruf der Sportart unter dem Dopingtrubel nicht gelitten hat. Hierzulande ist ausser dem sportlichen Erfolg auch das Interesse kleiner geworden als ehedem, als Tony Rominger und Zülle an der Tour de France Podestplätze erreichten. Seit 1998 setzt die breite, moralisierende Öffentlichkeit Radprofis mit unglaubwürdigen Dopenden gleich – fern der Berücksichtigung etwelcher Bestrebungen für mehr Sauberkeit; in Unkenntnis der druck- und unheilvollen Mechanismen des Mikrokosmos «Spitzenradsport», der einen Profi-Neuling gnadenlos vor die Dopingfrage stellte. Stellte? Oder doch eher stellt? Aus der Parallelwelt tönt dieses und jenes. Aus einer Parallelwelt, die erbarmungslos nicht wieder aufnehmen will, wer als Kronzeuge aufgetreten ist und «Horrorbilder skizziert» hat. Wie zuletzt etwa Jaksche oder Patrik Sinkewitz. – Jaksche sagte jüngst, eine saubere Tour habe es nie gegeben und werde es nie geben. Allein – wie mancher Grossanlass ist schon rein und sauber?

     


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