Donnerstag, 21. August 2008, 23:32:22 Uhr, NZZ Online
cag. Vor, während und nach dem Festina-Skandal – wie sich Schweizer Radprofis dreier Generationen an den Juli vor zehn Jahren erinnern:
Tony Rominger (in den 1990er Jahren dreifacher Vuelta-Sieger und einmal Tour-de-France-Zweiter – Rücktritt 1997): «Wann war dieser Skandal? 1998? Ach, ist das lange her. Es hatte so klein angefangen. Da war diese Meldung von der Festnahme des Pflegers, und dann wurde es unaufhörlich grösser. Ich dachte: <Das ist verrückt!> Der Schock war für alle gross – ob man etwas geahnt hatte oder nicht. Damals hatten wir das Gefühl, dass jetzt alles besser werde. Man sprach von Neuanfang, jedes Jahr, immer wieder. Allein: Der Neuanfang kam nicht. Der Radsport hat es geschafft, jedes Jahr neue Skandale zu produzieren. Das ist traurig.»
Niki Aebersold (1998 nicht an der Tour, aber im Post-Swiss-Team – Rücktritt 2005): «Der Festina-Skandal war für mich ein riesiger Dämpfer. Es war das Jahr meiner grössten Erfolge. Ich hatte zwei Etappen an der Tour de Suisse gewonnen und war Schweizer Meister geworden. Im Juli, als der Skandal auskam, befand ich mich mit meiner Frau in Schweden in den Ferien. Wir waren auch bei Marc Biver und dessen schwedischer Frau zu Besuch. Für ihn war es noch schlimmer – Fahrer wie Dufaux und Zülle waren ja bei ihm unter Vertrag. Aber ich war jung, ich war in der Blüte meiner Karriere, ans Aufhören dachte ich nicht. Wäre ich älter gewesen, hätte mir das vielleicht den Rest gegeben. Derart grossflächiges Doping, wie es bei Festina offenbar im ganzen Team stattfand, gibt es heute nicht mehr. Wer dopt, macht es ohne den ganzen Teamapparat hinter sich.»
David Loosli (1998 Junior im Radrennklub Bern, seit 2004 Profi – heuer bei Lampre, aber nicht an der Tour): «Festina war eine Bombe, für alle. Als Insider, selbst als Nachwuchsfahrer, hatte man vielleicht etwas geahnt. Hart war es dennoch. Abgeschreckt von einer Profikarriere hat mich das nicht. Vielleicht hatten wir damals gehofft, es werde nun alles besser. Wir waren jung, wir trainierten, wir gewannen Rennen – wir hatten das Bedürfnis zu schauen, wie weit wir kommen auf dem sauberen Weg; wir waren ja schon gut. Und ich muss sagen: Vor 1998 wäre ich wohl deutlich weniger weit gekommen als nach 1998. Mein Hämatokritwert liegt zwischen 40 und 44, nach einer Tour de Suisse ist er bei 38. Erlaubt sind 50. ^
Als die sich alle an die 50 herandopten, hätte ich nach dem ersten Tag an einer Rundfahrt wohl aussteigen müssen, so chancenlos wäre ich gewesen. – Ob sich etwas geändert hat? Wenn es war, wie alle erzählen, dass vor 1998 also jeder gewusst habe, dass alle dopen, dann hat sich etwas geändert: Ich habe keine Ahnung, wer noch dopt und wie viel gedopt wird. Jedoch ärgert es mich, dass Leute wie Basso und Ullrich bestraft wurden nach dem Fuentes-Skandal 2006 in Spanien – und einige Spanier fahren munter weiter, als ob ihre Namen nicht auch auf der Fuentes-Liste stünden. Das ist eine Schweinerei, das schadet dem Sport.»
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