Donnerstag, 21. August 2008, 23:23:58 Uhr, NZZ Online
Remo Geisser
Der Schuh-Guru hat bereits intensiv am chinesischen Asphalt geschnüffelt. Im April reiste Dr. Hitoshi Mimura nach Peking, um sich die olympische Marathonstrecke genau anzuschauen. Jetzt tüfteln er und sein Team in Kobe an der richtigen Gummimischung für Viktor Röthlin. Gesucht ist der ideale Grip für eine Sohle, die genau auf den Laufstil des WM-Dritten abgestimmt ist. Schliesslich wird Mimura drei Paar Schuhe anfertigen lassen: je eines für Regen und schönes Wetter und ein drittes, das genau jenem entspricht, mit dem Röthlin im Februar den Tokio-Marathon gewann. «Die Japaner haben Mühe, sich auf etwas festzulegen», sagt Röthlin, «also überlassen sie mir letztlich die Wahl.»
Den Spezialservice erhält der Schweizer erst seit den WM 2007 in Osaka. Als EM-Zweiter des Vorjahres war er in der internen Hierarchie seines japanischen Ausrüsters Asics deutlich nach oben geklettert. Zuvor hatte der Obwaldner bei seinen Rennen Frauenschuhe getragen, weil Männermodelle ab Stange für seine schmalen Füsse zu breit waren. In Japan sind die Leute zierlicher und leichter. Hier fand man einen Männer-Leisten, der passte. Der Aufbau des Schuhs ist mit dem identisch, was man im Sportgeschäft findet. Einzig die Innenschuh-Sohle wird an die Füsse des Sportlers angepasst. Und weil Röthlin zwei unterschiedlich grosse Füsse hat, bekommt er auch zwei verschiedene Schuhe: links Grösse 42, rechts Grösse 42,5. Der Rest ist Laufen.
Was werden Sie für Peking ganz bestimmt in Ihre Reisetasche packen? Meine Laufschuhe, die darf ich nicht vergessen. Ich werde von meinem Ausrüster drei verschiedene Modelle mit unterschiedlichen Sohlen bekommen. Welche ich im Marathon trage, werde ich erst kurz vor dem Rennen entscheiden. Mit wem möchten Sie in Peking das Zimmer teilen? Diese Frage erübrigt sich, weil ich nicht im olympischen Dorf wohnen werde. Meine unmittelbare Olympiavorbereitung werde ich in Hong Fu Garden absolvieren, etwa acht Kilometer nördlich von Peking. Dort habe ich ein Hotelzimmer. Welchem Sportler würden Sie im olympischen Dorf gerne begegnen? Ich bin kein Sportfanatiker, der ständig schaut, wer alles herumsteht. Eine meiner eindrücklichsten Begegnungen bisher war die mit Roger Federer. Es ist unglaublich, wie locker und natürlich er ist. Dass er der grosse Weltstar der Schweiz ist, merkt man ihm nicht an. Was ist Ihr letzter Gedanke vor dem Start? Habe ich die Schuhe gebunden? Kurz vor dem Start bin ich ganz ruhig und konzentriert. Dann macht es «bum», und ich bin in meiner eigenen Welt. Ich laufe, und ich weiss: Es wird brutal. Können Sie mit Stäbchen essen? Das geht nicht immer gleich gut. Meinen grössten Kampf habe ich im Februar in Tokio ausgetragen, als ich versuchte, die glibbrigen Nudeln mit Stäbchen aus einer Noodle Soup zu fischen. Ich habe mich dabei ziemlich bekleckert.
Laufen, laufen, laufen. Das ist Röthlins Beruf. Manchmal ist er morgens um sechs schon unterwegs, frisst vor dem Frühstück Kilometer. Aber weil er das als Berufung sieht, nicht als Job, ist für ihn das Laufen kein Abstrampeln, sondern ein Geniessen. Die erwachende Natur erleben, die Vögel singen hören, die innere Ruhe spüren, die durch den gleichmässigen Rhythmus des Laufens entsteht. Ein Privileg sei das, sagt er. Er hat es Tag für Tag, über 200 Kilometer pro Woche. Röthlin ist im Unterschied zu vielen anderen Läufern kein Erbsenzähler. Welche Strecke er jährlich zurücklegt? «Das müsste ich ausrechnen.» Wie oft er in seiner Karriere schon die Welt umrundet hat? «Keine Ahnung.» Wenn man nachrechnet, ergeben sich erstaunliche Zahlen. Der Weg nach Peking misst für den Marathonläufer rund 3000 Trainingskilometer. Das entspricht der Distanz von Zürich bis ans Nordkap, gelaufen in 15 Wochen. Und das alles, um ein Schrittchen weiterzukommen. Röthlin rannte seinen ersten Marathon 1999 in 2:13:36. Zuletzt lief er in Tokio in 2:07:23 Schweizer Rekord. Das ergibt in neun Jahren eine Verbesserung um neun Sekunden pro Kilometer, eine Sekunde pro Jahr. Ja, Marathon ist harte Arbeit. Auch wenn man sie aus Berufung verrichtet.
Was treibt einen Menschen dazu an? Es ist wie bei einer Uhr die innere Unruhe, der Drang, sich zu bewegen und weiterzukommen. Der Trainer war für Röthlin von Anfang an ein Lehrer, nicht ein Mentor. Unter Robert Haas lernte der Läufer im STV Alpnach zuerst das kleine und dann das grosse Einmaleins des Sports, und er lernte vor allem von Anfang an, selbst Verantwortung zu übernehmen. Auf den Jugendtrainer folgte denn auch nicht ein Profitrainer, sondern Röthlin begann im Jahr 2000, seine eigenen Trainingspläne zu schreiben. Das sei die Phase gewesen, in der allerlei Leute dreinreden wollten. Doch der Läufer ging seinen Weg. Er holte sich mit Bernard Marti einen Mentor, der ihn ein Stück weit begleitete, und dann lief er allein weiter. Heute ist der Nationaltrainer Fritz Schmocker eine wichtige Bezugsperson. Er strampelt auf Longruns mit dem Velo neben Röthlin her, und er nimmt Einfluss, wenn er das Gefühl hat, dass sich der Athlet übernimmt.
Ja, Röthlin muss nicht angetrieben werden, aber manchmal etwas gebremst. 2004 erlebte er auf schmerzhafte Weise, was es bedeutet, wenn man als Marathonläufer zu weit geht. Schon damals war sein grosses Ziel Olympia, und auch vor den Spielen von Athen war er im Frühling Landesrekord gelaufen. Er wollte noch einen draufsetzen und war im Training vielleicht etwas übermotiviert. Im Engadin war es kalt, dann musste der Olympiateilnehmer auf Geheiss des Leichtathletikverbandes an den Landesmeisterschaften über 5000 m antreten. Und plötzlich schmerzte die Leiste. Röthlin hatte sich eine Entzündung des Schambeins zugezogen, die Vorstufe zu einem Ermüdungsbruch. Dennoch wollte er unbedingt an die Spiele. Auf der mythischen Strecke von Marathon nach Athen lief er so lange gegen den Schmerz an, bis es nicht mehr ging. Nun ist wieder ein Olympiajahr, und wieder ist die Form so gut wie nie zuvor. Als Röthlin zwei Monate nach dem Tokio-Marathon einen Block mit schnellen Trainingseinheiten auf der Bahn in Angriff nahm, meldete sich Peter Haas, der Leistungssportchef des Verbandes, und fragte: «Wie war das 2004?» – «Anders», sagte Röthlin, «ich bin mir meiner Fehler von damals bewusst.» Dennoch gibt es keine Garantie, dass nun alles gutgeht. Weil es bei Olympia keine Kompromisse gibt. «Ich muss bis Peking die beste Form meines Lebens erreichen», sagt Röthlin.
Die Verantwortung dafür trägt er als sein eigener Trainer ganz allein. Doch woher nimmt er das Know-how für die richtige Planung. Erfahrung ist ein wichtiges Stichwort – Röthlin läuft seit bald zehn Jahren Marathon. Er hat in dieser Zeit auch stets versucht, von anderen zu lernen. Zum Beispiel in Kenya, wo er Weltklasseläufern genau auf die Füsse schaute. Zuerst war er für die Afrikaner bloss eine Art Tourist in Turnschuhen. Er profitierte von der Höhenlage und rannte ab und zu in einer Gruppe mit, die seine Wege kreuzte. 2003 klassierte er sich in einem Halbmarathon in Eldoret weit vorne. Das Rennen wurde organisiert von Gabriele Rosa, einem Italiener, der seit Jahren kenyanische Spitzenläufer trainiert. Rosa erlaubte dem Schweizer, in seiner Gruppe zu trainieren. Dieser gehört zum Beispiel Martin Lel an, der mehrfache Sieger des London-Marathons.
Quasi als Gegenleistung ging Röthlin eine Zusammenarbeit mit Rosas Sohn Federico ein. Dieser vermittelt dem Schweizer Starts im Ausland und erhält dafür 15 Prozent der Antritts- und Preisgelder. In diesem Jahr schliesst sich Röthlin erstmals auch ausserhalb von Kenya der internationalen Gruppe an. Mit rund 20 von Gabriele Rosa betreuten Läufern, darunter dem gesamten kenyanischen Marathon-Olympiateam, wird er im Juli im Südtirol trainieren. Das hat sportlich sicher Vorteile, doch der Schweizer Läufer begibt sich auch in ein heikles Umfeld. Gabriele Rosa wird als italienischer Arzt sehr aufmerksam beobachtet und wurde schon mehr als einmal mit Doping in Verbindung gebracht. Röthlin sagt: «Er hat mit meiner medizinischen Betreuung nichts zu tun.» Ausserdem gibt sich der Obwaldner überzeugt, dass der Dottore sich nur mit Trainingswissenschaft befasse. «Als ich ihn vor dem New-York-Marathon traf, wusste er nicht einmal, wie man ein Kohlehydrat-Getränk mischt.»
Röthlin hat sich immer wieder prononciert gegen Doping ausgesprochen. Letztlich gilt aber auch für ihn, was er einmal in einem Interview sagte: «Man kann nur für sich selbst in den Spiegel schauen.» Dort sieht er noch immer den kleinen Buben, der einst einer werden wollte wie Markus Ryffel, Olympiazweiter 1984 über 5000 m. Am 24. August hat Viktor Röthlin in Peking ein Rendez-vous mit seinem Traum. Bis dahin sind es noch rund 2000 Kilometer.
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