Mittwoch, 09. Juli 2008, 13:27:31 Uhr, NZZ Online
Team Canada bezwingt im Halbfinal Schweden 5:4 – nun wartet Russland
Von Thomas Renggli aus Québec
Exakt 14 Tage hatte es gedauert, bis das Colisée (mit 13'026 Zuschauern) während der Weltmeisterschaft zum ersten Mal ausverkauft war. Die Ankunft der kanadischen Mannschaft löste im zuvor eher distanzierten Heimpublikum aber doch noch die grosse Begeisterung aus, hob die Dezibelwerte im altehrwürdigen Stadion bis an die Schmerzgrenzen und machte deutlich, dass Québec eine wahre Eishockeystadt ist und die früheren Nordiques schmerzlichst vermisst werden.
Die kanadische NHL-Auswahl, die zuvor sämtliche Spiele in Halifax ausgetragen hatte, stürzte sich in dieser atemberaubenden Atmosphäre ohne Rücksicht auf Verluste in die Vorwärtsbewegung, suchte jeden Check und schien ihren Gegner förmlich überrennen zu wollen. Und sie kam schon in den Startminuten zu Topchancen im Minutentakt. Kunitz, St. Louis, Toews und Getzlaf scheiterten aber mit ihren Abschlussversuchen am schwedischen Goalie Lundqvist. In der 7. Minute führte das kanadische Startfurioso zur zweiten Strafe gegen einen Schweden – und zum 1:0. Heatley. vor dreieinhalb Jahren für ein paar Wochen im SC Bern engagiert, verschärfte einen Schuss von Burns zum unhaltbaren Querschläger: 1:0. Es war bereits der 11. WM-Treffer (und der 17. Punkt) des Topscorers am Turnier.
Zu diesem Zeitpunkt musste man für die Schweden das Schlimmste befürchten. Denn die Intensität und die Geschwindigkeit, die das Heimteam in den Rink trug, liess fast die Stadionwände erzittern. Doch die Skandinavier, mit zehn NHL-Profis in Québec vertreten, verloren den Boden unter den Füssen nicht. Allmählich tasteten sie sich in die Partie vor, bekamen das Geschehen besser unter Kontrolle und standen dem Ausgleich in der 15. Minute erstmals nahe. Hörnqvist und Marcus Nilson scheiterten aber am kanadischen Torhüter Leclaire. Trotzdem fiel der Ausgleich noch vor Drittelsende. Nach einem herrlichen Rückpass von Niclas Wallin zog Stralman ab: 1:1.
Der Treffer war der Ausgangspunkt eines grandiosen Spektakels, in dem im Mitteldrittel die Führung dreimal wechselte, in dem um jeden Zentimeter Eis gekämpft wurde und die schwedisch Auswahl dem Heimteam in nichts nachstand, letztlich aber trotzdem entscheidend in Rücklage geriet. In der 23. Minute deutete allerdings noch nichts darauf hin. Denn Niclas Wallin brachte die Gäste 2:1 in Führung. Im Colisée wurde es ruhig – aber nur vorübergehend. Denn 72 Sekunden später glich Getzlaf im Powerplay aus, und in der 29. Minute konnten die Kanadier die neuerliche Führung bejubeln: Meyers düpierte Lundqvist mit einem Schuss über die Schultern. In der Entstehung beider Tore hatte der schwedische Verteidiger Magnus Johansson, 2003 in Langnau engagiert, keine gute Figur gemacht. Zuerst liess er sich von Getzlaf überlaufen, vor dem 2:3 schlug er über den Puck.
Doch die Skandinavier waren noch nicht besiegt. Wieder durch Stralman (diesmal mit einem abgefälschten Distanzschuss in Überzahl) zogen sie in der 32. Minute gleich. Aber ihr Glück dauerte nur 63 Sekunden. Dann wählte Rick Nash, der Flügelstürmer aus Columbus, der während des Lock-outs (2005) in Davos entscheidend zum Gewinn des Schweizer Meistertitels beigetragen hatte, den Weg durch die Mitte – es war die goldenen Mitte: 4:3.
In der Schlussminute des zweiten Abschnitts brach das Unheil kübelweise über die schwedische Mannschaft herein. Wallin sass bereits auf der Strafbank, da verletzte Frogren den kanadischen Stürmer Spezza mit dem Stock im Gesicht. Das Blut floss in Strömen, Frogren musste auf die Strafbank und seine Teamkollegen kassierten das 3:5 – durch den kanadischen Verteidiger Green, der den letzten Angriff zu einem grandiosen Solovorstoss nutzte, alle stehen liess und sieben Sekunden vor der Sirene präzis in die hohe Torecke traf. Es war die Entscheidung. Zwar gelang den Schweden – sozusagen aus dem Nichts – fünfeinhalb Minuten vor Schluss durch Warg der Anschlusstreffer, doch vom Kurs abbringen liess sich das Heimteam nicht mehr.
Der Spielausgang machte nicht nur das Heimpublikum, sondern auch die lokalen Veranstalter (und die IIHF) wunschlos glücklich. Denn alles andere als ein Final zwischen Kanada und Russland – eine Premiere in der WM-Geschichte übrigens – hätte nicht dem Drehbuch entsprochen. Nun aber können die Vergleiche zu den epischen Duellen der beiden Eishockey-Grossmächte während des kalten Krieges gezogen werden – zu den Summit-Series 1972, als sich die Nordamerikaner in Moskau im achten und entscheiden Spiel dank einem Treffer 34 Sekunden vor Schluss durchsetzten oder zu den legendären Partien im Rahmen des Canada-Cups, als die Kanadier gegen den sportlichen Klassenfeind (1976, 1984, 1987 und 1991) viermal triumphierten und Wayne Gretzky zur ganz grossen Figur avancierte. Nur die Erinnerungen ans Turnier 1981 dürften in Québec ausgeblendet werden. Damals setzte sich die sowjetische Auswahl 8:1 durch. Tatort war Montreal – in der Provinz Québec.
Colisée, Québec City. - 14'526 Zuschauer. - Schiedsrichter: Looker/Rönn (USA/Finnland), Fonselius/Novak (Finnland/Slowakei). - Tore: 6. Heatley (Burns, Mike Green/Ausschluss Magnus Johansson) 1:0. 20. (19:15) Stralman (Weinhandl, Ledin) 1:1. 23. (22:46) Niclas Wallin (Martensson, Weinhandl) 1:2. 24. (23:58) Getzlaf (Mike Green/Ausschluss Stralman) 2:2. 29. Mayers (Chimera, Spezza) 3:2. 32. (31:26) Stralman (Robert Nilsson/Ausschluss Keith) 3:3. 33. (32:29) Nash (Getzlaf, Heatley) 4:3. 40. (39:53) Mike Green (Leclaire/Ausschlüsse Niclas Wallin, Frögren) 5:3. 55. Warg (Fabricius, Niclas Wallin) 5:4. - Strafen: 4-mal 2 Minuten gegen Kanada, 7-mal 2 Minuten gegen Schweden.
Kanada: Leclaire; Burns, Keith; Bouwmeester, Hamhuis; Staios, Jovanovski; Mike Green; Heatley, Getzlaf, Nash; Doan, Toews, Derek Roy; Sharp, Spezza, Chimera; St. Louis, Eric Staal, Kunitz; Mayers.
Schweden: Lundqvist (ab 41. Tellqvist); Stralman, Douglas Murray; Edler, Niclas Wallin; Magnus Johansson, Frögren; Hörnqvist, Nicklas Bäckström, Robert Nilsson; Marcus Nilson, Rickard Wallin, Ekman; Weinhandl, Martensson, Ledin; Warg, Johan Andersson, Fabricius; Holmqvist.
Bemerkungen: Schweden ohne Kenny Jönsson (verletzt). Pfostenschuss Mike Green (23.). Schweden ab 59:24 ohne Torhüter. Time-out Schweden (59:29). - Schüsse: Kanada 39 (12-15-11); Schweden 34 (11-12-11). - Powerplay: Kanada 3/4; Schweden 1/3.
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