Donnerstag, 04. Dezember 2008, 07:44:22 Uhr, NZZ Online
In Alejandro Valverde hat die TdF einen ersten unliebsamen Leader
Von Benjamin Steffen, Plumelec
Von 180 Teilnehmern der Tour de France hätten 179 dem Motto «Neuanfang» mehr Glaubwürdigkeit verliehen als der Sieger der 1. Etappe zwischen Brest und Plumelec (197,5 Kilometer). Dank dem bekannt explosiven Antritt am Ende einer nahrhaften Steigung vor Schluss gewann just Alejandro Valverde – womit die 95. Tour beginnt, wie die 94. endete: mit einem unliebsamen Ersten aus Spanien. Wie der letztjährige Schnellste Alberto Contador (mit Astana heuer ausgesperrt) gilt Valverde seit zwei Jahren als mutmasslicher Kunde des Blutdoping-Arztes Fuentes.
2007 wurde bis kurz vor Tour-Start über einen Ausschluss Valverdes gemutmasst, doch fehlte den Organisatoren die reglementarische Handhabe. Wie den von Landesverbänden nach (Teil-)Geständnissen mit Sperren belegten Ivan Basso («Birillo») und Jörg Jaksche («Bella») ist in den 2006 beschlagnahmten Fuentes-Akten auch Valverde der Name (s)eines Hundes («Piti») als Code zugeordnet, doch musste der zweifache WM-Zweite (2003, 2005) keine Konsequenzen gewärtigen. Auf die Zusammenarbeit mit Fuentes angesprochen, gab Valverde in Plumelec die erwartete Antwort: «Kein Kommentar.» Ein überzeugendes Verteidigungsplädoyer tönt anders, der Beigeschmack verfliegt darob nicht.
Gewiss, wer Valverde wohlgesinnt sein und an diese Tour glauben will, fällt noch kein bloss auf der Vergangenheit beruhendes Urteil – sondern vertraut den Dopingkontrollen, die von den Tour-Chefs repetitiv als sehr fortschrittlich gepriesen werden. Man könnte den 28-jährigen Valverde schlicht an den Resultaten der Dopingproben und den jüngsten Leistungen messen, die ihn etwa als Sieger der Juni-Rundfahrt Dauphiné Libéré ausweisen. Der Triumph spülte den letztjährigen Tour-Sechsten in den Favoritenkreis – allein: Es zeugt von traditioneller Kurzsichtigkeit, den Dauphiné-Sieger zum Favoriten für die Juli-Tage zu befördern. Das Frankreich-Double Dauphiné/Tour schaffte zuletzt der Dauer-Dominator Armstrong (2002 und 2003); seither gelang dem Dauphiné-Sieger nicht einmal der Sprung in die Top 3 – Mayo (2004), Landaluze (2005), Leipheimer (2006) und Moreau (2007) fuhren am Podest weit vorbei oder erreichten Paris gar nicht.
Die Skepsis um den Sieger überschattet die Unterhaltsamkeit der 1. Etappe, die wahlweise als spannend oder unruhig bezeichnet werden kann – die Tour-Verantwortlichen erhielten, was sie sich vom Verzicht auf den Prolog versprochen hatten. Die Bildung einer achtköpfigen Fluchtgruppe initiierte mit Lilian Jégou standesgemäss ein Bretone, ehe die Ausreisser rechtzeitig gestellt wurden und in der Schlusssteigung etliche Mitfavoriten an der Spitze auftauchten; Kim Kirchen, Cadel Evans, Riccardo Ricco und Fränk Schleck erreichten die Ränge 4 bis 7.
Weniger Glück war dem letztjährigen Kletterkönig Juan Mauricio Soler beschieden, der (wie der Schweizer Johann Tschopp) in einen von vier Stürzen verwickelt war und mehr als drei Minuten einbüsste. Kann der ungestüme Kolumbianer die Tour fortsetzen, gewinnt er der frühen Einbusse vielleicht auch Positives ab – er dürfte im Gebirge eher Auslauf erhalten und nach Bergpreispunkten hecheln. Valverde indes sollte wohl nicht so schnell aus den Augen gelassen werden. In doppelter Hinsicht.
1. Etappe, Brest-Plumelec (197 km): 1. Valverde (Sp) 4:36:07 (42,916 km/h). 2. Gilbert (Be) 0:01 zurück. 3. Pineau (Fr). 4. Kirchen (Lux). 5. Ricco (It). 6. Evans (Au). 7. Fränk Schleck (Lux). 8. Pozzato (It). 9. Freire (Sp). 10. Pereiro (Sp). 11. Millar (Gb). 12. Cobo (Sp). 13. Carrara (It), alle gleiche Zeit. 14. Sastre (Sp) 0:07. 15. Hushovd (No). 16. Cancellara (Sz). 17. Andy Schleck (Lux). 18. Vandevelde (USA). 19. Sanchez (Sp). 20. Schumacher (De). 21. Cunego (It). 22. Zabel (De). - 26. Mentschow (Russ). 29. Hincapie (USA). 30. Elmiger (Sz). 46. Kreuziger (Tsch), alle gleiche Zeit. 80. Bertogliati (Sz) 0:49. 83. McEwen (Au) 0:57. 133. Tschopp (Sz) 2:00. 155. Jégou (Fr), gleiche Zeit. 170. Soler (Kol) 3:04. - 180 Fahrer gestartet, 179 klassiert. - Aufgegeben: Duclos-Lassalle (Fr) wegen Sturz. - Das Gesamtklassement ist identisch mit dem Etappenklassment und Valverde somit der erste Leader.
Vorbericht:
Tage der Versöhnung
Cadel Evans:
Die Hoffnung der Tour
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