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  • 5. Juli 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Tage der Versöhnung

    Tage der Versöhnung

    Die Tour de France startet unter ruhigeren Vorzeichen als vor Jahresfrist, doch einige Fragen bleiben

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    In den nächsten Wochen absolviert der Radsport auf der prestigeträchtigsten Bühne wieder einmal ein Rennen für mehr Glaubwürdigkeit. Sowohl Optimisten als auch Pessimisten finden Argumente, weshalb der Kampf zum Erfolg führen könnte – oder eben nicht.


    bsn. Brest, 4. Juli

    Der Tour de France droht die sportliche Anarchie – weil die Veranstalterin ASO fast diktatorisch eingegriffen hat. Ein Widerspruch? Keineswegs. Wie 2006 nach dem Rücktritt des texanischen Zweirad-Sheriffs Lance Armstrong, wie 2007 nach dem Doping-Absturz des Überflug-Gewinners Floyd Landis beginnt am Samstag auch die Tour 2008 ohne Vorjahressieger und prädestinierten Feld-Weibel: Der Equipe Astana, die den letztjährigen Schnellsten, Alberto Contador, beschäftigt, ist die Teilnahme verweigert worden, weil sie 2007 drei Dopingfälle generierte.

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    Zwei Fliegen auf einen Streich

    Näher besehen richtet sich der diktatorische Eingriff nicht nur gegen das Astana-Debakel 2007, das ohnehin viele Exponenten fortgeschwemmt hat. Nein, der ASO kommt gelegen, dass 2008 neu Johan Bruyneel, der ewige Teamchef Armstrongs, die Astana-Geschicke leitet und den von Dopinggerüchten umwehten Contador aus dem aufgelösten Discovery-Team mitgenommen hat. So kann die ASO für den Ausschluss Bruyneels und Contadors (und Levi Leipheimers und Andreas Klödens) offiziell die Astana-Sünden 2007 geltend machen – und zugleich am Umfeld des ungeliebten Armstrong etwas süsse Rache üben. Armstrong ist dies freilich nicht entgangen. Er sagte in einer waghalsigen Pauschalisierung, die ASO treibe Spielchen und erweise dem Sport, den Fans, den Medien und Contador einen schlechten Dienst – das werde sich rächen.

    Mit Verlaub: Wann im Radsport welche Rache kommt, ist traditionell ungewiss, denn Vater der Rache ist oft der Zufall. So wurde vor Jahresfrist Bjarne Riis, der Doping-geständige Tour-Sieger 1996, zur persona non grata erklärt, weshalb er sein Team CSC nicht an die Grande Boucle begleitete. Erik Zabel, auch geständig und mit der Aberkennung des Punktetrikots 1996 bestraft, durfte indes als werdender Senior an den Start gehen, ebenso Christophe Moreau, französisches Fossil und 1998 im Festina-Fall EPO-entlarvt.

    Und 2008? Zabel ist am Start, Moreau sowieso, beide vermutlich zum letzten Mal und keineswegs überraschend. Allein – zurück im Kreis der Geduldeten ist auch Riis, was nicht kategorisch verurteilt werden soll, die ASO-Ächtung 2007 aber als pure Machtdemonstration demaskiert. Der Paradoxa nicht genug: Unter klar weniger scharfer Beobachtung als vor zwölf Monaten startet heuer Alejandro Valverde, den Indizien nach wie vor als Kunden des Blutdoping-Spezialisten Eufemiano Fuentes vermuten lassen.

    Riis, Initiator eines CSC-internen Anti-Doping-Programms, und Valverde profitieren dieser Tage von tendenziell versöhnlicher Stimmung – oder ist es Vergesslichkeit? Anders als im Sommer 2007 haben bisher keine die Vergangenheit betreffenden Doping-Geständnisse Sand aufgewirbelt, der vielen die Klarsicht nahm; und anders als 2007 gibt sich kein Fahrer derart dreist wie Alexander Winokurow, der damals kurz vor Tourstart die Zusammenarbeit mit Michele Ferrari eingestand. Dem leichtgläubigen Teil des Publikums konnte Winokurow den Preparatore so lange als puren Trainer «verkaufen», bis er nach zwei Tourwochen des Blutdopings überführt wurde.

    Bekenntnisse auf öffentlichen Druck erfolgten heuer noch nicht; über eine Kooperation des Tourfavoriten Cadel Evans mit Ferrari wurde erst leise spekuliert. Das lässt zwei Schlüsse zu: Entweder ist die Kundschaft Ferraris in der Tat klein und kleiner geworden – oder noch schweigsamer. Zumindest im Fall der designierten Spitzenfahrer ist Skepsis erlaubt. Anfang August 2007 zog die «NZZ am Sonntag» mit Hilfe von Werten aus dem Anti-Doping-Labor in Lausanne das Fazit, die zurückliegende Tour sei eine der saubersten seit langem gewesen – sogar bei grösster Vorsicht lasse sich sagen, 75 Prozent der Fahrer seien nicht gedopt gewesen. Doch konnte etwa der Zweite Evans, nur 23 Sekunden langsamer als Contador, wirklich dazugehören?

    Viel Einsatz, wenig Routine

    Gewiss, man mag sagen, bloss Gegenwart und Zukunft zählten – und nach offizieller Diktion ist das Kontrollregime strenger als je zuvor. Der Weltverband UCI hat den Blutpass eingeführt und damit in der Öffentlichkeit Goodwill gewonnen – und könnte sich einen Spass daraus machen, just während der Tour einen Fahrer auffliegen zu lassen und der ASO damit einen Streich zu spielen. Der ASO liegen die UCI-Blutwerte nicht vor, weil sie sich im Streit losgesagt hat und das Rennen – und damit auch die Dopingkontrollen – unter französischer Hoheit durchführt. Beobachter sagen, die ASO gebe sich auf der Dopingjagd Mühe, doch fehle ihr augenfällig Routine.

    Immerhin hat die ASO gedroht, die Athleten auch auf den Einsatz von Wachstumshormonen zu testen; zudem scheint sie zielgerichtet vorzugehen. Jonathan Vaughters, der Boss des transparenten Anti-Doping-Parolen-Teams Garmin, sagte am Donnerstag, die Franzosen hätten bisher rund 80 Kontrollen vorgenommen, «von uns war kein Fahrer betroffen». Wer weiss: Vielleicht verschont die ASO Profis dieser Teams, die sich in einem Akt der Transparenz verpflichtet haben, die Bücher mit medizinischen Daten untereinander auszutauschen (Rabobank, Columbia, Gerolsteiner, AG2R, Bouygues, Cofidis, Crédit Agricole, Française des Jeux, Garmin, Agritubel). Was hält denn Spanier, Italiener, Belgier davon ab, an diesem Akt der Transparenz mitzumachen?

    Der Radsport-Defaitist sagt, bisher sei stets auch der kleinste Hoffnungsschimmer wieder erloschen. Der Optimist indes betont, die fetten Doping-Negativschlagzeilen seien 2008 noch ausgeblieben. Was ist, wenn's dabei bleibt? Gäbe es wirklich Grund zur Hoffnung, falls die 95. Tour sauber und erfreulich verläuft? Weshalb bestünde nicht Anlass zur Vermutung, die Profis seien schlicht wieder klüger geworden und den Jägern einen weiteren Schritt voraus? Ein Insider sagt: «Diese Vermutung ist weniger berechtigt als früher, weil alte Seilschaften nicht mehr bestehen, die den Einsatz von Dopingmitteln deckten.» Wie rasch entstehen eigentlich neue Seilschaften?

     


    . Lesen Sie mehr zum Thema Ausgabe 2008: Die Tour will anders sein
    Link: http://www.nzz.ch/nachrichten/sport/aktuell/die_tour_will_anders_sein_1.776988.html

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