Donnerstag, 04. Dezember 2008, 07:44:56 Uhr, NZZ Online
bsn. Die Tour-Verantwortlichen nehmen's offensichtlich ernst mit dem oft zitierten «Neustart» – sie haben tatsächlich einen anderen Start gewählt als stets in den letzten 41 Jahren. Erstmals seit 1966 beginnt die Grande Boucle nicht mit einem Rennen gegen die Uhr (Prolog, Einzel- oder Teamzeitfahren), sondern mit einer Etappe mit Massenstart. In einem Prolog hätten nur ein halbes Dutzend Fahrer Erfolgschancen hegen können, sagt der Tourdirektor Christian Prudhomme, doch im knapp 200 Kilometer langen Teilstück von Brest nach Plumelec besässen weit mehr Athleten gute Aussichten.
Das eher flache Profil mit vier Bergpreisen der vierten (tiefsten) Kategorie scheint auf den ersten Blick auf Sprinter zugeschnitten, doch eine Steigung kurz vor dem Ziel streut eine Prise Ungewissheit ein, weshalb prompt fast jeder Fahrer gefragt wird, ob er zum Auftakt Siegeslust verspüre – und, selbstredend, jeder sagt, ja, er verspüre. Bravo, Monsieur Prudhomme, Werbeeffekt erreicht!
Mit dem Prolog-Verzicht geht die Abschaffung aller Zeitbonifikationen einher. Laut Prudhomme dienten Bonifikationen früher primär den Sprintern, die im Prolog verlorene Sekunden gutmachen und in der ersten, flachen Woche aufs Leadertrikot aspirieren konnten. Im Maillot jaune wird heuer vor dem Gang in das Gebirge am ehesten ein starker Zeitfahrer erwartet, weil am Dienstag in Cholet eine 29 Kilometer lange Prüfung gegen die Uhr stattfindet. Als Kandidat gilt der Weltmeister Fabian Cancellara, der jedoch sagt, was Monsieur Prudhomme gerne hört – er rechne sich schon am ersten Tag durchaus Chancen aus. Würde der Berner Leader, erwartete ihn bereits vor dem Gang in die Pyrenäen eine seriöse Bewährungsprobe, da sich am nächsten Donnerstag das Ziel auf dem Plateau von Super-Besse befindet.
Die Gesamtwertung nimmt Cancellara – allen Tour-Neuerungen zum Trotz – freilich nicht ins Visier. In Abwesenheit seiner letztjährigen Podestkollegen Alberto Contador (Rang 1) und Levi Leipheimer (3) wird dem Australier Cadel Evans die Favoritenrolle zugeschanzt, obwohl der Allrounder bisher bedingt als Siegfahrer aufgefallen ist. Zum erweiterten Kreis der Sieganwärter gehören Carlos Sastre (2007 4.), Alejandro Valverde (6.), Kim Kirchen (7.) oder Damiano Cunego (Giro-d'Italia-Gewinner 2004). Doch Prognosen, die in der Vergangenheit gründen, greifen oft zu kurz. Wer rechnete einst etwa mit Lance Armstrong (1999), Oscar Pereiro (2006, als Erbe Floyd Landis') oder Contador (2007) als neuem Toursieger? Eben.
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